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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.04.2016

Aus den FeuilletonsErdogan, Merkel und ein mehrwöchiger Lachanfall

Von Tobias Wenzel

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Der türkische Ministerpräsident Erdogan und Bundeskanzlerin Merkel (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)
Der türkische Ministerpräsident Erdogan und Bundeskanzlerin Merkel (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)

Die Causa Böhmermann dominiert weiter die Feuilletons - und selbst in den Theaterkritiken ist sie allgegenwärtig. Friedrich Küppersbusch erklärt uns die Staatsaffäre mit einem einfachen Gleichnis.

"Zur Causa Böhmermann: Die Bundesregierung lässt eine Strafverfolgung gegen ihn wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts zu. Aber sie will auch den Paragrafen zur Majestätsbeleidigung abschaffen. Clever gelöst?"

Auf diese lange Frage der TAZ reagiert Friedrich Küppersbusch mit einer noch längeren Antwort:

"Flegel schmeißt Nachbars Fenster ein
Nachbar will Flegel eine scheuern
Flegelmama sagt: Lass mal, mach ich schon
Mama scheuert Flegel eine
Nachbar sagt: Schön! Ich auch!
Nachbar scheuert Mama und Flegel eine. […] Erdoğan aufs Gericht loszulassen birgt geringstes Risiko. Dagegen würde die Nachricht – 'Deutsche Regierung schafft geltendes Recht ab, wenn’s ihr nicht in den Kram passt' – Erdoğan einen mehrwöchigen Lachflash verschaffen. Also kann man nur übelnehmen, dass man am Ende Merkel verstehen kann und die Sozis nicht."

"Mülltrennung ist allerdings nicht vorgesehen"

Es böhmermännert noch immer in den Feuilletons. Selbst in den Theaterkritiken: "In der witzigsten Szene gibt es ein Stelldichein verschiedener Gottheiten mit Jesus als Gastgeber", schreibt Christine Dössel in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über die Uraufführung von Elfriede Jelineks neuem Stück "Wut" an den Münchner Kammerspielen.

Dann falle den Gottheiten aber auf, dass ein gewisser "Mo" fehle. Bis Schauspieler Franz Rogowski "im Goldröckchen mit Pumps in die Runde" platze und sage:

"Hey, ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich Mohammed bin! Ich bin eine Böhmermann-Karikatur."

Als zahllos, aber meist belanglos hat Hubert Spiegel von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG die Böhmermann-Anspielungen von Regisseur Nicolas Stemann und Dramaturg Benjamin von Blomberg erlebt. Spiegel verreißt die Uraufführung von Jelineks Stück "Wut", nimmt aber den Regisseur wie folgt indirekt in Schutz:

"Jelinek inszenieren ist wie Gold waschen in einem Gebirgsbach: Der Regisseur bekommt es mit viel Geröll zu tun. Und mit Abfall, Sprachabfall aus den Diskursen der Saison. Dafür gibt es die Jelinekschen Containerstücke, in die viel hineinpasst. Mülltrennung ist allerdings nicht vorgesehen."

"Mitgefühl ist nobel, aber..."

Apropos Müll und Trennung: Ayaan Hirsi Ali, der niederländisch-amerikanischen Politikwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Islamkritikerin, ist vorgeworfen worden, sie trenne nicht zwischen Islam und Islamismus und neige zu Pauschalurteilen.

Wer ihren Beitrag für die FAZ liest, den wundert diese Kritik wohl nicht. Dort schreibt sie:

"Die politischen Eliten in Europa mit Angela Merkel an der Spitze schwanken zwischen grenzenlosem Mitgefühl und verzweifelten Verhandlungen mit der türkischen Regierung, um sich des Flüchtlingsstroms zu erwehren."

Und weiter:

"Mitgefühl ist nobel, aber was ist mit all jenen, die von den Fanatikern in Paris und Brüssel so grausam ermordet wurden? Oder denjenigen, die von den Gewaltbereiten in dieser oder jener Form terrorisiert werden? Was ist mit den Frauen und Mädchen, die begrapscht, beleidigt, bestohlen und vergewaltigt werden? Oder denen, die fragen, warum sie zur Arbeit gehen und Steuern bezahlen, während kerngesunde Einwanderer Geld fürs Nichtstun bekommen?"

Samy Deluxe: "Das habe ich unterschrieben?"

Mit Stammtischgeschwätz sollte man nicht enden. Also lieber noch schnell etwas Komisches. DIE WELT konfrontiert Rapper Samy Deluxe im Interview mit seiner jüngsten Vergangenheit:

"Als Naidoo wegen seiner Äußerungen als Kandidat für den Eurovision Song Contest ausgeladen wurde, haben Sie die 'Menschen für Xavier Naidoo'-Anzeige in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' mit unterschrieben." 
"Das habe ich unterschrieben?", fragt Samy Deluxe. "Oh, da kann ich mich nicht daran erinnern. Das war bestimmt so eine 'Hier, Samy, unterschreib mal'-Aktion. Ja, Scheiße."

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