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Kulturpresseschau | Beitrag vom 05.09.2020

Aus den FeuilletonsEsoterik als Form der Gegenaufklärung

Von Tobias Wenzel

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Bei einer Demonstration gegen die Pandemiemaßnahmen ist ein Plakat zu sehen, dass sich gegen einen behaupteten Genozid durch den Mobilfunkstandard 5G und Impfungen wendet. (imago-images / Müller-Stauffenberg)
"Kryptoaktivisten und Parawissenschaftler" sieht der "Tagesspiegel" unter den Teilnehmenden an Coronademonstrationen. (imago-images / Müller-Stauffenberg)

Der "Tagesspiegel" nimmt die Verbindung von Esoterik, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus ins Visier. Zu besichtigen sei diese Kombination bei den von der Initiative "Querdenken 711" veranstalteten Berliner Coronademonstrationen. Unser Wochenrückblick.

Zahlenmystik, spiritistische Sitzungen und Prophezeiungen waren Themen in den Feuilletons dieser Woche. Aber, keine Angst, liebe aufgeklärte Hörer, es ging auch rational zu.

"Welche Spuren wird die Pandemie in der Kunst hinterlassen?", fragt Kolja Reichert in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG und sagt voraus: "Die Kunst schrumpft." Diese Prognose stützt er unter anderem so: "Die Beweislast hat sich umgekehrt, der Bürger, der ein Kunstwerk nicht versteht, sieht die Verantwortung dafür zunehmend beim Kunstwerk."

Künstlerische Verarbeitung der Pandemie

Zur Eröffnung der Theatersaison blickte auch Peter Kümmel in die Zukunft, allerdings hypothetisch: "Nehmen wir an, wir befänden uns im Herbst des Jahres 2023, ein Impfstoff gegen das Virus wäre noch immer nicht gefunden, Deutschland zerfiele in lauter Lockdown-Fürstentümer und Quarantäne-Grafschaften mit jeweils eigenen Abstandsregeln, und es rollte die achte, neunte oder vierzehnte Corona-Welle über uns hinweg. Was für ein Theater fände dann auf unseren Bühnen statt?", fragte Kümmel in der ZEIT.

Seine Antwort: "Vermutlich wäre es von genau der Art, wie wir es derzeit in Weimar, beim Kunstfest, sehen." Dort war Kümmel nämlich Zeuge eines Monologs, in dem der Schauspieler Benny Claessens "nichts Geringeres als das aus dem Lockdown erwachende Theater selbst" spielte, sich immer mehr vom Text des Stücks "Paul oder Im Frühling ging die Erde unter" entfernte und sich dann dafür durch einen Live-Anruf bei der Autorin Sibylle Berg entschuldigte.

Lob und Kritik für Marina Abramović

"Natürlich drängt sich die Frage auf, ob die Menschen, wenn sie nach langer Auszeit wieder in die Oper gehen dürfen, ausgerechnet dem Tod begegnen wollen. Die Pandemie hat viele Leben gefordert", bemerkte Ulrike Knöfel im SPIEGEL mit Blick auf die Premiere von "7 Deaths of Maria Callas" von und mit der Performance-Künstlerin Marina Abramović.

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Das sei ein Abend in der Münchner Staatsoper gewesen, "aber kein Opernabend", erklärte Laszlo Molnar in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN, zeigte sich aber begeistert von Abramović: "Sie öffnet direkt das Herz, dass es wund ist und schmerzt."

Manuel Brug empfand dagegen Kritikerschmerzen: "So also meldet sich das Münchner Musiktheater nach sechs Monaten Corona-Live-Auszeit zurück", schrieb er in der WELT. "Mit dem am Ende nur mageren, mechanischen Pseudoevent eines eitlen Kunststars." "Die Sieben ist meine Schicksalszahl", verriet Abramović der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Sieben ist eine sehr vollständige Zahl. Ich liebe diese Zahl."

Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus

"Esoterik ist eine Form der Gegenaufklärung", schrieb Christian Schröder im TAGESSPIEGEL. Er erinnerte an spiritistische Sitzungen um 1900: "Man mag den wilhelminischen Spuk für Hokuspokus halten, aber unterscheidet ihn wirklich so viel von den Methoden heutiger Kryptoaktivisten und Parawissenschaftler?"

Und weiter: "Die Verbindung von Esoterik, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus, wie sie sich bei der von der Initiative Querdenken 711 veranstalteten Berliner Coronademonstration zeigte, hat eine lange Tradition."

Gerhard Matzig nannte in der SÜDDEUTSCHEN die Menschen, die auf die Treppe des Reichstagsgebäudes vorgedrungen waren, "Trillerpfeifen, von denen einige die Maskenpflicht, andere auch Deutschland abschaffen wollen".

Ihr Geschrei sei fast schon fanatisch gewesen, so Matzig: "Bis es an einer Glastür und im Angesicht von wenigen, dafür mutigen Polizisten endet." Das habe ihn an ein Lenin-Zitat erinnert: "Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen sie sich noch eine Bahnsteigkarte!"

Der Satiriker Hans Zippert musste das Stürmchen auf den Reichstag schon von Berufs wegen mit Humor nehmen. Zu Claudia Roth, die den Reichstag besser sichern möchte, aber ohne daraus eine "Festung" entstehen zu lassen, schrieb Zippert in der WELT: "Es wäre also nicht denkbar, den angreifenden Mob von oben mit siedendem Pech oder Fäkalien zu übergießen."

Die Gefahr der Vereinfachung

Gegen eine Revolution hätte Botho Strauß wohl nichts, wenn sie denn von klugen Köpfen ausginge. Die ZEIT veröffentlichte einen Vorabdruck seines neuen Buchs "Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern". Und der hat es in sich: "Kein Neuerer, kein Umstürzler, nicht einmal ein diabolischer Durcheinanderwerfer in Sicht! Dafür jede Menge denkfaule 'Querdenker'", heißt es bei Strauß.

"Vielleicht liegt es am suggestiven Normendruck einer letztlich engen, introvertierten Öffentlichkeit. Ob sie sich über Gentechnik oder Gendertum auslassen: es sind immer die gleichen Debattiermasken, die da sprechen, kleine konsensitive Gesinnungs-Roboter." Selbst in einer gefestigten Demokratie lauere eine Gefahr, nämlich "der schreckliche Vereinfacher".

Schreckliche Vereinfachung

Bei diesem generischen Maskulinum hat Botho Strauß, der Galle in Richtung politischer Korrektheit spuckt, bestimmt auch "die schreckliche Vereinfacherin" mitgedacht. Jedenfalls prophezeit er: "Ob es nun der schreckliche Vereinfacher in Person sein wird oder der jähe Einbruch des schrecklichen Einfachen selbst - das Geschehen wird die Konzepte 'ausdifferenzierter' Selbstvergewisserung verhöhnen."

Anstatt Hohn zum Schluss noch ein paar Knollennasenwitze. In seinem Nachruf auf den Cartoonisten Uli Stein schrieb Stefan Pannor in der Online-Ausgabe des SPIEGEL: "Typische Stein-Szenen spielen in Restaurants ('Möchten Sie den Wein gleich aussuchen oder sich erst später blamieren?'), im Garten ('Du hast nicht wirklich Glühwein in die Vogeltränke getan?'), beim Arzt ('Was mir fehlt? Bin ich der Arzt oder Sie?')."

Fazit

Fischer-Verlag trennt sich von Monika Maron"Das falsche Signal"
Die Schriftstellerin Monika Maron sitzt bei einer Buchpräsentation vor einem Plakat mit Buchstaben. (imago images / VIADATA Erfurt)

Der S. Fischer Verlag trennt sich von Monika Maron, Hintergrund ist die politische Haltung der Autorin. Der Literaturkritiker Jörg Magenau findet die Entscheidung falsch und kritisiert sie deutlich - Maron sei eine wichtige Autorin, um rechte Positionen zu diskutieren.Mehr

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