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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.10.2018

Aus den FeuilletonsFotogen von der Klippe stürzen

Von Tobias Wenzel

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Eine Frau fotografiert sich selbst mit einem Handy vor einem Bus. (imago/Westend61)
Landet bestimmt auf Instagram: Ein Selfie mit dem Handy. (imago/Westend61)

Reisende mit Handy sind heute Traveller und Influencer, ihre Diashow zeigen sie auf der Plattform Instagram. Und so landen vermeintlich total individuelle Erlebnisse massenweise und verwechselbar im Internet. Und die Tourismusindustrie reagiert - ein Thema für die Feuilletons.

"In den neunziger Jahren erfand die Firma Eastman Kodak für eine Werbekampagne den 'Kodak Moment', ein Begriff, der bald in die englische Umgangssprache einging", erinnert sich und uns Andrea Diener in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Damit habe man einen im Foto festgehaltenen, perfekten Augenblick bezeichnet.

Der Ausdruck "Kodak Moment" werde aber gerade, unterstützt durch die Tourismusbranche und den Fotodienst Instagram, durch einen anderen Begriff ersetzt. Da bewerbe eine deutsche Reederei ihr neues Schiff, indem sie den Gästen "instagrammable moments" verspreche. Und ein arabisches Luxushotel zähle sich selbst zu den "most instagramable hotels".

Diener erwähnt eine Umfrage, der zufolge vierzig Prozent aller Touristen, die jünger als 33 sind, ihr Reiseziel nach der "Instagrammabilität" aussuchen. Deshalb würden Reiseziele wie Neuseeland und Norwegen boomen.

Individuell auf Instagram

In Andrea Dieners Worten: "Inzwischen stehen sich die Influencer zu Hunderten an der Felszunge Trolltunga bei Skjekkedal die Beine in den Bauch, und jeder einzelne fotografiert sich so, als sei keine Menschenseele außer ihm gerade dort. Weil das dauern kann, bis alle ihr Fotochen geknipst haben, schaffen es ein bis zwei pro Woche nicht mehr im Hellen nach Hause und müssen aus den Felsen gerettet werden, was dann leider nicht so instagrammable ist."

Adrian Lobe berichtet in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über etwas, was man "most biometric moments" nennen könnte. Allerdings hat der Autor so seine Probleme mit der radikal eingesetzten Biometrie: "Wer keine Biometrie hat, ist kein Bürger" lautet die Überschrift seines Artikels.

Ohne biometrischen Fingerabdruck keine Existenz

So erfasse die indische Regierung auf einer so genannten Aadhaar-Karte Fingerabdrücke, Scans der Iris und Fotos ihrer Bürger. Wenn die sich aber nicht mit ihren biometrischen Daten ausweisen könnten, würden sie, so Lobe, "stigmatisiert und faktisch ausgebürgert".

Der Autor belegt das an einem konkreten Fall: "Eine 65-jährige leprakranke Frau aus Bangalore, die aufgrund ihrer Krankheit ihr Augenlicht und ihre Hände verloren hatte, konnte keine Aadhaar-Karte beantragen, weil von ihr weder Fingerabdrücke noch Iris-Scans genommen werden konnten, was Voraussetzung für die Fortzahlung ihrer Rente gewesen wäre. Sie war für die Maschine nicht 'lesbar'. Keine Biometrie, kein Geld, lautet die brutale Logik."

Keine Gleichberechtigung in der Biometrie

Bei der Identifizierung durch Fingerabdruck, zum Beispiel für Vielfliegerprogramme, seien die Daten von Asiatinnen oft nicht lesbar, weil das System auf den kaukasischen Typ getrimmt sei und Asiatinnen nur schwach ausgeprägte Fingerlinien hätten.

"Die Frauen haben praktisch den Status von Nichtsubjekten", folgert Lobe in der Logik des Systems. Das sei eine Gefahr für die plurale und offene Gesellschaft: "Die Anwender sind schnell bei der Hand, von geringer oder guter 'Qualität' der Fingerabdruckscans zu sprechen, als handelte es sich bei Menschen um Güteklassen von Äpfeln oder Birnen."

Und zum Schluss: Clara, das Panzernashorn

Mitte des 18. Jahrhunderts konnte man in Europa indische Panzernashörner nicht in bessere und schlechtere einteilen. Denn damals gab es nur ein einziges Exemplar auf dem Kontinent, nämlich Clara. An die ihr aufgezwungene Europatournee, beginnend 1744 in Hamburg und vierzehn Jahre später mit ihrem Tod in London endend, erinnert Axel Christoph Gampp in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG.

Ein Panzernashorn als Attraktion. "Auch philosophisch gab Clara etwas her", schreibt Gampp. "Maupertuis, der Direktor der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin, sah in ihr einen Beweis für Gottes distanzierte Einwirkung auf die Schöpfung. Denn wieso sei der Panzer des Nashorns flexibel, der der Schildkröte aber nicht, sollten beide unmittelbare Resultate göttlicher Schöpfung sein? Voltaire kommentierte den Gedanken sarkastisch: Maupertuis habe Gott in den Falten des Nashorns gefunden!"

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