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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.02.2020

Aus den FeuilletonsGendern können wir nur dank ihr

Von Arno Orzessek

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Die US-Theoretikerin Judith Butler (picture alliance/ZUMA Press)
Judith Butler brach in ihrem zum Klassiker des Feminismus avancierten Buch "mit fast allem, was unsere Eltern uns bislang beigebracht hatten", lesen wir in der "taz". (picture alliance/ZUMA Press)

In der "taz" wird Judith Butler gefeiert, sie sei die "berühmteste lebende Philosophin der Welt". Das Buch, das den Grundstein für ihre Karriere legte, ist vor 30 Jahren erschienen: Danach war in der Geschlechterdebatte nichts mehr wie zuvor.

"Der wahre deutsche Gruß" heißt ein Artikel in der Tageszeitung DIE WELT. Aber um den Hitler-Gruß geht’s nicht, falls Sie das denken. Matthias Heine erklärt nämlich den Handschlag zum wahren deutschen Gruß und widmet ihm vorauseilend einen "Nachruf", denn in Zeiten des Coronavirus gilt das Händeschütteln als "lebensgefährlich", wie Heine zuspitzt, und stirbt deshalb womöglich aus.

Handschlag-Exzesse in der DDR

Neu ist für uns, dass es in der DDR wahre Handschlag-Exzesse gegeben haben soll, so prägend, dass ihr Nachwirken noch lange nach dem Mauerfall viele Wessis verblüffte. Denn im Westen hatte es in den 70ern und 80ern ganz anders ausgesehen:

"Der feste Händedruck", so Heine, "war in der älteren Generation noch Beweis einer Männlichkeit, die man heute modisch als 'toxisch' denunziert. Bei den Jüngeren galt er deshalb bestenfalls als uncool und spießig, schlimmstenfalls stand er unter Nazi-Verdacht. Man begrüßte sich entweder mit einem anglophonen 'Hi!', zu dem man lässig den Arm hob (nicht ahnend, dass genauso lässig Hitler höchstpersönlich den nach ihm benannten Gruß ausgeführt hat – er musste als Einziger dabei nicht stramm wirken) oder man deutete, auch unter Männern, eine Umarmung an. Die Hand des Gegenübers zu ergreifen, das galt als so opahaft wie ein Hutträger, der am Stammtisch einen strammen Max und ein Herrengedeck (Bier und Korn) bestellt." Matthias Heine in einem typischen Heine-Artikel in der WELT.

"Biologie – so what? Hetero als Norm, pffffff"

Typisch für die TAGESZEITUNG ist der Artikel "Gewissheiten in Frage stellen", in dem Ines Kappert das Buch "Gender Trouble" von Judith Butler feiert; es erschien vor 30 Jahren. An ihre ersten Kontakte mit dem berühmten Werk erinnert sich Kappert so:

"Mühsam klamüserten wir zusammen, dass diese Judith Butler den Feminismus auf die Füße stellen wollte, indem sie die vielen frauenpolitischen Diskussionen um den weiblichen Körper für nicht so wichtig erklärte. Biologie – so what? Hetero als Norm, pffffff. Nicht die Natur, auch nicht das angeborene Geschlecht bestimme schließlich den Status einer Person, sondern kulturell variable Zuschreibungen. Entscheidend sei das kulturelle Geschlecht, gender, und das sei nur lose mit dem biologischen verbunden. Das brach mit fast allem, was unsere Eltern uns bislang beigebracht hatten. Erst nach und nach lernten wir Gender zu buchstabieren", erzählt die TAZ-Autorin Ines Kappert, für die Judith Butler "wohl die berühmteste lebende Philosoph*in der Welt" ist.

James Baldwins schwuler Klassiker 

Wie bleiben bei Superlativen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG stellt James Baldwins Liebesroman "Giovannis Zimmer" von 1956 vor, der laut Gustav Seibt "bald zum wichtigsten schwulen Klassiker der amerikanisch-europäischen Literatur" avancierte: "Die Handlung, im Detail farbig, seelisch eindringlich ausgearbeitet, ist simpel: David und Giovanni verlieben sich, am Ende aber verlässt und verrät David Giovanni."

Uns fällt auf, dass Seibt sich für die literarische Qualität von "Giovannis Zimmer" nicht wirklich begeistern kann und auf die selbstgestellte Frage, warum man das Buch heute noch lesen sollte, zurückhaltend antwortet:

"Immerhin hat Baldwin, dessen Lebensthema die Rassenfrage war, bewiesen, dass er in die Haut eines weißen Mittelklasse-Amerikaners schlüpfen und ein nicht allzu klischeehaftes Bild vom Pariser Nachtleben zeichnen konnte. Er war imstande, Identitäten zu wechseln und zugänglich zu machen. Und so sind seine Bücher der leibhaftige Beweis gegen die Rede von der Konkurrenz der Minderheiten um Anerkennung."

Haitis Karneval des Todes

Wenn Sie harten Stoff gut vertragen, sollten Sie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG "Karneval des Todes" lesen. Ein Artikel, in dem der Schriftsteller Hans Christoph Buch "Haitis blutige Gegenwart" beschreibt:

"Blutiger Karneval ist dort keine gewagte Metapher, sondern Alltagswirklichkeit, weil im Gedränge der Straßenfeste offene Rechnungen beglichen werden – Alkohol, Trommeln und Tanz tragen das Ihrige dazu bei, und ein Messer im Rücken fällt im Tohuwabohu nicht auf. Schlimmer geht’s wohl nicht. Oder doch?", grübelt Hans Christoph Buch.

Mehr können wir Ihnen heute leider nicht bieten. Denn ganz zu Recht titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG: "Alles ist eine Frage der Zeit."

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