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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.03.2017

Aus den FeuilletonsEin Bot, der Frauenbeleidiger zurückbeleidigt

Von Hans von Trotha

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Der Twitter-Account "Judith Botler" von der taz (twitter / taz)
Der Twitter-Account "Judith Botler" von der taz (twitter / taz)

Zum Weltfrauentag hat die "Taz" einen Bot programmiert. Der heißt sinnigerweise "Judith Botler", aber was diese Judith tatsächlich machen wird, das weiß man in der "Taz" auch nicht so recht.

Wir erleben allenthalben die Rückkehr der Idee des sogenannten Starken Mannes. Zu den ersten Opfern sogenannter Starker Männer gehört, davon ist auch an dieser Stelle immer wieder die Rede, die freie Meinungsäußerung. Nun schreibt WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt in einem in seinem Blatt abgedruckten offenen Brief an den sich gerade besonders stark gerierenden Racep Tayyip Erdogan:

"Sehr geehrter Herr Staatspräsident, Sie zu erreichen, ist mir ein großes Anliegen. Ich bin Chefredakteur der 'Welt'. Deniz Yücel ist unser Türkei Korrespondent, und ich mache mir große Sorgen um ihn.  Das augenblickliche Verhältnis spiegelt nicht wider, was unsere beiden Länder verbindet. Sie können das ändern. Sie vor allem. Die Freilassung von Deniz Yücel wäre ein Signal."

Es steht allerdings zu befürchten, dass das gerade nicht das Signal ist, dass einer wie Erdogan geben möchte, um das unter Beweis zu stellen, was er für Stärke hält. Schließlich geht es bei den Starken Männern immer viel um Signale, Zeichen und Symbole. Deswegen greifen sie sich gleich nach der freien Meinungsäußerung gern die Geschichtsschreibung.

Revolutionsfeierlichkeiten mit Zaren-Fan Putin

In der WELTgeht Julia Smirnova einem interessanten Problem nach, das Wladimir Putin da gerade hat und das ihm ein "Jubiläum ohne Jubel" beschert. Die Kurzfassung lautet:

"Heute vor 100 Jahren beendete die russische Februarrevolution die Zarenzeit. Moskaus Regierung ist nun zum Feiern verdammt – obwohl Putin Zaren-Fan ist."

Etwas ausführlicher nimmt sich das so aus:

"Den russischen Präsidenten Wladimir Putin stellt der Jahrestag der Revolution vor ein Dilemma. Denn (er) sieht das heutige Russland gleichzeitig als Nachfolgestaat der Sowjetunion und des Zarenimperiums. 'Die Machthaber sind in schwierigen Umständen', sagt der Historiker Nikita Sokolow, 'Sie wollen, dass alle Epochen aus der russischen Vergangenheit gleich groß sind: das große Imperium, die große Revolution, die große Sowjetunion.' Dazu kommt, dass der Begriff 'Revolution' im offiziellen Weltbild eindeutig negativ besetzt ist. In Putins Welt ist ein Diktator immer besser als die Kräfte, die einen Aufstand gegen den Diktator betreiben."

Die Geschichte lässt sich allerdings nicht so einfach über Trolle und Bots in den sozialen Netzwerken umwerten wie die womöglich aktuelle politische Landschaft. Sonst hätte Putin das sicher längst getan. Putin mag Bots. Die sind mega-subversiv. Und deswegen gefährlich. Aber natürlich nicht immer.

Judith Botler schlägt zurück

In der TAZ erzählt Marie Kilg aus gegebenem Anlass von guten Bots:

"Manche sind Poesie, wie 'Pentametron', der das Internet nach Kurznachrichten mit fünfhebigen Jamben absucht … Oder 'Magic Realism Bot', der Ideen für magisch-realistische Geschichten generiert. Außerdem gibt es Bots, die Schlagzeilen verschwurbeln und Nonsensmeldungen verkünden."

 - auch davon ist an dieser Stelle immer wieder die Rede.

Der gegebene Anlass ist bei der TAZ der Weltfrauentag. Für den hat die TAZ eine "Taskforce" gegründet, und das bedeutet, erläutert Marie Kilg:

"Taskforce heißen Arbeitsgruppen für coole Internetthemen, spätestens seit Heiko Maas".

Und jetzt kommt's:

"Zum Weltfrauentag haben wir einen Bot programmiert. Warum? Weil programmieren Selbstermächtigung ist."

Es ist ein Bot, der "Frauenbeleidiger zurückbeleidigt". Der TAZ-Bot "soll Antifeminst*innen bloßstellen. Das Ergebnis heißt Judith Botler, in Anlehnung an die Philosophin mit einem ähnlichen Namen, wobei", wie es in der TAZ heißt, "wir hier aus rechtlichen Gründen beteuern, dass jegliche Ähnlichkeit zu lebenden Personen Zufall ist."

Ein bisschen Bammel hat frau bei der TAZ offenbar schon angesichts dieses subversiven Angriffs auf die Netzsprache der mehr oder weniger starken Männer (Hashtag: "Genderwahnsinn"), sonst hätte sie nicht hinzugefügt:

"Was @JudithBotler auf Twitter dann wirklich so macht, ob sie gehört wird, ob das Ganze komplett aus dem Ruder läuft und sie plötzlich Menschen in Südkorea beleidigt – das wissen wir nicht. Auch das gehört zum Programmieren dazu: Versuch und Irrtum."

"Die Programme, die Programmierer*innen schaffen, sind immer in irgendeiner Form auch Lösungen für Probleme", lautet Marie Kilgs Fazit, und sie fügt hinzu:

"Lösungen suchen: noch etwas, das Algorithmen mit dem Feminismus gemein haben."

Klingt tatsächlich wie das schiere Gegenmodell zum Konzept der sogenannten Starken Männer.

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