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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 09.03.2016

Aus den FeuilletonsEine Trachtenjacke für Ulrich Greiner

Von Hans von Trotha

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Erkennt man alle Konservativen am Trachtenjanker? "Im Süden der Republik: ja." (picture alliance/dpa/ Markus C. Hurek)
Erkennt man alle Konservativen am Trachtenjanker? "Im Süden der Republik: ja." (picture alliance/dpa/ Markus C. Hurek)

Heute widmet sich die Kulturpresseschau dem Typus des konservativen Intellektuellen. Der haut sich mitunter gerne verbal mit ähnlich Gesinnten oder sinniert wie Ulrich Greiner in der "Zeit" über das "Recht, rechts zu sein". Und hat dafür eine Tracht verdient.

Vor einer Woche hat Peter Sloterdijk in der ZEIT auf Herfried Münkler eingedroschen. In dieser Woche drischt Herfried Münkler in der ZEIT auf Peter Sloterdijk ein. "Weiß er, was er will?", fragt Münkler rhetorisch und schreibt genussvoll piesackende Sätze wie:

"Peter Sloterdijk hat einen ausgeprägten Affekt gegen strategisches Denken."

Oder:

"Dass er in dem ZEIT-Essay so viele Worte gebraucht hat, um schließlich nichts zu sagen, hat seinen Grund auch darin, dass er selbst nicht weiß, was er will."

So etwas liest man natürlich immer gern. Und doch - das mit den vielen Worten hallt nach und legt sich wie Tau über die ganze Debatte. Es bleibt ein fad-bitterer Nachgeschmack, dass bei so vielen bedruckten Zeitungsseiten und durchgestandenen Talkshowstunden so wenig Substanz vermittelt wird, dass so wenig greifbar ist, wofür es sich für uns wirklich lohnen sollte, die Zaungäste dieses eben nur scheinbar nicht oberflächlichen Schlagabtauschs zu geben. Immerhin bemerkt Münkler:

"Man muss Sloterdijks Essay aber nicht unbedingt als Dokument eines verkorksten Denkens lesen, sondern kann darin auch die Abdankungserklärung eines Typus öffentlicher Intellektualität sehen, der die Debattenkultur dieses Landes lange Zeit beherrscht hat. Dieser Typus hat sich nicht einer klaren und präzisen Begrifflichkeit bedient, sondern mit dunklen Metaphern Gedankenschwere simuliert. Solange die Bundesrepublik ein Akteur ohne größere politische Spielräume und ohne politische Handlungsmacht war, hat sie sich diesen Typus des öffentlichen Intellektuellen folgenlos leisten können. Und nicht nur das: Er war für das Selbstbewusstsein der Gesellschaft wichtig, weil er fehlende Handlungsmacht durch intellektuelle Deutungsmacht camouflierte."

Vergessene Bonner Tugenden

Münkler spricht von Bonn. Und Bonn ersteht in der aktuellen Ausgabe von CHRIST & WELT noch einmal auf, die einst aus dem RHEINISCHEN MERKUR hervorgegangenen war, welcher wiederum vor 70 Jahren gegründet wurde.

In CHRIST & WELT heißt es:

"Ihm zu Ehren entdecken wir die Tugenden der Bonner Republik neu – denn Bonn hat der Welt mehr voraus, als viele in Berlin ahnen."

Die Villa Hammerschmidt zum Beispiel, zweiter Dienstsitz des Ersten Mannes in unserem Staat.  Überschrift:

"Er kommt selten, aber gern."

Gattungsbezeichnung:

"Eine Geduldsprobe". 

Oder das Palais Schaumburg. Einst Dienstsitz des mächtigsten Mannes der Republik und  im Gegensatz zur Villa Hammerschmidt, wo das eigentlich viel passender wäre – auch der Name einer Punk-Band. Der Kopf von Palais Schaumburg heißt Holger Hiller und gibt CHRIST & WELT ein Postkarten-Interview, E-Mails beantwortet er nicht. Und so schreibt er auf einer Postkarte an CHRIST & WELT Sätze wie:

"Ich war nie im Palais Schaumburg."

Schließlich beantwortet der letzte Chefredakteur des als strikt konservativ geltenden RHEINISCHEN MERKUR, Michael Rutz, "24 1/2 klassische Fragen" zum Thema:

"Was war noch einmal konservativ?"

Was ist konservativ?

Vielleicht geht es Ulrich Greiner ja besser, wenn er das gelesen hat. Dem nämlich hat die ZEIT in ihrem unbändigen Drang, Debatten anzuzetteln, eine Seite eingeräumt, auf der er sein "Recht, rechts zu sein" einklagen darf. Da sich offenbar so recht keiner mit ihm darüber streiten wollte, spaltet er sich auf, und zwar in sich selbst und einen gedachten Konservativen,  der aber auch er ist ("Der zitierte Konservative bin ich").

Greiner nennt seinen Text, in dem er also als mit sich selbst identische Personen zweimal das Gleiche sagen darf,  "Gedanken eines heimatlosen Konservativen". Immerhin findet er auf Heimatsuche Gleichgesinnte unter den Intellektuellen wie Botho Strauß, Rüdiger Safranski und – da isser schon wieder - Peter Sloterdijk.

Nicht dabei ist natürlich Kanzlerinnenversteher Herfried Münkler, aber auch nicht der staatlich geprüfte Konservative Michael Rutz. Der wird in CHRIST & WELT neben 23 1/2 anderen Dingen gefragt, ob denn alle Konservativen Trachtenjanker tragen. Antwort:

"Im Süden der Republik: ja."

Viellicht sollte Ulrich Greiner umziehen. Oder, noch besser: Wir sammeln für eine Trachtenjacke für Ulrich Greiner. Dann sieht in Hamburg jeder: Guck mal, ein Konservativer. Tracht steht außerdem für Heimat, und unsere Zeit hat endlich einen neuen Typus des Intellektuellen: den Konservativen, der sein Recht, rechts zu sein, im Alltag so richtig auslebt.

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