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Kulturpresseschau | Beitrag vom 05.12.2018

Aus den Feuilletons"Eine Revolution des Volkes"

Von Ulrike Timm

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Protest der "Gilets Jaunes" ("Gelbwesten") in Paris vor dem Triumphbogen.  (imago stock&people / Nathan Laine )
Protest der "Gilets Jaunes" ("Gelbwesten") in Paris vor dem Triumphbogen. (imago stock&people / Nathan Laine )

Das republikanische Versprechen der sozialen Gleichheit sei ein Fundament der französischen Republik, sagt die Schriftstellerin Annie Ernaux in der "Zeit". Den Protest der "Gelbwesten" bezeichnet sie als erste Revolution, die nicht von Paris ausgehe.

Antworten auf Fragen, die wir uns womöglich noch gar nicht gestellt haben, finden wir in der WELT: "Wer entscheidet eigentlich, welchen Artikel ein Fremdwort im Deutschen bekommt?" Hmmm. Genau.

"Neben vielen anderen Herausforderungen hat der politische Populismus in Europa uns auch noch ein grammatisches Problem beschert - nämlich die Frage, ob wir in deutschsprachigen Texten die rechtsnationale Bewegung der Familie Le Pen 'die Front National' oder 'der Front National' nennen."

Heißt inzwischen sowieso anders, aber wer seine Französischkenntnisse ausstellen will, bevorzugt "der Front National", weil "front" im Französischen maskulin ist. "Allerdings würde keiner von ihnen je auf die Idee kommen, "der Tour de France" zu schreiben, obwohl für die Franzosen das große Radrennen männlich ist: le Tour de France." 

Die Butter kann auch männlich sein

Oje, das wird kompliziert. Matthias Heine hat zur Fleißarbeit angesetzt und viele Sprachwissenschaftler gefragt. Und an mancher Stelle seines Artikels wünscht man sich, "Der, die, das" dürfte uns schlicht weiter im Ohr liegen als Titelsong der Sesamstraße. Zumal die Antworten der Linguistik-Koryphäen uns nicht viel weiter bringen: "Es ist kompliziert". Oder "Wir sehen: die eiserne Regel für die Vergabe von Artikeln gibt es einfach nicht". Wie sagt der Duden in solchen Fällen: geht beides.

Das Tibetische oder Persische jedenfalls kommen ganz ohne Artikel aus, während es in den Bantu- und anderen Niger-Kongo-Sprachen bis zu 25 davon gibt! Kleiner Trost: "Auch bei Wörtern des deutschen Kernwortschatzes gibt es unsichere Fälle, oft allerdings mit Bedeutungsunterschieden: der/das Balg, der/die Abscheu oder der/das Hehl." Wichtig bleibt: "Ein richtiger Bayer sagt selbstverständlich der Butter."

"Eine Mittelklasse, die keine Hoffnung mehr hat"

"La rage, die Wut" zieht zur Zeit in gelben Westen durch Frankreich, sagt die Schriftstellerin Annie Ernaux im Interview der ZEIT. "Zum ersten Mal kommt eine nationale Revolution nicht aus Paris". Das sind starke Töne, und auf die Rückfrage der ZEIT-Kollegen, ob es denn überhaupt eine Revolution sei, legt Ernaux noch nach: "Es ist eine Revolution des Volkes, ganz anders als die von 1968, die nur eine intellektuelle Revolution war."

Madame hat viel Verständnis für die Bewegung, von der zumindest ein Teil blindwütig Straßen verwüstet oder den Arc de Triomphe demoliert.

"Es gibt eine privilegierte Klasse, die in den Großstädten lebt", sagt Annie Ernaux, "und es gibt die Mittelklasse in den kleinen Städten, die zwar arbeitet, aber keine Hoffnung mehr hat. Ich glaube, in Frankreich ist das Verlangen nach égalité, nach sozialer Gleichheit, noch viel lebendiger als in England oder in Deutschland. Es gehört zum Fundament der Französischen Republik. Jetzt hat man das Gefühl, dass dieses republikanische Versprechen ein Witz geworden ist."

Erneutes Referendum in Großbritannien möglich

La rage - die französische Wut kommt klangvoller daher als "the rage" oder "the fury" im Britischen, wo man mit "the Brexit" - im Deutschen immer männlich! - die eigene Gesellschaft und Europa gleich mit aufreibt. Der Historiker Timothy Garton Ash meint im TAGESSPIEGEL: "Ein zweites Referendum wird attraktiv". "Wird" - ist also noch nicht!

Aber wenn Theresa May die Abstimmung in London verliert, wovon Ash ausgeht, hält der Historiker eine erneute Volksbefragung für wahrscheinlich. "Noch im Juni habe ich an einer kleinen Demonstration für ein zweites Referendum teilgenommen. Da waren wir britischen Europäer noch unter uns. Und plötzlich ist es fast mehrheitsfähig."

Fast. Man wird den Eindruck nicht los, hier wünscht sich einer was ganz doll. Und wenn dann dasselbe herauskommt? Schon einmal war es ja eigentlich ganz sicher, dass Großbritannien in Europa bleibt. Und so schiebt Timothy Garton Ash noch hinterher: "Nichts ist sicher. Wir Engländer sind 'bloody minded', störrisch." Nach so vielen Worten des Hoffens, Bangens, Wünschens und Wollens mit oder ohne Artikel noch ein kurzer Blick in die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Denn da steht ein Satz, der Radiomenschen glücklich macht: "Das Hören erlebt eine Renaissance".

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