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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.09.2018

Aus den Feuilletons Drahtseilakt zwischen Entwurzelung und Repression

Von Arno Orzessek

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Flüchtlinge aus Afrika bei der Ankunft im spanischen Tarifa (Burkhard Birke)

In den Feuilletons der Woche beschäftigten sich die "TAZ" und die "Welt" mit dem #wirsindmehr-Konzert gegen Rassismus, während die NZZ die Weltfremdheit der Linksliberalen geißelte. In der "ZEIT" hielt Ètienne Balibar ein Plädoyer für die Migranten dieser Erde.

"Stimmlippenknötchen sind kein Schicksal", titelte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Und wir vermuten: Dem seligen Loriot hätte diese Überschrift gefallen. Vielleicht hätte er sich sogar einen Stimmlippenknötchen-Sketch ausgedacht. In der FAZ jedoch nahm Heike Schmoll Stimmlippenknötchen wie auch sonstige Stimm-Problematiken und Erkrankungen der Sprech-Werkzeuge sehr ernst.

Denn merke: "Ein Lehrer, der krächzt und ständig hüstelt, kann in der Klasse einpacken. Und ein Politiker, dem die Stimme versagt, wird bald auch seine Stimmen einbüßen. Stimmtraining gehört endlich auf die politische Agenda."

In dem FAZ-Artikel stand wirklich viel Interessantes. Wussten Sie zum Beispiel, dass sich die Stimmen von Frauen in den letzten Jahrzehnten um eine ganze Terz gesenkt haben? Und dass dieser epochale weibliche Stimmbruch nichts mit Hormonen zu tun hat, sondern, so Schmoll, "ein Effekt der hörbaren Emanzipation" ist? Zugegeben: Das und noch viel mehr haben wir nur erfahren, weil uns das Titel-Wort 'Stimmlippenknötchen' unwiderstehlich in den Text hineingezogen hat.

Krieg gegen den Neofaschismus mit schlechter Musik

Um Stimmen ging es auch in der TAGESZEITUNG: "Sie singen wieder" hieß ein Artikel, in dem Ambros Waibel über das Chemnitzer Konzert gegen Rassismus vor 65.000 Menschen und über den Wirkungsgrad von Kunst generell nachdachte. Dass Waibel in diesem Punkt pessimistisch ist, verriet der witzig-böse Zwischentitel: "Kunst kann viel. Aber nicht die sächsische Polizei demokratisieren."

Der TAZ-Autor machte allerdings derart krasse Gedankensprünge, dass wir ungesäumt zu Ulf Poschardt übergehen, der unter dem Titel "Punk stirbt in Chemnitz" in der Tageszeitung DIE WELT polemisierte: "Im großen vaterländischen Krieg gegen den deutschen Neofaschismus muss jetzt auch die Popkultur ran - und scheitert mit schlechter Musik, dummen Texten und stumpfen Videos." Den Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet fand Poschardt derart unterirdisch, dass er in seinem Furor selbst auf ein blödes Sprachspielchen verfiel:

"Die aktuelle Lieblingsband des antifaschistischen Widerstands heißt Feiste Sahne Silbereisen und erinnert an Florian Silbereisen, der so eine Art von Musik zwischen Scheunenattrappen und Wirtshausbühnen präsentiert. Oder heißen sie anders? Mit holpernden Reimen zieht diese Band über Beamte und Polizisten her, die die Radikalisierung der Gesellschaft einzudämmen suchen. Hier die sogenannten Lyrics: 'Wer kein Rückgrat hat, der wird vereidigt auf den Staat. Polizist sein heißt, dass Menschen mit Meinungen Feinde sind. Ihr verprügelt gerade wieder Kinder, als wären’s eure eignen.'"

