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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 14.03.2020

Aus den FeuilletonsFröhlich singend Hände waschen

Von Tobias Wenzel

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Enten schwimmen in einem Teich. (Becker&Bredel / imago-images)
"... Schwänzchen in die Höh'" - Wenn man zum zweiten Mal bei diesem Satz angelangt ist, hat man sich die Hände lange genug gewaschen. (Becker&Bredel / imago-images)

Der "Spiegel" berichtet über eine musikalische Ärzte-Empfehlung für die Dauer der Händehygiene in Zeiten von Corona und die "FAZ" über selbstverlegte Virus-Überlebensleitfäden bei Amazon. Darunter auch eine Anleitung für Do-It-Yourself-Atemmasken.

Wenn Sie, liebe Hörer, plötzlich in ihrer Umgebung erwachsene Menschen "Alle meine Entchen" singen hören, dann müssen Sie sich keine Sorgen um deren Geisteszustand machen. Denn Ärzte empfehlen, berichtete unter anderem der SPIEGEL, man solle sich als Schutz vor dem Coronavirus mindestens so lange die Hände waschen, wie es dauert, zweimal die erste Strophe dieses Kinderliedes zu singen.

Radio als Medium der Stunde

Gleich sechzehn Mal sicher Hände waschen können Sie übrigens beim Hörern dieser garantiert nicht ansteckenden Kulturpresseschau.
"Das Radioformat entspricht der Generaltendenz von Kulturveranstaltungen in Zeiten des Coronavirus. Es reduziert die physische Anwesenheit, hält aber den Öffentlichkeitscharakter aufrecht", schrieb Lothar Müller in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Denn nun wurde wegen der abgesagten Leipziger Buchmesse auf Deutschlandfunk Kultur verkündet, wer die Preise der Messe in diesem Jahr erhält. Das Kulturleben ist trotz Zwangspause der meisten Theater- und Konzertsäle noch nicht völlig zum Erliegen gekommen.

Jan Jekal war noch bei einer allerdings nur "überschaubar" besuchten Buchpräsentation von Wolfgang Kubicki in Berlin und schrieb in der TAZ: "Das ist ja das (einzig) Gute dieser deprimierenden Tage, man kann alles irgendwie auf Corona schieben. Kommt keiner zu einer Buchvorstellung, muss es am Virus liegen."

Unangenehmes wird auf Corona geschoben; und einige wollen Corona selbst als fremd abschieben. Es handle sich um ein "ausländisches Virus", sagte Donald Trump. China bezeichnete es daraufhin als US-amerikanisch. In Wirklichkeit hat das Coronavirus (genauso wie die menschliche Dummheit) Weltbürgerambitionen, ist also auch nicht, wie man mit Blick auf die Fallzahlen denken könnte, Italiener.

Corona wird zur Feuerprobe für Europa

"Dies ist kein italienisches Problem, wir erleben einen europäischen Notfall", analysiert der Schriftsteller Antonio Scurati im Gespräch mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG. "Ich glaube, dies ist die eigentliche Feuerprobe für Europa. Es wird sich entweder als politische Entität aus den Trümmern dieser Tragödie erheben; oder es wird endgültig als bürokratisches und wirtschaftliches Gebilde zerbrechen."

In solch einer Krise zeigt sich, wer fähig zu Solidarität ist. Aber mit der Solidarität ist das generell so eine Sache. Die Mitarbeiter des Hachette-Verlags in den USA haben erreicht, dass Woody Allens Autobiographie nicht in ihrem Verlag erscheint: Man müsse "solidarisch" gegen sexuelle Gewalt sein.

"Wer wäre das nicht?", fragte Mara Delius in der WELT. "Aber verhält man sich nicht mindestens anti-solidarisch mit einem, dessen Unschuld doch rechtmäßig gelten muss, bis das Gegenteil bewiesen ist?" Delius sprach deshalb vom "Solidaritätsparadox". In dessen Falle sind auch Autoren des Rowohlt-Verlags getappt. Sie haben in einem offenen Brief versucht, ihren Verlag davon abzubringen, die deutsche Übersetzung der Autobiographie Allens zu veröffentlichen.

Debatte um die Woody-Allen-Biografie

"Moral frisst Geist", rief da Edo Reents in der FAZ aus und ärgerte sich über diese Autoren, die sich anmaßen, besser als ein Richter über die Schuld eines Menschen zu urteilen. Es sei an der Zeit, schrieb Reents, "dem Moralpöbel das Maul zu stopfen".

Eine verstörende Forderung: Leuten deshalb das Wort verbieten wollen, weil sie anderen das Wort verbieten wollen.

Besonnener und souveräner reagierte Eva Menasse, ebenfalls in der FAZ: Selbst wenn Woody Allen ein verurteilter Kinderschänder wäre, wäre es zulässig, seine Autobiografie zu verlegen.

"Der arme, nicht einmal von Voltaire stammende Satz ist bis zum Erbrechen zitiert, muss aber die Regel bleiben, wenn uns unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung noch einen Pfifferling wert ist: Ich missbillige Ihre Meinung, aber ich würde Ihr Recht, sie zu äußern, mit meinem Leben verteidigen", schrieb Menasse.

"Den sechzehn Rowohlt-Autoren, die ihren Verlag öffentlich als 'unethisch' geißeln und genaues 'Fact-Checking' eines Memoirenbandes fordern, sei versichert, dass wir für ihr Recht, offene Briefe zu schreiben, jederzeit demonstrieren würden." Rowohlt ist nicht eingeknickt und veröffentlicht Allens Autobiografie am 7. April.

Stressabbau in Pandemiezeiten

Bis dahin können Sie, liebe Hörer, sich mit anderer Lektüre die Zeit vertreiben. Zum Beispiel mit selbstverlegten Coronavirus-Überlebensleitfäden, die Nina Rehfeld bei Amazon entdeckte und in der FAZ vorstellte. Darunter auch eine "Anleitung für 'Do-It-Yourself-Atemmasken' aus 'Materialien vom örtlichen Wal-Mart' - für den Fall, dass die Profimasken ausverkauft sind."

Rehfeld zitierte außerdem folgende Empfehlung der "Washington Post" zum Stressabbau in Pandemiezeiten: "Wenn Sie sicher bleiben wollen, aber unbedingt etwas kaufen müssen, dann versuchen Sie es mit einem von mehreren Coronavirus-Ausmalbüchern".

Und, wollte man ergänzen, singen Sie dazu "Alle meine Entchen"!

Fazit

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