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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.06.2020

Aus den FeuilletonsEin Kaltstart mit großen kleinen Momenten

Von Gregor Sander

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Filmstill aus dem Film "Undine" mit den Gesichtern der Hauptdarsteller Paula Beer und Franz Rogowski. (imago images / Prod.DB)
Erstes Kino-Liebespaar nach Corona: Paula Beer und Franz Rogowski. (imago images / Prod.DB)

Erstaunlicherweise sind nicht alle Kinobetreiber darüber erfreut, nach der Zwangspause wieder öffnen zu dürfen, weiß der "Tagesspiegel" zu berichten. Immerhin findet das Zugpferd "Undine" von Christian Petzold in den meisten Feuilletons Anklang.

"Kinos wurden plötzlich in einem Atemzug mit Bordellen und Freizeitparks genannt", empört sich Andreas Busche im Berliner TAGESSPIEGEL. In dieser Woche öffnen die Lichtspielhäuser bundesweit unter Auflagen wieder ihre Säle, was in der Hauptstadt nicht alle begeistert: "'Von mir aus hätte es noch etwas dauern können', meint Barbara Suhren vom Kreuzberger Kinokolletiv FSK. 'Die Leute sind noch sehr verunsichert, gerade bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen.'"

"Undine" führt die Wiedereröffnung der Kinos an

Auch mit dem Eröffnungsfilm ist der TAGESSPIEGEL-Autor nicht richtig zufrieden: "Die deutsche Branche hat sich auf Christian Petzolds Berlinale-Beitrag 'Undine' als Relaunch-Premiere geeinigt. Ein Kassenmagnet ist das nicht, zumal die so wichtige Werbung für einen Arthousetitel in den Kinos selbst (Trailer, Poster) diesmal wegfällt. 'Undine' erlebt gewissermaßen einen Kaltstart."

Tobias Kniebe von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG sieht darin kein Problem. Er ist ganz offensichtlich verliebt in Petzolds Film, dem das romantische Märchen des Wasserwesens Undine zu Grunde liegt. Vom Regisseur in die Gegenwart eines Industrietauchers und einer Museumsführerin geholt, erklärt sich der ganze Zauber des Films für den Kritiker auf einem kleinen westfälischen Bahnhof, wo die Hauptdarsteller auf einer Bank sitzen:

"In diesem großen kleinen Moment beglaubigt sich alles, was der Film 'Undine' sein will, und der Plan seines Regisseurs Christian Petzold geht auf. Denn die Verliebtheit in den Augen von Franz Rogowski, sie überstrahlt jetzt den leeren Ort, und um Paula Beer und ihr Lachen und ihre rötlichen, perfekt zerzausten Haare ist ein kinematografisches Leuchten, das man kaum beschreiben kann."

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Andreas Platthaus erkennt für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG in "Undine" die spezifischen Züge der Ästhetik von Petzold: "Wie Schwarzromantik, Unheimlichkeit und Liebespathos sowie psychologischen Tiefgang bei filmästhetischer Sachlichkeit".

"Undine" tauge geradezu zum exemplarischen Petzold-Film, selbst ohne seine langjährige Stammschauspielerin Nina Hoss. "Paula Beer tritt in der Titelrolle deren Nachfolge derart typenähnlich an, dass man wohl von einem Petzold-Frauenideal sprechen muss, so wie Hitchcock eines hatte", meint Platthaus.

Nachrufe auf Dieter E. Zimmer

"Wer so viel weiß, muss wahrlich tief tauchen können", titelt die FAZ an anderer Stelle, aber hier ist das Tauchen eher metaphorisch gemeint. Paul Ingendaay benutzt dieses Bild für seinen Nachruf auf den Übersetzer und Publizisten Dieter E. Zimmer. Der ehemalige Feuilletonchef der ZEIT wird wohl vor allem als Herausgeber der gesammelten Werke von Vladimir Nabokov bei Rowohlt in Erinnerung bleiben:

"Zimmer übersetzte, revidierte ältere Übertragungen, kommentierte und versah mit Anmerkungen: lebendig, akribisch und immer engagiert", schwärmt Ingendaay und verbeugt sich mit den folgenden Worten:

"An Beobachtungsgenauigkeit und Analysefähigkeit war er unter zeitgenössischen Sprachliebhabern unerreicht - offen genug für Neues, um die Folgen der technischen Umwälzung für die Sprache früh zu erkennen, konservativ genug, um sich gegen Schlamperei und Neuerungsblödsinn zu stemmen."

Eine Influencerin für die SPD

Wer hätte gedacht, dass man sich einmal erklären muss, wenn man in die SPD eintritt. Genau dies tut Marie von den Benken in der Tageszeitung DIE WELT: "Wer heute einsteigt, gerät nicht in den Verdacht, als Trittbrettfahrer vom Glamour des Erfolges profitieren zu wollen", stellt die 31jährige fest, die als Model, Autorin und Influencerin eigentlich glamourösen Themen zugeneigt ist.

Auf Twitter ist sie unter dem Namen "Regendelfin" unterwegs und hat es nach eigenen Angaben immerhin schon geschafft, von Christian Lindner blockiert zu werden. Ihre Parteikarriere in der SPD stellt sie sich so vor: "Ich möchte die ungeliebte Quereinsteigerin sein. Die, die allen auf die Nerven geht", so Marie von den Benken.

Wir wünschen ihr dabei viel Erfolg und der SPD weiterhin gute Nerven.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 30.06.2020)

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