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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.05.2019

Aus den FeuilletonsFünf Nuancen eines Genies

Von Arno Orzessek

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Eine riesige Kopie des berühmten Porträts von Leonardo da Vinci, Mona Lisa, hängt an einer Hauswand in der Nähe der East Side Gallery in Berlin. (dpa/Jörg Carstensen)
Sie ist allgegenwärtig: Leonardo da Vincis Mona Lisa, hier auf einer Fassade in Berlin. (dpa/Jörg Carstensen)

Vor 500 Jahren ist er gestorben und noch immer sind Menschen weltweit von ihm fasziniert: Leonardo da Vinci. In den Feuilletons werden sein Werk, sein Verhältnis zu Frauen und seine Wirkung auf Beyoncé und Jay-Z beleuchtet.

Man weiß es heutzutage ja nie so genau, aber wir unterstellen mal: Mit Leonardo da Vinci, dessen Todestag sich nun zum 500. Mal jährt, sind Sie auf die eine oder andere Weise vertraut, weshalb wir nicht in der Verlegenheit sind, uns rasch eine gesamtwürdigende Kurz-Vorstellung da Vincis ausdenken zu müssen.

Was nämlich ganz schön schwierig wäre, angesichts des regen Gebrauchs, den der Mann einst von seinen Talenten gemacht hat. Auch Hannes Hintermeier lässt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG durchblicken, dass man sich das Phänomen da Vinci quasi im Plural vorzustellen hat:

Da Vinci im Tortendiagramm

"In Zeiten wie diesen kommt ein Genie, auf das sich alle verständigen können und das sich nicht mehr wehren kann, gerade recht. Zweifellos war Leonardo da Vinci ein solches, und zwar ein so großes, dass man ihn in der Optik eines Tortendiagramms in ausreichend viele Segmente aufteilen kann, um entsprechend viele Plätze in seinem Glanz anzubieten."

Ganz in diesem Sinne segmentiert die Tageszeitung DIE WELT ihre da-Vinci-Geburtstagsseite und legt "eine Werksbesichtigung in fünf Nuancen" vor. Angeordnet um ein tolles Selbstporträt des Gefeierten, das ihn welk und zottelhaarig und wie auf etwas Fernes konzentriert und um den Mund herum so skeptisch wie entschlossen zeigt. Zum "Zauber der Landschaften" bei Leonardo erklärt Hans-Joachim Müller leise ironisch, dabei sensibel fürs Sublime:

"Man will ja als Botaniker nicht stören. Aber die Blumenwiese, auf der da Vincis Verkündigungsengel soeben weich gelandet ist, scheint wirklich nach dem Bestimmbuch gemalt. Mit verfeinerten floristischen Kenntnissen lässt sich jede blühende Art taxieren. Und die Zypressen, Pinien und Araukarien im Park sehen aus wie die einsamen Baumparaden auf den Hügeln der Toskana. Dahinter freilich löst sich die Wirklichkeit rasch im Licht auf."

"Und wenn es auf das Wort nicht diese frommen Gebietsansprüche gäbe, könnte man sagen: Hier beginnt das Jenseits, hier irgendwo muss die Grenze sein. Solche Grenzen mag Leonardo sehr, diese Übergänge von der gesehenen zur geahnten Landschaft, vom Prospekt zur Imagination, von der Anschauung zur Vision." Hans-Joachim Müller in der WELT.

Aufgeschlossenes Verhältnis zu Frauen

Auch die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG tut ihre Ehrerbietung in einzelnen Artikelchen kund. Susan Vahabzadeh erinnert an Dan Browns Weltbestseller "The Da Vinci Code", zu Deutsch: "Das Sakrileg", und blickt auf das Gemälde "Das Abendmahl":

"Der Jünger rechts des Heilands, so Browns Verschwörungstheorie, sei gar kein Jünger, sondern Maria Magdalena, die Jesus eine Stellvertreterin auf Erden gebar. Der Heilige Gral ist der Mutterschoß. Dieses Buch machte aus dem Englischlehrer Dan Brown einen der erfolgreichsten Schriftsteller aller Zeiten."

"Der Vatikan war entsetzt und beauftragte einen Kardinal, 'Das Sakrileg' auseinanderzunehmen. An der Sache mit der Weiblichkeit ist zwar auf dem Gemälde 'Abendmahl' nichts dran, aber im weiteren Sinne vielleicht schon: Es spielt für da Vincis Malerei eine Rolle, dass er zu Frauen und ihrer Rolle in der Gesellschaft ein für seine Zeit aufgeschlossenes Verhältnis pflegte."

Da Vinci und die US-Popkultur

Und tief berührt stellt der SZ-Autor Jens-Christian Raabe das Video "Apeshit" vor, das die Eheleute Beyoncé und Jay-Z im Louvre gedreht haben, inklusive Schlusssequenz vor der "Mona Lisa": "Ist es – angesichts der jahrhundertelangen Ignoranz der Kunstgeschichte im Blick auf die afroamerikanische Kultur – nicht auch beschämend zivilisiert, wie respektvoll sich die beiden schwarzen Pop-Superstars am Ende zur 'Mona Lisa' umdrehen, um ihren Blick zu erwidern?"

Na ja, lieber Jens-Christian Raabe! Hätten Beyoncé und Jay-Z die Mona Lisa respektlos verhohnepipeln wollen, man hätte den Louvre kaum für sie aufgeschlossen.

Verkörperung des Renaissancemenschen

Eine klassische Würdigung der Sorte "langer Riemen aus berufener Feder" bringt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, in der sich der Historiker Bernd Roeck vor da Vinci verbeugt: "Wenn es einen Künstler gab, der von Ferne dem 'Renaissancemenschen' glich – jenem vom 19. Jahrhundert geschaffenen Golem –, dann war es am ehesten der Mann aus Vinci: mit seinen hochfliegenden Plänen, seinem das Universum umfassenden Horizont, seiner unendlichen Neugier und seiner grossen Kunst."

Dazu sagen wir nur noch ein Wort, das sich als letztes Wort eigentlich immer sehr gut macht: Amen!

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