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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.05.2018

Aus den FeuilletonsFritz Mierau übersetzte, was in der DDR verfemt war

Von Adelheid Wedel

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Übersetzer, Autor und Herausgeber Fritz Mierau (1934 - 2018) (imago/gezett)
Bekannt wurde Fritz Mierau (1934-2018) auch mit seiner Autobiografie "Mein russisches Jahrhundert" (imago/gezett)

Die "Süddeutsche Zeitung" nennt ihn in ihrem Nachruf "den bedeutendsten Slawisten, den die DDR hervorgebracht hat". Fritz Mierau, der im Alter von 83 Jahren gestorben ist, übersetzte Autoren wie Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa.

"Der Antisemitismus ist zurück auf deutschen Straßen, er wuchert und wächst", so die Einschätzung von Marc Felix Serrao in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG und schreibt:

"Der alte Antisemitismus ist den Deutschen vertraut, aber den Judenhass der muslimischen Migranten können viele nicht fassen. Was in Gottes Namen ist da los?"

fragt er, nicht ohne Ironie. Sehr besorgt dann:

"Wie lässt sich das erklären, ... diese Zahnlosigkeit, mit der Deutschland auf die Tatsache reagiert, dass Juden, die sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, im Jahr 2018 um ihre Gesundheit fürchten müssen? ... Hier in dem Land, das vor gerade einmal zwei Generationen versucht hat, Europas Juden auszurotten, und sich nach 1945 geschworen hat: Nie wieder?" 

Anlass für eine Solidaritätsdemonstration kürzlich in Berlin war der Angriff eines 19-jährigen Flüchtlings aus Syrien auf einen jungen Passanten mit Kippa. Das sei kein Einzelfall. Serrao schildert Straßenszenen im Berliner Stadtbezirk Neukölln mit der eindeutigen Botschaft: Juden seien hier unerwünscht. Der Autor stellt notwendige Fragen:

"Warum wird, wer Juden angreift, nicht mit vollem Namen und mit Foto der öffentlichen Ächtung preisgegeben? Warum sitzt der Syrer, der mit dem Gürtel zugeschlagen hat, nicht in Abschiebehaft? Warum wird der junge Mann, der das israelische Hoheitszeichen gestohlen und in den Dreck geworfen hat, nur wegen Diebstahls und nicht wegen Volksverhetzung verfolgt?" 

Bedenkenswert auch:

"Die Deutschen sind Meister in der Erinnerung an jene Menschen, die ihre Vorfahren ermordet haben, aber sie versagen beim Schutz der lebenden Juden."

Hamas fördert Kunst

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG informiert Joseph Croitoru über "neue Farben und Töne im Gazastreifen". Zur Erklärung: 

"Die im Gazastreifen regierende Hamas tritt neuerdings statt mit Dschihad-Parolen als Förderin von Kunst auf. In den Zeltlagern am Grenzzaun wird gemalt und getanzt."

Der Autor meint:

"Obgleich die Ereignisse des Jahres 1948 immer weiter in die Ferne rücken, hat es den Anschein, dass von den Palästinensern das kollektive Trauma der Flucht und Vertreibung immer stärker empfunden wird", 

zumal die Sprengkraft des in der Erinnerung steckenden politischen Potenzials

"in dem Maße zu wachsen scheint, wie die Aussichten auf die Eigenstaatlichkeit schwinden und der Lebensraum der Palästinenser eingeengt wird." 

Die aus der Ferne schwer zu durchschauenden Bündnisse und Verabredungen entwirrt der Autor auf überzeugende Weise und erklärt, "wie die Hamas die Malerei als Ventil für die Sehnsüchte und Protestwut der Jugend entdeckt und sie gewähren lässt". 

Europäischer Übersetzerpreises fürs Lebenswerk

Am kommenden Wochenende erhält Michael Walter den von der Stadt Offenburg ausgelobten Europäischen Übersetzerpreis für sein Lebenswerk. Sylvia Prahl hat den künftigen Preisträger getroffen und für die Tageszeitung TAZ interviewt. Seit inzwischen etwa 40 Jahren hat er mehr als 60 Werke der englischsprachigen Literatur übersetzt, darunter Dramen von Eugene O'Neill und Harald Pinter sowie Romane von Henry James, Virginia Woolf, George Orwell und Herman Melville. Der Satz: 

"Ich habe mir geschworen: Keinen Henry James mehr, selbst wenn sie mir einen Sack Gold vor die Tür stellen!" 

... ist nach der Lektüre des Interviews verständlich.

Nachruf auf Slawisten Fritz Mierau

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schreibt einen Nachruf auf "den bedeutendsten Slawisten, den die DDR hervorgebracht hat". Fritz Mierau ist an diesem Sonntag im Alter von 83 Jahren gestorben. Bekannt wurde er nicht nur durch seine Autobiografie "Mein russisches Jahrhundert", sondern vor allem durch "sein Lebensprojekt, die Wiederentdeckung der russischen Moderne und sowjetischen Avantgarde. Er übersetzte und anthologisierte, was in Sowjetunion und DDR zugunsten der Doktrin des sozialistischen Realismus verfemt wurde: den russischen Formalismus, Sergej Tretjakow, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa".

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