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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.02.2019

Aus den FeuilletonsGib dem Affen Zucker

Von Ulrike Timm

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Zwei Orang-Utans halten sich im Arm. (Imago | Mint Images)
Halten Sie sich fest: Es gibt 230 neue Emojis - eines davon ist ein nachdenklicher Orang Utan (Imago | Mint Images)

Die Berlinale kommt auch im Wochenrückblick der Kulturpresseschau zu ihrem Recht. Aber es gab noch andere Themen. Die Eröffnung der neuen BND-Zentrale beispielsweise. Und 230 neue Emojis. Auch eins vom Orang Utan, wie die "Süddeutsche Zeitung" feststellt.

"Die Stahlpalme vor dem BND-Schießschartenhaus ist Kunst. Ohne Abhöranlage. Das ergab sich, hm, glaubhaft aus der Anfrage der Grünen im Senat", lesen wir in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Schießschartenhaus", weil die schmalen Fenster des neuen BND Gebäudes an Schießscharten erinnern würden. In Berlin versucht die neu eröffnete BND-Zentrale, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Vorher war man in Pullach untergebracht, versteckt im Wald an der Isar.

Ein offener Nachrichtendienst?

"Dem Besucher schrie die Anlage hinter Stacheldraht und ostentativ herumschwenkenden Kameras zu: 'Verschwinde! (…) das geht dich nichts an – und eigentlich bin ich gar nicht da….'. Jetzt, da sich der BND zum neuen Haus ein neues Image geben will, ruft das Haus immer noch: 'Hau ab!' Aber jetzt behauptet es nicht mehr, es sei eigentlich gar nicht da, es sagt im Gegenteil: 'Ich bin ja so was von fett präsent.' Mit der Mitte der Gesellschaft hat das nichts zu tun. Wie soll das auch gehen: Wie soll ein Nachrichtendienst 'offen' sein?" fragt die SÜDDEUTSCHE.

Der Orang Utan kratzt sich nachdenklich am Kopf. Aber den kriegen wir später.

Erstmal an einen ganz offenen Ort – die Berlinale. Als größtes Publikumsfestival weltweit lockt sie jedes Jahr Hunderttausende Kinobesucher an. 

Der Eröffnungsfilm ist eher mau

"Die Berlinale begann dieses Jahr eindeutig: gut." Behauptet die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGZEITUNG. "‘Gut‘ jedenfalls ganz sicher im Sinne von: gütig, liebenswürdig, gut als Übersetzung des englischen 'kind'. The Kindness of Strangers hieß der Eröffnungsfilm." Die meisten Kritiker allerdings fanden ihn eher mau, wie überhaupt die Erwartungen ein wenig verhalten ausfallen. "Es werden (…) vermutlich fast alle Konflikte zur Darstellung kommen, mit denen die Welt zu tun hat. Nur wenn wir Glück haben, gibt es zwischendurch auch etwas zu lachen." Meint die FAZ.

Und der Kollege der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG wäre wohl lieber gar nicht da: "Die Berlinale ist kein Festival, die Berlinale ist eine Drohung. Furchtbarer Ort (..), furchtbare Jahreszeit (…) Und dann verbringen die Leute ihre Zeit mit Filmen, die sie sonst nicht einmal gegen Geld anschauen würden, weil das Herkunftsland kaum auszusprechen ist und die Handlung so verstiegen, dass man an Satire denkt, Kostprobe: 'Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie geistern durch die Steiermark.'"

Oha. Der Orang Utan sieht plötzlich ganz erschrocken aus.

Der Schweizer Kollege kriegt sich aber wieder ein: "Mit (…) Berlinalen konnte man Asien entdecken und Osteuropa, Lateinamerika und die muslimische Welt. Die Berlinale ist eben nicht nur eine Drohung, sie ist auch ein Versprechen." In einer Woche wissen wir mehr.

Und der Orang? – Minütchen.