Ostdeutschland als geistigen Raum begreifen

In der Tat einfältig-fade Verse von Feine Sahne Fischfilet, zitiert von Ulf Poschardt in der WELT. Auch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG nahm die Chemnitzer Ereignisse vom Totschlag über die mutmaßlichen Hetzjagden bis hin zu den Demos gegen Rechts zur Kenntnis und erklärte ihren Lesern, "weshalb sich Ostdeutschland zur Provokation entwickelt." Dabei griff der NZZ-Autor Klaus-Rüdiger Mai munter-maliziös gewisse Westdeutsche an:

"Die Ideologie des westdeutschen Neobiedermeiers kollidiert mit dem Wunsch der Ostdeutschen nach einem einigen und demokratischen Deutschland. Um zu verstehen, wie gross das Un­verständnis ist, muss man Ostdeutsch­land als geistigen Raum begreifen. Aber Raumordnung ist den Linksliberalen ein Greuel. Geopolitik ohnehin. In ihre ely­sischen Phantasien dringt der simple Fakt nicht ein, dass niemand in Europa seinen Staat aufgeben möchte und dass selbst in der globalisierten Welt in Räu­men und geopolitisch gedacht wird. In ihrer Raumvergessenheit, in ihrer Vorstellung einer grenzenlosen Entgren­zung sind die deutschen Linksliberalen weltfremd und sogar europafremd."

Soweit NZZ-Autor Klaus-Rüdiger Mai.

Die Wahl einer Zivilisation - unsere Wahl

Nicht wenige der erwähnten Linksliberalen lesen hierzulande die Wochenzeitung DIE ZEIT, in der Étienne Balibar, der französische Philosoph, ein kluges, aber in der Tat auch leicht abgehobenes Plädoyer für die Flüchtlinge und Migranten dieser Erde hielt:

"Die Umherirrenden sind keine Klasse. Sie sind keine Rasse. Sie sind nicht 'die Menge'. Ich würde sagen, sie sind ein mobiler Teil der Menschheit, der einen Drahtseilakt vollführt - zwischen einer Gewalt der Entwurzelung auf der einen und einer Gewalt der Repression auf der anderen Seite. An ihren Lebensumständen lassen sich die Folgen aller Ungleichheiten unserer heutigen Welt ablesen. Kurzum, es geht um die offene Frage, ob die Menschheit diesen Teil ihrer selbst aus sich vertreibt oder ob sie dessen Ansprüche in ihre politische Ordnung und in ihr Wertesystem integriert. Dies ist die Wahl einer Zivilisation. Es ist unsere Wahl."

Ètienne Balibar in der ZEIT.

Gaskammern und Dresden-Bombardierung als Parallelmontage

Natürlich fehlte es in den Feuilletons auch nicht an Kultur-Themen im engeren Sinne. Viel Aufmerksamkeit zog - #MeToo sei Dank - die Balthus-Ausstellung in der schweizer Fondation Beyeler auf sich. Der französische Maler hat ja bisweilen junge Mädchen in nicht restlos züchtiger Kleidung und Pose gemalt. "Wie pornografisch ist diese Kunst?" fragte die ZEIT-Autorin Barbara Vinken - und antwortete mit Blick auf umstrittene Balthus-Bilder wie "Thérèse" und "Thérèse revenant":

"Wir sehen junge Mädchen, die in einer anderen Welt und nicht ganz bei sich sind. Mädchen, die nicht wissen, wie ihnen geschah. Ist das im Hintergrund der Tisch, auf dem sie geopfert, missbraucht worden sind? Wer das als Pornografie konsumiert, hat nicht nur nicht hingeguckt, sondern tut diesen Bildern ebendie Gewalt an, die in ihnen zur Frage steht."

Zuletzt das noch: Bei den Filmfestspielen in Venedig hatte Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" Premiere. Die WELT wusste nur zu beklagen, dass der Film dem Lebensweg des Malers Gerhard Richter "ein bisschen zu lange" folgt. In der SZ nahm David Steinitz dagegen regelrecht Anstoß an der Parallelmontage von Gaskammer-Szenen mit den Bildern einer flüchtenden Familie während der Bombardierung Dresdens.

So oder so raten wir Ihnen, liebe Hörer: Bleiben Sie an diesem Sonntag…  mit einem Titel der SZ… ein "Sehr menschlicher Mensch".

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