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Kulturpresseschau | Beitrag vom 20.06.2020

Aus den FeuilletonsDurchsage für Verschwörungstheoretiker

Von Klaus Pokatzky

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Aufkleber mit Piktogramm und Aufschrift "Bitte Mund-Nase-Bedeckung tragen" auf dem Fußboden eines Bahnsteigs vor einem Regionalexpress der Deutschen Bahn. (imago images / Ralph Peters)
Wenn es um den Schutz der Fahrgäste geht, ist die Deutsche Bahn erfindungsreich. Im Umgang mit Verschwörungstheoretikern greift sie zu pädagogischen Scherzen. (imago images / Ralph Peters)

Wer nicht eines Tages durch einen Klon ersetzt werden will, sollte möglichst auf seine Speicheltröpfchen achtgeben und im Zug einen Mund-Nasen-Schutz tragen, empfahl die Deutsche Bahn mitreisenden Verschwörungstheoretikern - nachzulesen in der "NZZ".

"Eine Ode an den Regen", lasen wir in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Regen ist so wunder- wie kostbar. Grundbedingung für alles andere", schwärmte Alex Rühle in Zeiten, wo die Sommer immer heißer werden.

"Er verkauft sich optisch nicht besonders gut, sondern macht still und bescheiden seinen Job im Graubereich. Wolken kommen in barockem Gepränge und in dramatischem Licht über den Himmel gerückt wie aufgedonnerte Operndiven, der zugehörige Regen ist dann das kleinteilig kühle Abarbeiten im Schatten dieses theatralischen Versprechens."

Danke, lieber Regen, besonders gern hören wir dich gegen die Fenster klopfen.

Mehr Homeoffice, weniger Büroflächen, sinkende Preise

"Wir sind vom Büro gegangen in den letzten Wochen", stand in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Nachdem sie sich im Homeoffice eingerichtet haben, wollen viele Menschen ihre Küchen-, Ess- und Stubentische gar nicht wieder verlassen", beschrieb Claudia Mäder eine Folge von Corona, die unser Leben vielleicht auf Dauer ändern wird.

"In einem gewissen Sinn liegt das Büro ja schon länger im Sterben", meinte in der SÜDDEUTSCHEN Carlo Ratti. Er hält es für "unwahrscheinlich, dass der Bedarf an gemeinsam genutztem Raum je wieder das Niveau erreichen wird, das er vor der Pandemie hatte". Der Architekt und Ingenieur sieht darin aber auch positive Auswirkungen:

"Selbst eine zehnprozentige Bedarfsreduktion bei Büroflächen könnte dazu führen, dass die Immobilienpreise sinken. Das wäre zwar schlecht für Bauspekulanten, Designer und Immobilienmakler, könnte aber auch den wirtschaftlichen Druck verringern helfen, der durch urbane Gentrifizierung entstanden ist."

Strategien im Umgang mit Verschwörungstheoretikern

Und mancher arbeitet ja auch heute schon gerne ganz konzentriert mit seinem Laptop im Zug – solange seine Mitreisenden nicht mit ihren Handytelefonaten nerven oder Ansagen durch die Lautsprecher dringen. "Die Deutsche Bahn hat sich mit einer Lautsprecherdurchsage gerade einen kleinen pädagogischen Scherz erlaubt", erfuhren wir da aus der NEUEN ZÜRCHER.

"Im ICE zwischen Berlin und Interlaken wurde darauf hingewiesen, dass vor allem Verschwörungstheoretiker einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollen", teilte uns Paul Jandl diese wirklich wunderbare Durchsage mit: "Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Speichelproben sammelt, um Klone von Ihnen zu produzieren, die Sie dann ersetzen sollen." Da sage noch einer, dass unsere Zugbegleiter keinen Humor haben…

"Wenn die Welt zu kompliziert ist für mein Denken, dann passe ich sie eben meinem Kopf an", steht im TAGESSPIEGEL vom Sonntag über Menschen, die Verschwörungstheorien verfallen sind. "Über herrschende Zustände zu jammern und Schuldige ausmachen zu wollen, ist ein menschlicher Zug – die Zustände erklären zu können aber die notwendige Bedingung ihrer Veränderung. Dafür allerdings müsste man sich der Realität mit all ihren Widersprüchen aussetzen", schreibt Hannes Soltau – und gibt eine Empfehlung, wie wir dem Irrationalen und den Irrationalen begegnen können:

"Ein Beginn wäre es, sich nicht blind ins Recht zu setzen, sondern die eigene Position stets mit einem gesunden Misstrauen zu reflektieren. Fehlbarkeit und Verstricktheit einzupreisen, statt die eigene Erkenntnis zu verabsolutieren. Intellektuelle Bescheidenheit und couragierte Entschiedenheit müssen sich nicht ausschließen."

Das Taschenbuch wird 70!

Bildung hilft auch dabei – und Lesen bildet. "Es war der 17. Juni 1950, als das deutsche Taschenbuch geboren wurde", erinnerte der TAGESSPIEGEL. "An diesem Tag veröffentlichte Rowohlt in einer Auflage von jeweils 50.000 Exemplaren vier erste Ausgaben für 1,50 DM, und zwar Hans Falladas Roman ‚Kleiner Mann – was nun?‘, Graham Greenes Roman ‚Am Abgrund des Lebens‘, Rudyard Kiplings ‚Dschungelbuch‘ und Kurt Tucholskys Erzählung ‚Schloss Gripsholm‘", schrieb Gerrit Bartels zu einem 70. Geburtstag der besonderen Art.

"Der verhüllte Reichstag bescherte vor genau 25 Jahren den Deutschen einen einzigartigen Moment heiterer Selbstreflexion", würdigte die Tageszeitung TAZ ein anderes Jubiläum: Wie Christo und Jeanne-Claude vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 ihr "dramatisches Erlebnis von großer visueller Schönheit" präsentierten.

"Fast möchte man das großartige Experiment heute mit demselben Gebäude noch einmal wiederholen", meinte Ingo Arend. "Erkenntnis durch Verfremdung, die Welt sichtbarer machen durch Verhüllung, schiene heute nötiger denn je. Vielleicht hülfe es einem von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Andersdenkende durchzogenen Land noch einmal dabei, über seinen verdammten Schatten zu springen."

Jesus war sehr wahrscheinlich nicht weiß

Oder wir blicken mal auf den Gottessohn. "Hellbraune Haare und eine rosigblasse Haut: Tausende Gemälde und Kinderbibeln zeigen Jesus als Weißen", lasen wir in CHRIST UND WELT, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Dabei entspringt der weiße Jesus der Fantasie", klärte uns Merle Schmalenbach auf.

"Niemand weiß, wie er wirklich ausgesehen hat. Die Bibel verrät nichts über sein Gesicht oder seine Haare. Höchstens wissenschaftliche Methoden erlauben Rückschlüsse auf sein Aussehen. Vermutlich war Jesus um die 166 Zentimeter groß, hatte eine olivfarben-braune Haut, braunschwarzes Haar und braune Augen." Mit anderen Worten: "Sein Aussehen würde wohl dem eines heutigen irakischen Juden ähneln."

Das Wort zum Sonntag entnahmen wir der NEUEN ZÜRCHER: "Bleiben Sie gesund!" Mit anderen Worten: "Bleiben Sie negativ!"

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