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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.01.2019

Aus den FeuilletonsFontanes Nominalkomposita

Von Hans von Trotha

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Kopf des Fontanedenkmals in Neuruppin, im Hintergrund sind die grünen Blätter eines Baumes zu sehen (imago/Steinach)
Gemütlichkeitsrangliste und Generalweltanbrennung sind nur zwei der bei Fontane beliebten Nominalkomposita. (imago/Steinach)

Theodor Fontane hatte eine Vorliebe für Nominalkomposita. Dies hat ein Forscherteam zum Beginn des Fontane-Jahres herausgefunden. Eine Liste seiner längsten zusammengesetzten Substantive präsentiert die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Feuilleton.

Mögen Sie auch so gern Listen? Die beruhigende Übersichtlichkeit der Aneinanderreihung einer begrenzten Zahl von Begriffen oder Zeichen?

"Rechtzeitig zum Fontane-Jahr" kommt die Süddeutsche mit einer Liste und der Meldung, ein Forscherteam habe endlich "einer stilistischen Auffälligkeit des Prosaautors Theodor Fontane die gebührende Aufmerksamkeit verschafft, seiner Vorliebe für Nominalkomposita. Das sind, wie das Blatt erläutert, "Zusammensetzungen aus mehreren Substantiven". (Das) … Forscherteam … hat aus den Romanen Fontanes die längsten nur einmal vorkommenden Substantive herausgefiltert." Die Süddeutsche bringt eine Liste der, Zitat (23 Buchstaben) "Originalitätskandidaten", darunter: Ängstlichkeitsprovinz, Begeisterungsgebäude, Feuerversicherungsmännchen, Gemütlichkeitsrangliste und Generalweltanbrennung.

Maschinen vertrauen auf Listen

Während Oliver Jungen in der FAZ anlässlich einer arte-Doku auf die ziemlich lange Liste "deutscher Wissenschaftler mit NS-Vergangenheit" verweist, die "am Projekt Mondlandung" beteiligt waren, erläutert Adrian Lobe, das wieder in der Süddeutschen, was "von Maschinen lernen" bedeutet – nämlich letzten Endes nichts anderes als das Vertrauen auf Listen: "In smarten Städten", schreibt Lobe, "regieren Politiker ihre Bürger mit Datensätzen und richten ihre Entscheidungen nach", da haben wir sie: "Ranglisten und Werten". Mit Fontane gesprochen: Neuerungsenthusiast, Probegeschwindschritt, Sicherheitsvademecum, Gespensterbedürfnis.

Die Schrift als kultureller Schock

Eine Liste von Buchstaben nennt man Alphabet. Es ist die Grundlage unserer Sprache. Allerdings nicht jeder unserer Sprachen. "Küsse" etwa "brauchen keine Alphabete". Das stellt im Tagesspiegel der Autor und Filmemacher Alexander Kluge fest. Es geht ihm um "das Lesen und Schreiben in der nahen Zukunft".

"Mit der Schrift", schreibt er, "entstehen Wissenschaft, Zivilisation, Gesetz und Kontinuität. … Die Schrift war für die Vorfahren ein kultureller Schock. Plötzlich verselbstständigen sich die Worte, kaum sind sie gesprochen, und stellen sich dem Sprecher als autonome Wesen gegenüber. Zugleich dient die Schrift" nach Kluge "als Zeichensetzung für `Eigentum´ und `Herrschaft´. Sie bildet den Boden der Moderne. … Schriftlichkeit", so Kluge, "ist Kernstück der Urbanität, der Grundbuchämter, der Buchhaltung, des politischen Gedächtnisses und der Wissenschaften." Also offenbar so etwas wie die Mutter aller Listen. Fontane hätte vielleicht anerkennend mit Gesamtaufmerksamkeit oder auch ein wenig mit Verklausulierungsparagraph geantwortet.

Erfundene Erfindungen

Eine garstige Liste bietet die taz, nämlich eine von "Produkte(n) mit Funkverbindung" von der Technikmesse CES in Las Vegas. Zwei der Gadgets auf der Liste haben allerdings einen hohen Relotius-Faktor: Sie sind erfunden. Ist es die Yogamatte, die Feedback gibt; der Teddybär, der Geschichten erzählt; der Sensor, der das Bedürfnis von Pflanzen meldet; das "Kopfband, das … die Tiefschlafphase verbesser(t)"; die Türklingel, die per Fingerabdruck verrät, wer da steht; der elektronische Eierzähler oder ist es der Schuh, der "beim Joggen die optimale Schrittweite … des Fußes berechne(t)"? – Nur zwei von der Liste sind erfunden.

Helmut Hoege stößt in der taz-"Gesellschaftskritik" auch auf eine Liste, eine – Zitat: "Ausschlussliste": "Ein Fliesenleger in Riedenburg, … , der viele Kunden im nahen Audi-Zentrum Ingolstadt bediente, hat die Schnauze voll … : Seine Firma arbeite "nicht mehr für Besserwisser", heißt es auf seiner Internetseite. … Die Lokalzeitung Donaukurier griff diese ebenso seltene wie mutige Absage auf und berichtete, dass die Firma eine (da ist sie, in Anführungszeichen) "Ausschlussliste" erstellt habe. In ihr ist festgelegt, von wem er zukünftig keine Aufträge mehr annimmt." - Natürlich von Audi.

Fontanekomposita

Die Rede ist von "Problemkunden" – ein Wort, das mit seinen 13 Buchstaben zu kurz wäre für die Fontanekompositumsliste (23 Buchstaben), von der folgende Auswahl den letzten Casus umreißt: Hochfahrenheitsmiene, Durchschnittsheldengeschichte, Riesenzerknirschung – sowie – die Fontanekomposita des Feuilletontages: Ermutigungspromenade und Schneidigkeitsideal.

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