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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.02.2019

Aus den FeuilletonsEruptives Vergessen

Von Tobias Wenzel

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Der Vulkan Eyjafjallajökull und eine riesige Aschewolke (EPA / S. Olafs / dpa picture alliance)
Die durch den Ausbruch des Eyjafjallajökull produzierte Aschewolke legte im April 2010 den europäischen Luftraum für mehrere Tage lahm. (EPA / S. Olafs / dpa picture alliance)

Wer dachte, "Brexit" sei schon ein schwer verständliches Wort, der wird sich am Plan der britischen Regierung erfreuen, dieses durch "Eyjafjallajökull" zu ersetzen. Genau wie die Eruption des Vulkans 2010 werde nämlich die Aufregung um den Brexit bald vergessen sein.

Von Enden und Wänden haben die Feuilletons dieser Woche berichtet. Vom Schluss, der sich in die Länge zieht, vom Tod, der dann doch nicht ein so radikaler Schnitt ist, von Mauern, die der Weite des Raums ein Ende setzen. Ein Ende ohne Ende scheint der Brexit zu sein. Die britische Regierung soll Beamte durch ein Schreiben auf einen ungeregelten Brexit vorbereitet haben.

"Um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden, wird der Brexit mit einem Naturereignis gleichgesetzt, und zwar mit dem Ausbruch des 1600 Meter hohen isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im März 2010. So wie der Eyjafjallajökull-Staub rasch vom Winde verweht worden sei, so werde auch die Brexit-Eruption bald vergessen sein", schrieb der nicht namentlich genannte Autor in der Glossen-Rubrik "Das Letzte" in der ZEIT und ließ seiner Fantasie freien Lauf: "Aus diesem Grund sieht die Operation Yellowhammer vor, das harte Wort Brexit durch den lieblich klingenden Namen Eyjafjallajökull zu ersetzen."

Und weiter: "Britische Bürger, die für den Brexit, Pardon, für den Eyjafjallajökull gestimmt haben, werden bei der Nahrungsmittelausgabe bevorzugt behandelt (bitte Nachweis erbringen) und erhalten an den bekannten Ausgabestellen den landesweit beliebten Eyjafjallajökull-Cheddarkäse in der erweiterten Vorratspackung zum Einlagern."

Hommage an die Wand

Vom Ende des Wortes Brexit zur Weite des Raums, die manche begrenzen möchten. "Baut die Mauer!" rief Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG aus. Also auch Matzig vom Mauervirus à la Trump infiziert, von der nationalistischen Abschott-Schrott-Lawine mitgerissen? Fragte man sich, aber nur kurz. Denn in seiner "Hommage an die Wand" präzisierte Matzig den Gedanken so: Die "Sehnsucht nach Wänden" in Wohnhäusern und Büros sei durchaus menschlich, aber einem "unreflektierten Open-Space-Regime geopfert" worden:

"In Berlin gibt es ein Hotel, das ‚Q!‘, bei dem das Bett umstandslos übergeht in eine Badewanne. Ein abschließbares Badezimmer scheint mindestens so postfaschistisch zu sein wie Sichtschutz, weshalb das Publikum an der Knesebeckstraße 67 einem bei der Morgentoilette begeistert (oder auch nicht) zusehen kann." Matzig lechzte nach Begrenzung im Raum, allerdings nur im architektonischen: "Reißt also gern die Grenzanlagen ein – doch baut daraus bitte neue Wände."

"Angst", "Sex", "Orgie"

"An den Wänden stehen Worte wie ‚Angst‘, ‚Sex‘, ‚Orgie‘", schrieb Niklas Maak in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN über das Großkunstprojekt "DAU" des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, das in Paris eröffnet worden war. Der Künstler wollte eigentlich nur einen Film über den Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau und die Stalinzeit drehen. Aber dann nistete er sich drei Jahre mit seinen Darstellern in dem ehemaligen Institut Landaus in der Ukraine ein und drehte 700 Stunden.

"Der Künstler hat drei Millionen Ameisen per Hand zu einer riesigen Kaffeekanne zusammengeklebt – ja Wahnsinn!", lästerte Maak und kritisierte den autoritären Charakter des Projekts: "DAU steht für den neuen Anspruch an die Kunst, nicht Aufklärung und Aufstand gegen die Verhältnisse, sondern ‚Immersion‘ und Heilung zu bieten – wozu man den Leuten erstmal einreden muss, dass sie krank sind und nicht das System um sie herum." Für Maak konnte der Besuch gar nicht schnell genug enden.

Über postmortales Persönlichkeitsrecht

Zum Nachdenken über den Tod, der vielleicht doch nicht das Ende vom Ende ist, regte ein Interview in der TAZ an. "Ist es nicht fragwürdig, dass man über den Tod hinaus die Rechte an seiner eigenen Geschichte haben soll?", fragte Dirk Knipphals den Rechtsanwalt Karl Alich. Und der antwortete: "Das postmortale Persönlichkeitsrecht ist juristisch anerkannt."

Alich vertritt die Erben von Stella Goldschlag, der jüdischen Gestapo-Kollaborateurin und Hauptfigur in Takis Würgers Roman "Stella". Der Anwalt fordert vom Hanser-Verlag, die Auslieferung des Buchs zu stoppen beziehungsweise eine Passage zu schwärzen, in der Würger aus den denunziatorischen Akten eines sowjetischen Militärtribunals zitiert.

Der Autor habe das auf unzulässige Weise unkommentiert gelassen. Denn erst durch die Misshandlungen der Gestapo sei Stella Goldschlag zu einem gefühllosen "Monster" geworden. Micha Brumlik, Experte für die Geschichte und die Wirkung des Holocaust, zitierte in der ZEIT aus einem Sachbuch über Goldschlag eine ihrer Äußerungen:

"In den Gestapokellern der Burgstraße wurde mir ein doppelter Steißbeinbruch getreten, eine Rückgratkrümmung geschlagen; ich blutete aus Mund, Ohren und Nase, konnte acht Tage nicht essen, noch meine Lippen bewegen – man wollte mich erwürgen –, dreimal legte man mir die entsicherte Pistole an die Schläfe. Völlig zerschlagen und vernichtet blieb ich ohnmächtig liegen. Da trat man mit Schaftstiefeln nach mir – ich gab mein Leben auf."

Sie sei eben auch ein Opfer gewesen, sagte der Anwalt der Erben in der TAZ. Die in den Text montierte unkommentierte Passage verletze Goldschlags Persönlichkeitsrechte. Sie hat sich 1994 das Leben genommen. Aber die Rechte wirken in der Einschätzung des Anwalts bis heute.

Posthume Aktivitäten von François Caradec

Der französische Schriftsteller François Caradec ist 2008 gestorben, aber auf gewisse Weise immer noch aktiv, wie Hannes Stein in der WELT verriet. Caradec war in einem Verein, dessen Mitglieder, darunter die Schriftstellerkollegen Raymond Queneau und Italo Calvino, sich selbst sprachliche Zwänge auferlegten, um ihre Kreativität zu fördern.

In Steins Worten: "Er war ein ‚Oulipolist‘ – oder genauer, er ist immer noch einer, denn aus dem Verein ‚Oulipo‘ tritt man nicht aus, wenn man in die Grube sinkt. Man gilt dann nur als ein ‚durch Sterbefall entschuldigtes‘ Mitglied."

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