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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.04.2021

Aus den FeuilletonsEin Wettkampf ohne Regeln

Von Hans von Trotha

Markus Söder (CSU, r), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Vorsitzender, läuft neben Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Markus Söder (CSU, r.) und Armin Laschet (CDU): Wer wird die K-Frage für sich entscheiden? (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Die K-Frage bewegt auch die Feuilletons. Söder oder Laschet, das ist die Frage. Nicht der Streit sei das Problem, sondern seine Formlosigkeit auf offener Bühne, schreibt die "FAZ" und spricht von einem Wettkampf, dem die Spielregeln fehlten.

Zwei Prämissen: Erstens, der Deutschen schönster Tempus ist das Futur 2. Zweitens: Politik gehört ins erste Buch einer Zeitung, Drama ins Feuilleton.

Es gibt Dramen, die bleiben lang im Feuilleton, auch dann noch, wenn sie längst entschieden sein werden. Weil sie so vieles umgepflügt haben werden, dass man sich lang die Augen wird gerieben haben müssen, bis wieder Normalität eintritt, dann womöglich sogar im Präsens. 

"Zwei Politiker zogen in einen Wettkampf, der keine Spielregeln hat", stellt Jürgen Kaube in der FAZ fest. Kaube meint: "Nicht der Streit ist das Problem, sondern seine Formlosigkeit auf offener Bühne". "Eigentümlich inhaltsleer" findet er das: "Es treten zwei Politiker an, ohne dass ein einziges Wort über ihre programmatischen Ausrichtungen fällt. Dass in dem einen Bundesland ihrer Herkunft zuletzt der Kohle, in dem anderen den Bienen eine herausgehobene Stellung zukam, wird man nicht mit Konservatismen unterschiedlicher Art verbinden wollen. Es macht weder aus Laschet einen Bewahrer der Industriestruktur noch aus Söder einen der Natur."

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Die Bienen. Von denen erzählt auch Alex Rühle in der SÜDDEUTSCHEN. Die kommt aus Bayern, deswegen schreiben sie da gar nicht über Söder und Laschet, sondern über Söder und die Grünen. Alex Rühle stellt fest: 

"Auch innerhalb der CDU/CSU merken mittlerweile viele, dass es in ökologischer Hinsicht nicht mehr reicht mit bisschen Heimatrundgang und Kühestreicheln. Und Markus Söder gibt sich ohnehin als der viel grünere Klimakanzler. Solange Fotografen in der Nähe sind, ist kein Baum vor seiner Umarmung sicher." Und: "Als 1,7 Millionen Menschen das Volksbegehren 'Rettet die Bienen' unterschrieben, übernahm er kurzerhand alle Forderungen, sattelte noch ein paar Sätze drauf und nannte das Ganze 'Volksbegehren plus'."

Das Phänomen Söder

Das Phänomen Söder erklärt Günter Ortmann in der WELT. Er ist Professor an der Universität Witten/Herdecke, wo er über Organisationstheorie, Management, Entscheidung und Führung forscht – vier Begriffe, die dereinst im Rückblick gewiss nicht auf die CDU des Jahres 2021 angewandt worden sein werden.

Ortmann überrascht die Welt mit der Feststellung, Markus Söder sei "praktizierender Wittgensteinianer". "Keine Regel kann auch noch ihre eigenen Anwendungsbedingungen regeln", beginnt Ortmann und kommentiert: "Für diese Einsicht zitiert man gerne Ludwig Wittgenstein". Und so wird Söder zum Wittgensteinianer: "Das Schöne an Regeln und Verfahren, sagt er sich wohl, ist, dass man Regeln zwar aufstellen kann, aber erst hinterher zu entscheiden braucht, wie sie zu verstehen und anzuwenden sind." Auch das ist übrigens letztlich eine vertrackte Art von Futur zwei. Das von Ortmann so genannte "Wittgenstein-Dilemma des Markus Söder" geht nämlich so: "Wir ändern die Regeln des Spiels – oder eben 'nur' die Auslegung und Anwendung der Regeln – während des Spiels, und zwar in Abhängigkeit vom Spielverlauf."

Der konserativere Kandidat

So wird das Spiel zum Drama und schafft es ins Feuilleton. Da, um noch einmal zur FAZ zurückzukommen, unternimmt Jürgen Kaube der Versuch, "die eigentümlich inhaltsleere Debatte" zu erklären. Er weist auf den "merkwürdigen Umstand" hin, "dass die einen Armin Laschet für den konservativeren Kandidaten halten, die anderen Markus Söder."

Laschet, heiße es, "sei konservativ aufgrund seiner Reserven gegenüber dem starken Staat und dem, was seine Werteorientierung genannt wird. Söder, wird entgegnet, sei zumindest konservativ gewesen, und auch als 2018 ergrünter Politiker wirke er wenig prinzipientreu, dafür umso entschlusskräftiger."

Vollendete Zukunft

Als frisch "Ergrünten" sehen wir ihn, das wiederum in der SÜDDEUTSCHEN, auf einem Bild mit der Unterschrift: "Markus Söder beim Bewahren der Schöpfung im Münchner Hofgarten", wie er fast schamhaft einen Baum (größer und wuchtiger als er selbst, für ihn offensichtlich ungewohnt) umarmt.

Jürgen Kaube erklärt die Situation als "so schwierig, dass inzwischen ein Münzwurf fast befreiend wirkte, würde er nicht die Ratlosigkeit der Union unterstreichen. Genauso kontingent dürfte es erscheinen", fährt er im Futur 2 fort, "wenn die CDU sich für Laschet entschieden haben wird".

Aufn deutsch heißt Futur 2 übrigens "vollendete Zukunft". Das wird, politisch, frühestens der Zustand sein, den wir erreicht haben werden, wenn wir im September gewählt haben werden. Dann wird all das, von dem hier die Rede war, längst vollendete Vergangenheit sein. Mindestens.

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