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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.06.2019

Aus den FeuilletonsEnttäuscht von der Gegenwartsliteratur

Von Adelheid Wedel

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Ein Bücherstapel auf der Buchmesse Leipzig 2019. (imago images / Chris Emil Janßen)
"Ein Autor sollte nie ein Gefühlsadvokat sein", schreibt die "Welt". (imago images / Chris Emil Janßen)

Die Gegenwartsliteratur sei "größtenteils grauenhaft", schreibt die "Welt" und fragt besorgt: "Was ist mit der Literatur los?". Und die "taz" fragt eine preisgekrönte Schriftstellerin: "Hilft Anerkennung im Literaturbetrieb?"

"Bloß keine Lebenshilfe" – scheint Karl Heinz Bohrer in der Tageszeitung DIE WELT auszurufen, als Forderung an Literatur heute. Nach seinem Urteil ist die Gegenwartsliteratur "größtenteils grauenhaft", denn, so Bohrer, "ein Autor sollte nie ein Gefühlsadvokat sein."

Besorgt fragt er: "Was ist mit der Literatur los?" Bei Neuerscheinungen, beim Durchblättern von Verlagskatalogen und Rezensionen falle ihm auf, "wie das Lebenskundliche, das emotionell Bewegende eines uns schon bekannten Stoffes in den Charakteristiken betont wird. Dabei habe man nicht unbedingt den Eindruck, von etwas geistig Inspirierendem. Beim literarischen Schreiben aber bedürfe es der intellektuellen Phantasie, der kognitiven Kraft", meint der 1932 geborene Professor emeritus der Literaturwissenschaft und frühere Herausgeber der Zeitschrift "Merkur".

Auf zwei Zeitungsseiten der WELT breitet er sein Wissen über bedeutende Romane des 19. und 20. Jahrhunderts aus. Seiner Meinung nach "vermeiden es bedeutende Romane, das Leben, wie prall auch immer, einfach zu wiederholen. Vor allem bieten sie keine Lebenshilfe an, die inzwischen in den sogenannten Sachbüchern überwiegt, aber auch in der Belletristik aufzutauchen beginnt." Eine andere Maxime von Bohrer: "Es geht darum, nicht gesellschaftsanalytisch Bekanntes zu identifizieren, sondern imaginäre Phantasmen zu entwerfen. Weder die objektive Darstellung der Gesellschaft noch die subjektiv autobiografische führen zu etwas literarisch Interessantem."

Über den Beruf Schriftstellerin

 "Hilft Anerkennung im Literaturbetrieb?" fragt Anke Stelling in der Tageszeitung TAZ und setzt damit quasi das Literaturgespräch fort. Im Juni wurde die 1971 geborene Schriftstellerin mit dem Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. Die TAZ druckt leicht gekürzt ihre Dankesrede, die sie als "eine Mischung aus Schulaufsatz, Bekenntnis und Predigt" sieht, "gerahmt von einem Anlass und doch zugleich offen nach allen Seiten." Auch spricht sie über ihren Beruf: "Schriftstellerinnen müssen das Nichtverstandenwerden in Kauf nehmen, sie müssen dranbleiben, Leute zu quälen: mit Ichbezogenheit, der eigenen Befindlichkeit, der Unsicherheit und der Nacktheit, die mit dem Stimme erheben einhergehen." Zum Wesen der Kunst sagt sie: "Die Kunst brauche ich, um das Dasein zu ertragen. Künstler und Künstlerinnen, die die Welt durch sich hindurchgehen lassen und greifbar machen in ihrer Darstellung. Ohne halte ich die Welt nicht aus, weder das Schöne – die Preise und die Liebe – noch das Schreckliche – das Nichtwahrgenommenwerden und den Tod."

Erdogans Machtverteidigung

In der Tageszeitung DIE WELT kommentiert Zafer Şenocak "die Niederlage Erdogans bei der Bürgermeisterwahl am Bosporus." Er schreibt: "Sie zeigt, dass eine Mehrheit der Bürger keinen Kulturkrieg, keine Schlacht um Identität will. Sie möchte das Nebeneinander verschiedener Lebensentwürfe." Şenocak denkt darüber nach, dass – wie er sagt – "wir uns immer wieder von einem Politikertypus einfangen lassen, dessen Lebensinhalt ausschließlich aus Macht, Machterhalt und Machtverteidigung besteht. Einer von ihnen regiert die Türkei mit eiserner Faust und inzwischen immer raueren Methoden." Wenn die Machtbasis eines solchen Potentaten Risse bekommt, sei das ein seltenes Schauspiel – und darüber schreibt Şenocak in der WELT.

Erinnerung an Pina Bausch

Vor zehn  Jahren starb Pina Bausch. Lutz Förster gehörte lange zu ihrem Ensemble.

Im TAGESSPIEGEL erinnert sich der Star-Tänzer im Gespräch mit Sandra Luzina an, wie er es nennt, "die Zeit mit einer Besessenen, denn Pina arbeitete 24 Stunden. Sie schuf ein radikal modernes Verständnis von Tanz. Ihr 1973 gegründetes Wuppertaler Tanztheater schockierte und begeisterte die Zuschauer." Lutz Försters Resümee nach 34 Jahren enger Zusammenarbeit: "Mit ihr verbinde ich Ehrlichkeit, ein großes Vertrauen und etwas, was man vielleicht als Liebe bezeichnen könnte."

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