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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.09.2020

Aus den FeuilletonsEin Brot hat Geburtstag

Von Tobias Wenzel

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Die KiKA Figur "Bernd das Brot" ist mit Herz-Haftnotizen beklebt. (imago images / Karina Hessland)
"Bernd das Brot" verkörpert das Antisoziale, schreibt die "taz". (imago images / Karina Hessland)

Die TV-Figur "Bernd das Brot" wird 20 Jahre alt. Das missmutige Kastenbrot werde seinen Geburtstag wohl bei Mehlsuppe verbringen, schreibt "taz"-Autor Adrian Schulz - und erinnert sich, welchen Einfluss die Puppe auf seine Kindheit hatte.

Von der Wut des Überlebenden bis zum Missmut des Kastenbrots reichen die Themen in den Feuilletons vom Mittwoch. Das kommerzielle Londoner Bridge Theatre habe sich in der britischen Hauptstadt zuerst aus dem Lockdown gewagt, und zwar mit einem Monolog, berichtet Gina Thomas in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Verunglimpfung eines Wortes

In "Beat the Devil" trage Ralph Fiennes die "Schimpfkanonade" des Dramatikers David Hare vor: "Hares Monolog paart eine bis ins kleinste physische Detail gehende Chronik seiner eigenen Erkrankung an Covid-19 im März mit einer bitterbösen Betrachtung der Handhabung der Pandemie durch die Regierung von Boris Johnson", schreibt die Großbritannien-Korrespondentin. Hare habe sich besonders darüber aufgeregt, dass im Zusammenhang mit dem Kabinett wiederholt das englische Wort für "mittelmäßig" gebraucht worden sei.

In den Worten von Gina Thomas: "Man tue dem Begriff 'mediocre' Gewalt an, indem man Inkompetenz mit Mittelmaß gleichsetze, schnaubt Hare. Nach seiner Genesung gesteht er, nicht vom Überlebens-Schuld-Syndrom befallen zu sein, sondern von der Wut des Überlebenden."

Demokratie als Lebensform

Über die Obsession der Kaiserfahnen schwenkenden Reichsliebhaber denkt Dirk Schümer in der WELT nach: "Die panischen Reaktionen der politischen Klasse nach dem vermeintlichen Sturm böser Fahnenjunker auf den Bundestag im leider immer noch sogenannten Reichstag allerdings beweisen, dass vom zweiten genau wie vom dritten Reich der Deutschen samt allen Symbolen heute am besten die Finger zu lassen sind. Wollte da etwa am Wochenende in Berlin irgendwer den ollen Kaiser Wilhelm – aber ohne Maske! – wiederhaben?"

"Die Verwahrlosung der Demokratie", eine Überschrift in der SÜDDEUTSCHEN, passt dazu. Die Zeitung druckt die Rede ab, die der Politikwissenschaftler und Philosoph Rainer Forst an diesem Mittwoch in der Frankfurter Paulskirche hält.

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"Die Verwahrlosung der Demokratie", sagt Forst, "ist etwas anderes als das Verkümmernlassen einer Pflanze. Sie ist eine Selbstvernachlässigung, denn Subjekt und Objekt davon sind wir selbst: Wir achten nicht mehr genug auf die spezifisch demokratische Form unserer politischen Ordnung, aber auch unseres gesellschaftlichen Lebens, denn die Demokratie ist nicht nur eine Staats-, sondern auch eine Lebensform. Sie ist zuallererst eine Denkform, denn sie erfordert eine bestimmte Haltung zu sich und anderen."

Falsch verstandene Freiheit

Oft hätten wir es mit einem sehr verbreiteten, aber falsch verstandenen Demokratieverständnis zu tun, etwa, wenn Menschen ausgrenzt würden:

"Wie lange noch müssen sich Menschen mit türkischstämmigen Namen in deutschen Amtsstuben und Firmen wegducken, wenn sie einen Anspruch haben?", fragt Rainer Forst, "und wer sich die Exzesse der Brutalität vergegenwärtigt, die aus dem Umfeld vermeintlich 'patriotisch' Gesinnter auf Asylsuchende oder einfach 'Ausländer' zielen, der versteht, wieso Thomas Mann 1945 den Deutschen eine ungute Tradition der 'völkischen Rüpel-Demokratie' bescheinigt, aufbauend auf dem Missverständnis, Freiheit heiße, das Recht zu haben, 'deutsch zu sein, nur deutsch und nichts anderes'."

Ein Brot mag es lauwarm

"Brot bewahre!", ruft Adrian Schulz in der TAGESZEITUNG aus und feiert den 20. Geburtstag des misanthropischen und missmutigen Kastenbrots Bernd. Am 2. September 2000 hatte Bernd das Brot seinen ersten Auftritt im Kinderfernsehsender KiKA.

Die von einem Puppenspieler bewegte Brotfigur hat jedenfalls dem Journalisten Adrian Schulz die Kindheit etwas kurzweiliger erscheinen lassen. Obwohl oder gerade weil Bernd das Brot das Antisoziale im Fernsehzeitalter verkörpert habe:

"Statt in irgendeinem Kellerloch einsam verborgen zu schmollen, will er nur in Ruhe lauwarme Mehlsuppe in seiner Wohnung trinken und dabei fernsehen, nämlich den Bahnstreckenkanal."

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