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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.04.2018

Aus den FeuilletonsFeministin gegen rechten Verleger

Von Arno Orzessek

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Die Feministin Camille Paglia (imago/ZUMA Press)
Nun streitet sich Camille Paglia nicht nur mit anderen Linken, sondern auch noch mit deutschen Rechten. (imago/ZUMA Press)

Titel verändert, Kapitel gestrichen, neues Vorwort eingefügt: Die Feministin Camille Paglia hat ihr Buch "Frauen bleiben, Männer werden" im Antaios Verlag veröffentlicht und streitet sich angesichts massiver Eingriffe in ihr Werk mit dem Verleger herum. Sie sei schockiert von dem skrupellosen Verhalten, so Paglia in der "SZ".

So richtig angefressen ist sie, die amerikanische Kunst- und Kulturkritikerin Camille Paglia. Bekannt als lesbische Feministin, deren Thesen bei anderen Feministinnen die Galle hochkommen lässt. Und genauso bekannt als Linke, die bei anderen Linken Magengrimmen hervorruft. Aktuell allerdings schlägt sich Paglia mit Rechten herum.

Und dazu kam es so: Weil ein paar Verlagsleute auf ihren Agenten kultiviert wirkten, hat sie ihr neues Buch - es heißt auf Deutsch "Frauen bleiben, Männer werden" – im Antaios Verlag veröffentlicht. Sie wissen schon, das ist der Verlag des Rechts-Intellektuellen Götz Kubitschek und dessen blonder Gattin Ellen Kositza.

Tja, und nun zeigt sich: Antaios hat in Paglias Manuskript tüchtig herumgefuhrwerkt. Vorwort gestrichen und durch ein neues ersetzt; zwei Kapitel gestrichen; Buch und Kapitel-Titel verändert – solche Sachen.

Im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG bekundet Paglia ihre Abscheu vor Kubitschek:

"Noch nie bin ich einem Verleger begegnet, der ethisch so unsensibel gegenüber einem juristischen Vertrag ist oder so arrogant und respektlos gegenüber Schriftstellern und ihrer Arbeit. Der totalitäre Impuls, der zu dieser Invasion und Verstümmelung meines geistigen Eigentums geführt hat, ist mir unbegreiflich. Hiermit distanziere ich mich von allen Verbindungen zu dieser deutschen Ausgabe. Ich bin schockiert und abgestoßen von dem skrupellosen Verhalten meines deutschen Verlegers."

So Camille Paglia in der "SZ".

Wer aber denkt, Paglia würde jetzt als furiose Anti-Rechte mit den hiesigen Wortführern linksliberaler Orthodoxie kuscheln, hat sich geschnitten.

"Es ärgert mich, dass Menschen, selbst in Deutschland, Angst haben, abweichende Ideen von Feminismus zuzulassen und zu veröffentlichen. Ich bin eine liberale Demokratin, ich gebe meine Stimme den Grünen. Wenn die Ansichten einer Linken von anderen Linken unterdrückt werden, weil sie nicht konform sind, läuft etwas falsch."

Sehr richtig, Camille! ...  rufen wir Paglia zu - und blicken ungesäumt mit der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG auf "Die Trump-Philosophen".

Trump und die Intellektuellen

"Wie ticken die Intellektuellen, die den US-Präsidenten hofieren?" fragt Marc Neumann … Und gibt darauf eine so kenntnisreiche Antwort, dass wir bestenfalls folgende Sätze aus dem Zusammenhang reißen können, ohne Ihr Unverständnis zu riskieren, liebe Hörer:

"[Trump-Philosophen] folgen grundsätzlich zwei strategischen Glaubenssätzen: wider den Verwaltungsstaat und gegen jegliche Form von modernem Progressivismus. Zu Letzterem zählen sämtliche politischen Importe von unamerikanisch-europäischem Gedankengut, von historischem Materialismus und Internationalismus bis hin zu sozialdemokratischen Ideen, die die USA [angeblich] allesamt von ihren Verfassungsgrundsätzen entfremden",

… erläutert Marc Neumann in der "NZZ".

Wir bleiben theoretisch, genauer: verschwörungstheoretisch – doch jetzt wird’s konkret.

Verschwörungstheorien sind überflüssig

Die Tageszeitung DIE WELT blickt auf den 4. April 1968 zurück, als der Kleinkriminelle James Earl Ray den Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen hat.

Sven Felix Kellerhoff erklärt "Warum alle Verschwörungstheorien überflüssig sind" – und zeigt sich genervt.

"Wie so oft vermehren sich auch im Mordfall King mit den Jahren die Aussagen von angeblichen Zeugen, die alles ‚ganz anders‘ in Erinnerung haben. Wie so oft erweist sich im Nachhinein, dass die Ermittlungen schlampig geführt worden sind. Wie so oft wird gefragt, wer denn wohl das größte Interesse am Tode des populären schwarzen Bürgerrechtlers gehabt haben könnte? Und wie so oft liefern die Antworten zuverlässig eine Reihe Verdächtiger. Nur irgendwelche Beweise für all diese Gedankenkonstruktionen gibt es nicht. Die Indizien deuten vielmehr ausnahmslos auf Earl Ray als Täter."

WELT-Autor Kellerhoffs kleine Systematik der Verschwörungstheorie.

Das war’s. Wir ermuntern Sie, liebe Hörer, sich am Kiosk einige der Blätter zu kaufen. Und wir müssen Ihnen gewiss nicht erklären, was die TAGESZEITUNG per Überschrift betont:

"Umsonst gibt es nichts."

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