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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 03.03.2020

Aus den FeuilletonsFälschungsvorwürfe gegen Joko und Klaas

Von Gregor Sander

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 Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt bei einer Preisverleihung 2018. (imago images / Chris Emil Janßen)
Der vermeintliche Fahrraddieb, den Joko und Klaas in ihrer Show mit einem absurden Schauspiel auf frischer Tat ertappten, war ein Laiendarsteller, lesen wir in der „FAZ“. (imago images / Chris Emil Janßen)

Die ProSieben-Moderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt haben bei angeblich verdeckt gedrehten Einspielern für ihre Show "Late Night Berlin" mit Laiendarstellern getrickst. Das ergab eine Recherche des NDR-Funk-Formats STRG_F.

Das waren noch Zeiten, als man bei Corona an mexikanisches Bier dachte, in das ein Stück Limette geschoben wird, damit es überschäumend den Durst löscht. Doch seit Wochen schäumt nun das Virus gleichen Namens durch die Feuilletons und landet so immer wieder auch bei uns.

Die TAZ fordert auf zum "Viren zählen" und erklärt uns das "Risiko Mitbürger" von einem Philosophieprofessor der Liverpooler Universität. Thomas Schramme heißt er und er weissagt Apokalyptisches:

"In einigen Jahren werden wir uns gegenseitig moralische Vorwürfe machen, wenn wir unsere Hände nicht regelmäßig waschen oder uns mit einem Schnupfen auf die Straße wagen."

"Lesen steckt an"

In der Tageszeitung DIE WELT erklären neun Autorinnen und Autoren "Die Corona-CHARAKTERE": Vom Paranoiker über den Stoiker bis zum Optimisten. Das Ganze ist wohl ironisch gemeint, aber lachen kann eigentlich keiner mehr, spätestens seit nun sogar die Leipziger Buchmesse abgesagt ist.

"Lesen steckt an", kalauert der Berliner TAGESSPIEGEL immerhin, auch wenn Gerrit Bartels dann nur müde räsoniert: "Einen Trost gibt es: In Ruhe zu lesen, wäre in Leipzig niemand vergönnt gewesen. Das geht immer noch am besten in den eigenen vier Wänden."

Aber heißt das dann jetzt: Schluss mit lustig? Aus mit Theater, Lesung, Rock-Konzert?

Jane Austens "Emma" im Kino

"Und wie sieht es im Kino aus?", fragt Hannah Bethke in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

"Gehört es nicht zu den Orten, die man wegen der zu erwartenden Ansammlung von Menschen in diesen Tagen unbedingt meiden sollte?".

Zum Glück traut sich Andrea Diener in derselben Zeitung noch, einen neuen Kinofilm zu besprechen. Auch wenn es sich dabei mal wieder um eine Jane-Austen-Verfilmung handelt. "Emma" ist dieses Mal dran und die FAZ-Kritikerin freut sich über das ausführende Duo:

"Die ‚Emma‘-Regisseurin Autumn de Wilde ist eine amerikanische Porträtfotografin, die bislang hauptsächlich Musikvideos gedreht hat. Nun führte sie bei ihrem ersten Spielfilm Regie und suchte sich als Einstand gleich Jane Austens schwierigsten Roman mit der widerspenstigsten Heldin aus. Das Drehbuch lieferte ihr die neuseeländische Schriftstellerin Eleanor Catton, die nicht nur die jüngste Booker-Preisträgerin der Geschichte ist, sondern im Jahr 2013 auch noch mit dem dicksten Roman bisher gewann."

Und wie sieht der Liebesreigen des 18. Jahrhunderts im Jahre 2020 aus? "Jede Einstellung ist bis ins letzte Blümchen durchkomponiert, und der Film ist reich an Blümchen. Jedes Kleid, das Emma (Anya Taylor-Joy) trägt, bekommt seinen spektakulären Auftritt. Gerne wird ins Karikatureske überzeichnet, die Handreichung des Dieners als komisch-steifes Ballett inszeniert."

Der vermeintliche Fahrraddieb war ein Laiendarsteller

Wer dafür aber im Kino sein Leben nicht riskieren will, weil der Sitznachbar eventuell doch Corona infiziert ist, statt nur Corona-Bier zu trinken und sich stattdessen zu Hause vor die Glotze hängen will, wird ebenfalls von den Feuilletons gewarnt:

"In ihren Sendungen sorgen Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt oft mit angeblich verdeckt gedrehten Einspielern für Lacher. Allerdings sind einige Szenen mit Schauspielern gedreht", erklärt Hans Hoff in der SZ. Was die kleinen Filme der beiden Pro7-Rumblödler dann doch zu Fälschungen macht und ihnen vor allem den Witz nimmt.

Etwa wenn sie in Berlin einen Fahrraddieb auf frischer Tat ertappen, was Alice Kuropka in der FAZ so beschreibt:

"Der vermeintliche Täter, dessen Gesicht unkenntlich gemacht wurde, weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Um ihn herum beginnt ein absurdes Schauspiel mit einem Stelzenläufer, einem Feuerspucker und dem Sänger Adel Tawil, der, unterstützt von einem Chor, seinen Song ‚Ist da jemand?‘ in umgedichteter Form zum Besten gibt."

Der Horror für jeden Fahrraddieb, aber wohl nachweislich mindestens zweimal mit Laiendarstellern gedreht, wie die Recherche des NDR-Funk-Formats STRG_F ergab. Schade eigentlich.

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