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Kulturpresseschau | Beitrag vom 05.10.2018

Aus den FeuilletonsFriedenspreis statt Nobelpreis-Spektakel

Von Adelheid Wedel

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Die Kulturwissenschaftler Aleida Assmann und Ehemann Jan Assmann. Das Ehepaar erhält gemeinsam den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. (dpa/Corinna Assmann)
Wichtiger Festakt im Jahr ohne Literaturnobelpreis: Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels werden Aleida und Jan Assmann bei der Frankfurter Buchmesse am 14.Oktober erhalten (dpa/Corinna Assmann)

Mit dem nicht vergebenen Literaturnobelpreis fehle ein wichtiger Höhepunkt für die am Mittwoch beginnende Frankfurter Buchmesse, beklagt die "Welt". Glücklicherweise könne die Lücke mit einer anderen wichtigen Auszeichnung gefüllt werden.

"Endlich wieder Buchmesse!!" lesen wir in der LITERARISCHEN WELT, der Wochenendbeilage der Tageszeitung DIE WELT.

Was erwartet die Redakteure, die Redakteurinnen ab Mitte nächster Woche dort?

"Lauwarmer Weißwein, wenig Schlaf, die lieben Kollegen! Abwarten", schreiben sie, "und machen sich" – so wollen wir hoffen: neugierig – "auf den Weg nach Frankfurt am Main". Die Beilage der WELT stellt eine große Auswahl zu erwartender neuer Literatur vor und unternimmt den Versuch," 20 neue Bücher in 20 Sätzen" als Lese-Vorschläge anzubieten.

Große Leere ohne Literaturnobelpreis

Hannes Langendörfer klagt unter der Überschrift "Buchmesse ohne Nobelpreis: Es hätte einer der Höhepunkte der Nobelwoche sein sollen – der Moment, in dem unter dem Blitzlichtgewitter der internationalen Presse die Gewinnerin oder der Gewinner des Literaturnobelpreises verkündet wird." Die schwedische Akademie hatte "wegen des erlittenen Vertrauensverlustes" beschlossen, in diesem Jahr keinen Literaturnobelpreis zu verleihen.

An Donnerstag, sozusagen dem Tag der Nichtverleihung, scheint Bewegung in die verfahrene Situation gekommen zu sein. Und so freuen wir uns mit Thomas Steinfeld, der in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schreibt:

"Nobelpreis wieder möglich." Kompromisse, "offenbar, um die Institution zu retten", wurden gefunden. Steinfeld gibt zu bedenken: "Das aber bedeutet, dass ein großer Teil der inneren Probleme der Akademie erhalten bleibt. Sie rühren im Wesentlichen daher, dass einige Mitglieder die Akademie als ihre private Einrichtung behandelten. Es scheint nun aber immerhin als möglich, dass es im Jahr 2019 wieder einen Nobelpreis geben wird."

Welt-Literaturpreis an Pop-Autorin

Auf den einen Preis müssen wir also in diesem Jahr verzichten, nicht aber auf den WELT-Literaturpreis 2018. Den erhält die Französin Virginie Despentes mit der Begründung: "Sie hat ein Gesellschaftsepos geschaffen, das mit allen Erwartungen bricht, konservativen genau wie linksliberalen. Bis vor kurzem war die Schriftstellerin", schreibt Mara Delius, "vor allem das: eine Popautorin und Filmemacherin mit Nähe zur Pornoszene, die einen Pro-Sex-Feminismus vertritt, energisch und etwas aufgekratzt, französisch ins Noir gebrochen."

"Es wäre zu leicht, sie nun als Stimme der Marginalisierten zu betrachten", setzt Mara Delius fort. "Es ist die direkte Gegenwart, die Despentes zum Gegenstand hat, eine Gesellschaft, die das Gefühl hat, vieles verloren zu haben in den letzten zwanzig Jahre und darüber in eine lethargische Unruhe geraten ist."

Auferstehung der Buchclubs

Überraschend die Informationen, die Marc Reichwein in der WELT aus einem Gespräch mit Kerstin Hämke herausfiltert. Es geht um Buchklubs, die lange Zeit out galten, inzwischen aber "sogar unter Hollywoodstars en vogue" sind. Die Gründerin des Portals mein-literaturkreis.de spricht von 700.000 Leuten, die allein in Deutschland in Lesekreisen organisiert sind. Über diese Teilnehmer hat sie viel Lobendes zu sagen: Sie sind vor allem "Vielleser. Ein Viertel von ihnen liest über 50 Bücher im Jahr!"

Friedenspreis für Autoren der Gedächtniskultur

Nach ausbleibendem Literaturnobelpreis und dem Welt-Literaturpreis 2018 gehen die Zeitungen auf einen weiteren wesentlichen Preis ein: "Aleida und Jan Assmann erhalten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie schufen die Theorie zu unserer Vergangenheitsbewältigung", erklärt Marc Reichwein, der in der LITERARISCHEN WELT ein Gespräch mit den Preisträgern führt. Am 14. Oktober werden sie in der Frankfurter Paulskirche ausgezeichnet "als Anerkennung für ein Lebenswerk, das die Gedächtniskultur als gesellschaftliches Megathema geortet und über Jahrzehnte studiert hat."

Ihre spezifische Leistung ist, sie haben das kulturelle Gedächtnis entdeckt und definiert. Das bedeutet: "Wir kommunizieren nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit der überlieferten und um uns präsenten Kultur." Die Kulturwissenschaftler sprechen vom "Modell der selbstkritischen Erinnerungskultur" und mahnen: "Ein Rechtsstaat kann nicht auf Vergessen basieren."

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