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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.07.2020

Aus den FeuilletonsErinnerungen an einen freundlichen Philosophen

Von Klaus Pokatzky

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Jacques Derrida blickt in Richtung des Betrachters. (Leemage / imago-images)
Die Feuilletons erinnern geradezu liebevoll an den französischen Philosophen Jacques Derrida. (Leemage / imago-images)

Am Mittwoch wäre der Philosoph Jacques Derrida 90 Jahre alt geworden. In den Feuilletons wird sein immenser Einfluss auf das Denken im 20. Jahrhundert gewürdigt - und sein zuvorkommendes und bescheidenes Wesen.

"Die eigentliche politische Handlung besteht darin, so viel Freundschaft wie möglich zu stiften." Das steht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG - als Zitat des 2004 verstorbenen Philosophen Jacques Derrida, der am Mittwoch 90 Jahre alt geworden wäre. "Heute ist jedem klar, dass Derrida einer der Namen ist, ohne die man die intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht schreiben kann", heißt es in der Tageszeitung DIE WELT.

Derridas Leidenschaft war die Sprache 

"Derrida hat nie darauf gepocht, eine überragende Autorität zu sein, sondern er war mit jedermann auf freundlicher Augenhöhe", schreibt Barbara Vinken. "Bis zum Schluss hat er sich gefreut, wenn Studenten aus der ganzen Welt kamen, und er hörte ihnen zu, beim Tee."

Das hat er in seinen letzten Lebensjahren auch bei Besuchen an der amerikanischen Universität Stanford zeigen können - und beeindruckte dort etwa den deutschen Professor Hans Ulrich Gumbrecht "als ein eher bescheidener Kollege, dessen Umgangsformen an einen Diplomaten oder auch an den Besitzer eines Weinguts erinnerten", wie in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG zu lesen ist.

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"Der Sprache als seiner Minneherrin hat er, ihr ganz unterworfen, sein Leben gewidmet, sie war seine lebenslange Leidenschaft", meint in der WELT Barbara Vinken, Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die sich an Gespräche in der Pariser Bar und Teestube "Lutetia" erinnert.

"Einmal bewunderte ich Derrida wegen der unglaublichen Kreativität seiner Sprache. Er lachte: Zu viel Über-Ich herrsche an deutschen Universitäten, zu wenig Vertrauen in die Sprache und keine Lust, sich ihr anzuvertrauen." Und da vertrauen wir noch einmal auf die Klugheit des Philosophen und dessen Zitat zur Freundschaft, die so wichtig für die politische Handlung ist. "Sie ist ein Akt, bevor sie eine Situation ist, der Akt dessen, der liebt", steht in der SÜDDEUTSCHEN.

Russland zermürbt seine Kritiker

"Russland erlebt einen Sommer der Verhaftungen und Strafprozesse gegen Journalisten, Bürgerrechtler und Künstler", erinnert die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG an ein Land, in dem es mit politischer Liebe nicht so weit her ist.

"Das Regime setzt auf die finanzielle, moralische oder physische Zermürbung von Kritikern", schreibt Kerstin Holm und zeigt, wie das Zermürben erfolgreich sein kann - am Beispiel des Regisseurs Kirill Serebrennikow, "der in einem absurden Verfahren wegen Unterschlagung zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Während seine Mitangeklagten in die Berufung gehen, verzichtet Serebrennikow darauf. Der Künstler sei müde und depressiv, sagte sein Anwalt."

Der Rat eines Veterans

Da hoffen wir doch eher auf unsere liebevollen Freunde jenseits des Atlantik - oder? "Ich glaube immer noch an Amerika", sagt ein Amerikaner. "Wir schwarzen Amerikaner haben diese Nation buchstäblich mit unseren Händen aufgebaut", erklärt der Veteran der Bürgerrechtsbewegung John Burl Smith.

"Wir haben zu viel Blut für dieses Land vergossen, haben zu lange Amerikas Werte verteidigt, dafür gekämpft, dieses Land zu einer Heimat für uns alle zu machen, um jetzt aufzugeben", sagt der 77-Jährige im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN - und gibt den Jüngeren, die nun für die antirassistische Initiative "Black Lives Matter" auf die Straße gehen, den Rat:

"Sie sollten ihren Protest in Politik ummünzen. Und endlich die Greise im Kongress und Senat ablösen, die immer noch in den Vierzigern und Fünfzigern leben. Wenn sie es schaffen, so viele Stimmen in die Urnen zu bekommen wie sie Menschen auf der Straße mobilisieren, dann werden die Politiker ihnen zwangsläufig zuhören."

Freundschaft nicht ausgeschlossen.

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