Montag, 02.08.2021
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.06.2021

Aus den FeuilletonsGeheimnisträger der Seele

Von Klaus Pokatzky

Eine blonde junge Frau legt ihren Zeigefinger auf die Lippen und symbolisiert Schweigen. (ímago-images/ ingimage)
Öfter mal schweigen? - Unsere Stimme verrät mitunter mehr über uns, als wir es wünschen, schreibt die "FAZ". (ímago-images/ ingimage)

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" besucht deutsche Synchronstudios und philosophiert über die Macht und Untrüglichkeit unserer Stimme, die uns oft eher verrate als repräsentiere - gerade weil wir sie uns nicht ausgesucht haben.

"Wer an die Niederschrift eines größeren Werks zu gehen beabsichtigt, lasse sich’s wohl sein." So macht die Tageszeitung DIE WELT dem Kulturpressebeschauer Mut – auch, wenn seine Werke eher kleine sind. "Höre niemals mit Schreiben auf, weil dir nichts mehr einfällt", wird noch aus alten Thesen des großen Literaten und Philosophen Walter Benjamin zur "Technik des Schriftstellers" von 1925 zitiert.

"Mache deine Feder spröde gegen die Eingebung." Vor allem bitte gegen die Eingebung von blöden Wörtern, die kaum einer verstehen kann. "Es gibt eine echte Angst vor Alterität." Das sagt im Interview mit der WELT die israelisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell. "Alterität" heißt "Andersartigkeit" oder "Verschiedenheit" - was uns DIE WELT leider nicht ins Deutsche übersetzt; dafür haben wir ja den guten alten Duden. "Die Rede erobert den Gedanken, aber die Schrift beherrscht ihn", meinte Walter Benjamin.

Unsere Stimme verrät uns oft unwillkürlich

"Stimmen sind untrüglich", ruft uns die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG zu. "Die Stimme haben wir uns nicht ausgesucht, in ihrem Unwillkürlichen verrät sie uns eher, als dass sie uns repräsentiert, als seelischer Geheimnisträger ist sie ein Plappermaul", meint Christian Geyer in seinem Beitrag zu Synchronstudios. Aber vieles, was er da schreibt, gilt nicht nur für die Sprecherinnen und Sprecher, die für die Filmleinwand sekundengenau deutsche Sätze auf Sätze in anderen Sprachen hinkriegen müssen.

"Am Ende ist es auf der öffentlichen Bühne nicht anders als beim vertrauten Gespräch: Die Stimme entfaltet ihre Wirkung, wenn sie sich nicht in den Vordergrund des Bewusstseins drängt. Wenn sie mitläuft mit dem Gesagten und über sich selbst nur stimmlos bestimmt: flüsternd."

Das Schubladendenken des "Spiegel"

Gleich müssen wir aber brüllen - vor Lachen. "Es ist kein großer Roman, sondern ein Stück Unterhaltungsliteratur." Das lesen wir im Magazin DER SPIEGEL über den Roman "Die Kandidatin" des "Tagesschau"-Sprechers Constantin Schreiber - den diverse Feuilletons schon besprochen haben. "Dass die linke 'taz' und die linksliberale 'Süddeutsche' das Buch fürchterlich finden", teilt uns nun Tobias Rapp im SPIEGEL mit, "bürgerliche Medien wie das 'Hamburger Abendblatt' oder der Berliner 'Tagesspiegel' es aber wohlwollend besprochen haben".

Die "linke" TAZ, die "linksliberale" Süddeutsche, der "bürgerliche" Tagesspiegel: Das sind Charakterisierungen, wie sie vielleicht mal vor drei Jahrzehnten auf unsere Medienlandschaft zutrafen. Wenn der Kulturpressebeschauer heute in diese drei Zeitungen blickt, kann er solche Unterschiede in einer politischen Grundhaltung wirklich nicht mehr erkennen – sondern nur eine große Gemeinsamkeit: dass sie von sehr klugen Journalistinnen und Journalisten gemacht werden, die plattes Schubladendenken gerne dem SPIEGEL überlassen.

Die Prophezeihung des Jens Spahn

"Man kann nun von Jens Spahn halten, was man will - gelogen hat er jedenfalls nicht, als er zu Beginn der Pandemie verkündete, dass wir einander noch viel zu verzeihen haben würden", heißt es in der angeblich so linken TAZ. "Und sind wir nicht alle ein bisschen Jens Spahn?", fragt Martin Martin Reichert. "Das wird jetzt ein schöner Sommer. Und ich verzeihe mir." Hoffen wir das Beste.

"So unsicher die Welt geworden ist, so sehr steigt das Bedürfnis nach seriöser Information", schreibt Tobias Rapp noch im SPIEGEL - und wer mal richtig lachen will, lese dieses lustige Hamburger Heftchen.

Oder, wie uns Walter Benjamin in der WELT rät: "Betrachte niemals ein Werk als vollkommen, über dem du nicht einmal vom Abend bis zum hellen Tage gesessen hast."

Mehr zum Thema

Stimme und Identität - Unser akustischer Fingerabdruck
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 17.06.2021)

Constantin Schreibers Roman "Die Kandidatin" - Zwischen Schwarzmalerei und Persiflage
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 06.05.2021)

Coronakrise - Was bedeutet die Pandemie für unsere Freundschaften?
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 17.04.2021)

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