Erstmal zur ganz großen Kunst: Schuberts Unvollendete. Die sollte endlich fertig werden mithilfe künstlicher Intelligenz. Huawei, oder besser ein Smartphone der chinesischen Firma, sollte sie fertig komponieren. Ein "effizienter Soundbastelprofi" hatte die Technik gefüttert und eingerichtet, da sollte es doch ein Klacks sein, ein Komponistenhirn zu imitieren, schließlich hat der Mensch, so die WELT, "auch der Venus von Milo Arme angestückelt, Leonardo da Vinci fertiggemalt, Vom Winde verweht weitergeschrieben (…) und hat, der tote Mozart war fast noch warm, dessen Requiem vollendet.(…) Und natürlich spekuliert er längst darüber, wie es wohl mit Schuberts h-moll-Zweiteiler weitergegangen wäre."

Schubert bleibt Schubert

Tja. Fiasko auf der ganzen Linie. Abgesehen davon, dass viele die Unvollendete für vollendet halten, so wie sie ist, hat die Künstliche Intelligenz nicht reüssiert. "Künstliche Intelligenz kann (noch) nicht orchestrieren, in musikalischen Bögen und sinfonischer, durch Harmonie, Rhythmus, Dynamik, Klangfarbe betriebener Themenverarbeitung denken." Dabei kam was ganz Hübsches heraus, so als hätte ein Musikstudent über einer schwierigen Tonsatzaufgabe gebrütet und dabei gemerkt: zum Komponisten fehlt ihm doch das Genie… Schubert bleibt eben Schubert. "Irgendwie tröstlich."

Denkt der Orang Utan bestimmt auch. Aber erst noch ein Jubiläum.

Vor hundert Jahren gab sich Deutschland in der Weimarer Nationalversammlung erstmals eine demokratische Verfassung. Eine "insgesamt sehr fortschrittliche Verfassung", so die FRANKFURTER RUNDSCHAU.

"So problematisch der Artikel 48, der es dem Reichspräsidenten erlaubte, ohne Parlament durch Notverordnungen zu regieren, auch war: Es lag nicht an der Verfassung, dass 1933 die Macht an Hitler übertragen wurde. Es lag daran, dass eine Republik der Machtübertragung achselzuckend zusah. Jedenfalls eine Mehrheit es gleichgültig hinnahm, wie einer Minderheit von einem reaktionären Reichspräsidenten, einem greisen, aber als Greis noch zuverlässigen Antidemokraten die Macht in die Hände gelegt wurde. Man kann es nicht häufig genug Machtübertragung nennen, weil die deutsche Nachkriegsgesellschaft den von den Nazis eingebürgerten Begriff der 'Machtergreifung' gerne adoptiert und verbreitet hat." Soweit die FR.

Keine große Liebe

Viele Nachrufe sind noch zu vermelden, auf "die große alte Dame der Lovestory". Rosamunde Pilcher ist gestorben, im gesegneten Alter von 94 Jahren. "Ein Leuchtturm im Küstennebel", war sie für ZEIT-Online, "sie liebte ihre Heimat Cornwall und Adjektive. Beides verwob sie zu sensationellem Kitsch. Ein Lob auf ihre Trivialliteratur." Die große Liebe habe sie selbst nie erlebt, hat Pilcher einmal gesagt, eher habe "ruppige Herzlichkeit" das Verhältnis zu ihrem Ehemann geprägt. Mit dem die grand old Lady des Liebesromans über 60 Jahre verheiratet war.

Respekt! Denkt sicher auch der nachdenkliche Orang Utan.

Er ist eines von 230 neuen Emojis. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG nimmt sie in den Blick und mäkelt: wichtige, strittige, ernsthafte Themen bekämen kein Emoji ab! Könnte natürlich daran liegen, dass man Krieg, Not-OP oder Vergewaltigung nicht so einfach mal emojisieren kann. Wäre doch nicht das Schlechteste. Trotzdem, "Otter ja, aber nicht mal Pickel" – das stört die SÜDDEUTSCHE.

Also gut, legen Sie los und zeichnen Sie Piktogramme, wenn Sie mögen!

Und der Orang Utan kratzt sich nachdenklich am Kopf.

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