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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.05.2019

Aus den FeuilletonsFrau Seefahrer und Herr Krankenschwester

Von Ulrike Timm

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Der albanische Krankenpfleger Samed Qoshja bereitet in der Neurochirurgie der Charité am Campus Benjamin Franklin eine Infusion vor.  (Kristin Bethge/dpa)
Gendergerecht oder nicht? In Schweden heißt der männliche Krankenpfleger auch Krankenschwester. (Kristin Bethge/dpa)

Auf der Suche nach einer gendergerechten Sprache verschlägt es die "FAZ" nach Schweden und Frankreich. Während in Schweden auch die Frauen Seefahrer sind, heißt die Ministerin in Frankreich "Madame der Minister".

"280 norwegische Buchtitel werden dieses Jahr auf Deutsch erscheinen", das melden der TAGESSPIEGEL und die Taz. Demgegenüber stehen keine zwanzig Übersetzungen aus dem Deutschen ins Norwegische. Klar, es ist ein kleines Land, zudem mit einer imponierenden Anzahl bei Kritik wie Publikum anerkannter eigener Autoren, auch deshalb so wenige Übersetzungen Deutsch-Norwegisch. Und auch klar, die Skandinavier sind im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse, auch deshalb so viele Übersetzungen Norwegisch-Deutsch. "Wer hat den Bestseller?" fragt der TAGESSPIEGEL anlässlich eines Treffens von norwegischen und deutschsprachigen Schriftstellern, aber diese Frage war dann gar nicht mehr wichtig. Dirk Knipphals (für die TAZ) und Gerrit Bartels (für den Tagesspiegel) stießen in Oslo vor allem auf – Baustellen. Sehr imponierende Baustellen.

Was wollen die Norweger in Frankfurt?

"Wie bibliotheksverrückt die Norweger sind, kann man am Hafen sehen. Dort wuchten die Osloer neben die architektonisch grandiose Oper samt ihrem begehbaren Dach gerade das neue Gebäude ihrer Zentralbibliothek an den Fjord", lesen wir in der TAZ, und weiter: "Glamour ist hier verdächtig. Selbstbehauptung hat das Land nicht nötig. Zugleich fußt sein beinhart positives Image auf der grandiosen Natur und skandinavischen Bullerbü-Klischees, die realen Norweger kommen darin eigentlich kaum vor. Was also wollen die Norweger in Frankfurt?" fragt Dirk Knipphals, halb bewundernd, halb spöttisch. Werden wir ja sehen, bestimmt kommen auch ein paar reale Norweger im Herbst als Gäste der Buchmesse mit nach Frankfurt.

Bis dahin beschreibt der TAGESSPIEGEL "Baustellen am Fjord", wogegen die FAZ sich um eine Berliner Dauerbaustelle kümmert. Nein, nicht den Flughafen. Sondern das Pergamonmuseum. Hier gab es ein Richtfest, nein, nicht für das gesamte fertig sanierte Museum, sondern für den Eingangspavillon an der Ostseite des Innenhofs. Aber gefeiert wurde zünftig, mit Richtkranz, Festreden und Drei-Gänge-Büffet. Bis das Pergamonmuseum zu neuem Glanz erstrahlt, werden fast doppelt so viele Millionen ausgegeben worden sein wie ursprünglich vorgesehen, nämlich 477. Dafür wird das Ganze aber auch erst 2025 fertig…Andreas Kilb kommentiert das spitz in der FAZ: "Wir bauen, wie es scheint, ja nicht für die Gegenwart. Wir sanieren für die Ewigkeit. Bis in alle Ewigkeit". Die norwegischen Großbaustellen, Zentralbibliothek, Munch-Museum und ein ganzer Stadtteil drumrum, kann man wohl schon im nächsten Jahr in Augenschein nehmen. Fertig.

Frankreich - wo Madame der Minister ist

Die FAZ liefert nicht nur den glossierenden Baustellenkommentar, sondern auch eine Fleißarbeit. "Worte finden" ist nämlich schwer, und so auf die Suche nach Gendersternchen, generischem Maskulinum und der Prüfstein-Frage: "Sind zwanzig Lehrerinnen und Lehrer wirklich am besten mit ‚die Lehrer‘ bezeichnet?" Die FAZ sucht weltumspannend, wie Mensch es macht. In Schweden etwa brachte ein Kinderbuch den Stein ins Rollen, Jasper Lundquist schuf das neue Personalpronomen "Hen", das – hier und da – zum Zuge kommt. "Ein weiblicher Seefahrer heißt Sjöman (was Aktivisten Kopfschmerzen bereitet), allerdings wird ein männlicher Pfleger im Krankenhaus auch einfach Sjuksköterska, also Krankenschwester genannt. Während in Frankreich gilt: "Ministerinnen lassen sich meist lieber als ‚Madame der Minister‘ – Madame le ministre – hofieren." Es bleibt kompliziert.

Auch in der lebenslangen und immer länger werdenden Beziehung, der sich Ambros Waibel in der TAZ widmet. Was macht es mit Eltern und Kindern, wenn immer mehr Erwachsene ein Alter von 80, 90 oder gar 100 erreichen? "Wir immer älter werdenden Kinder wollen in Liebe alt werden mit den immer länger jung bleibenden Alten", hofft wohl nicht nur TAZ-Autor Waibel. Dass ein paar Seiten später in der gleichen Zeitung eine Ausstellungsrezension mit "Gleich ist Mutti mit dem Hammer wieder da" betitelt wird, ist bestimmt Zufall!

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