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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.09.2020

Aus den FeuilletonsEine Maschine tötet die Demokratie

Von Hans von Trotha

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Gesprungenes Smartphone-Display mit Facebook-Logo (Getty Images / NurPhoto / Jakub Porzycki)
Facebook: Tech-Kritiker halten die Art und Weise, wie das Unternehmen sein Geld verdient, für hochgefährlich. (Getty Images / NurPhoto / Jakub Porzycki)

Wir nennen sie die "sozialen" Medien. In einer neuen Netflix-Dokumentation berichten zwei ehemalige Tech-Mitarbeiter nun, wie gefährlich die Geschäftsmodelle sind, die dahinter stecken. Der "Süddeutschen" reicht das nicht und interviewt beide noch mal.

"In der Gegenwart herrscht, wenn die Regierung wieder einmal eine Entscheidung hinauszögert, Krisenstimmung. Fährt der Mann gern in die Berge, die Frau hingegen lieber ans Meer, dann ist: Ehekrise. In den Medien liest man: Schliesst die Schweiz mit der EU ein Rahmenabkommen ab, geht sie unter, und wenn nicht, dann auch."

Warum immer diese Krisenstimmung?

Eine Einschätzung, die naturgemäß nur aus der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG stammen kann, formuliert vom Physiker, Unternehmer und Autor Hans Widmer, und zwar offenbar mit dem rhetorischen Ziel, uns zur Vernunft zu bringen – oder doch zumindest mit dem Ziel, uns rhetorisch zur Vernunft zu bringen.

"Der Mensch denkt sich Gefahren aus, wenn es ihm gut geht", schreibt Widmer. "Sobald der Ernstfall eintritt, wird er ganz still."

Zumindest als Autor hat er eine unverbrüchlich optimistische Sicht auf die Dinge, sonst würde er nicht fragen: "Woher rührt die ständige Krisenstimmung, wo sich doch die Menschheit fulminant zum Besseren entwickelt hat?" Immerhin beobachtet er: "Mit dem gewachsenen Freiraum des Individuums ist auch der Raum für den Irrtum gewachsen."

"Lauernde Gefahren" in sozialen Medien

In genau diesem Raum haben sich die sogenannten sozialen Medien mit ihren Strategien eingenistet – und in diesem Raum lauern echte Gefahren, glaubt man zwei Aussteigern aus der digitalen Industrie, die in der Netflix-Dokumentation "Das Dilemma mit den sozialen Medien" zu sehen sind und die die SÜDDEUTSCHE im Interview hat: Tristan Harris hat für Google gearbeitet, Roger McNamee ist mit Investitionen in Tech-Firmen, nicht zuletzt Facebook, reich geworden, nach dem US-Wahlkampf 2016 wurde er zum Tech-Kritiker.

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"Das größte Problem bleibt", warnt Tristan Harris, "Facebook ist eine Maschine, die die Demokratie tötet. Und dagegen tut der Konzern nichts, es ist ja sein Geschäftsmodell. Er müsste den Nachrichten-Feed oder die Werbung für längere Zeit abschalten, zumindest während Wahlkämpfen." Auf den Einwand, dass die Demokratie ja noch lebt, sekundiert Roger McNamee:

"Das Wunderbare an Kontinentaleuropa ist, dass seine politischen Institutionen stark genug sind, allen scharfen Attacken zum Trotz. Die AfD hatte 85 Prozent der Anteile an 'Shares' auf Facebook", erläutert er, "aber nur zwölf Prozent der Wählerstimmen. In den USA, Großbritannien, Brasilien und Indien hat die Technik aber den Ausgang von Wahlen beeinflusst."

Anfechtung stärkt die Demokratie

In einem als "Essay" annoncierten Auszug aus einem neuen Buch sieht Botho Strauß in der WELT ganz andere Gefahren für die Demokratie: Die, meint der Schriftsteller, werde "nicht gestärkt durch präsidiale Ermahnungen, man möge sich zu ihr bekennen und sie gegen ihre Feinde verteidigen. Die Demokratie", setzt Strauß seine gewagte und, wie ihm sicher selbst bewusst ist, keineswegs ungefährliche These dagegen, "stärkt allein ihre Anfechtung".

Die, meint Strauß, sei "das bestmögliche System zur Überwindung ihrer Infragestellung". "Wir haben es", konstatiert Strauß, "mit der in der Geschichte der Bundesrepublik bisher einmaligen Situation zu tun, daß den 'Herrschenden' von links keine Kritik, sondern nur Mitläuferschaft geboten wird."

Das sinkende Niveau linker Kritik

"Es handelt sich um die breiteste Majorität, die bei uns je das Sagen hatte (wenn wir von der Mentalität breiter Volksmassen einmal absehen)", so Strauß, "eine beinah grenzenlose linke Mitte, die schärfer als früher jeden ausgrenzen möchte, der nicht einstimmt. Dem Populistischen und Populären lief immer zuwider der höhere Reflexionsgrad linker Kritik."

Und jetzt kommt er zu seinem Punkt: "Das Niveau, das sie", also die linke Kritik, "einst beherrschte, doch seit langem geräumt hat, sollte nun für die Kritik von rechts verpflichtend sein." Und Strauß behauptet:

"Im Gegensatz zur Linken, die noch für ihre verbrecherischen Radikalisierungen offene oder geheime Sympathien bei führenden Intellektuellen fand, gibt es für den traditionalen Rechten einen kategorischen Gegner von Anfang an, nämlich den Rechtsradikalen."

Wohl dem, der diese Unterscheidung wirklich macht und mit der gleichen Vehemenz und Klarheit für sie eintritt, mit der er die Kritik an vermeintlich allgemein geteilten linken Positionen formuliert. Denn nur dann liegt in der von Strauß instrumentalisierten Gefährdung der Demokratie womöglich etwas Rettendes.

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