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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 10.02.2018

Aus den FeuilletonsDiskriminierung aller Orten

Von Arno Orzessek

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Intendant Matthias Hartmann soll Schauspielerinnen beleidigt haben. (dpa picture alliance/ Herbert Pfarrhofer)
Intendant Matthias Hartmann soll Schauspielerinnen beleidigt haben. (dpa picture alliance/ Herbert Pfarrhofer)

Der Mauer-Zirkeltag macht deutlich, dass Ossis immer noch "anders" sind. Kanadas Premier Justin Trudeau möchte "mankind" durch "peoplekind" ersetzen und Intendant Matthias Hartmann beleidigt Frauen.

Sie werden es mitbekommen haben, liebe Hörer: Am Anfang der Woche zirkulierte der Begriff "Zirkeltag". Laut Wikipedia haben ihn Berliner Medien als erste benutzt, um das Besondere des 5. Februar 2018 hervorzuheben. An diesem Tag war die Mauer nämlich genauso lange weg – oder jedenfalls ihrer trennenden Funktion beraubt –, wie sie vorher dagestanden hatte. Was Belinda Grasnick veranlasste, in der TAGESZEITUNG darüber nachzugrübeln, ob sie aufgrund ihrer Geburt kurz vor dem Mauerfall ein Ossi sei.

"Die [DDR-]Vergangenheit ist für mich nicht richtig greifbar, und doch lässt sie mich bis heute nicht los. Sie äußert sich in der Diskussion um Kinderbetreuung, in der ich mit großen Augen angeguckt werde, weil meine Eltern mich in die Krippe geschickt haben, als ich gerade einmal sieben Monate alt war. Sie begegnet mir, wenn andere von ihrer Konfirmation erzählen und ich mich nicht traue, über meine Jugendweihe zu sprechen. Ganz besonders fühle ich die Vergangenheit, wenn pauschal über Ostdeutschland geurteilt wird. 'Dunkeldeutschland' – bin ich das eigentlich auch?" Fragte sich Belinda Grasnick in der TAZ.

Service für unsere jungen Hörer: "Dunkeldeutschland" als ironisch-abwertende Bezeichnung für die neuen Bundesländer war 1994 ein Kandidat zum Unwort des Jahres. Als Bundespräsident hat Joachim Gauck den Begriff später losgelöst von geografischen Aspekten benutzt, um das böse dunkle vom guten hellen Deutschland abzugrenzen.

FAZ spöttelt über Trudeau 

Auffällig: Die TAZ verzichtete in Grasnicks Artikel darauf, dem Ossi eine Sprachpartnerin namens Ossi*in zur Seite zu stellen. Wie es scheint, akzeptieren die Redakteure "Ossi" als sogenanntes generisches Maskulinum, das Menschen jeden Geschlechts bezeichnet.

Passend dazu erzählte Ursula Scheer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, eine Frau habe in Gegenwart des kanadischen Premiers Justin Trudeau das Wort 'mankind', etwa: 'Menschengeschlecht', benutzt. Woraufhin Trudeau sie korrigierte: "Wir sagen lieber 'peoplekind' statt 'mankind', weil es inklusiver ist." Dazu Ursula Scheer:

"Das englische 'man' kam als sprachliches Neutrum zur Welt, das alle Menschen meint, und wanderte so in 'mankind'. Die Sache mit den Männern kam später. Und so war Trudeaus Wortschöpfung ['peoplekind'] ein gefundenes Fressen für alle Gegner politisch korrekter Wortwahl. Vielleicht sollte Herr Trudeau in Zukunft einfach etwas entspannter auch ihm verdächtig erscheinende, aber unverdächtige Worte inkludieren und keine Bürgerinnen mehr öffentlich belehren." Schön spöttisch: Die FAZ-Autorin Scheer.

Unterdessen berichtete die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG über das Regime der Sprachkorrektheit an Schweizer Universitäten. "Die Universitäten machen keinen Hehl daraus, dass sie das Denken ihrer Schutzbefohlenen steuern wollen. Alte Bilder und Gewohnheiten sollen überwunden werden, nicht nur auf dem Papier, auch in den Köpfen", schreibt Vizerektorin Doris Wastl-Walter in ihrem Vorwort zum brandneuen, 44 Seiten starken Sprachleitfaden der Universität Bern. Es sind 44 Seiten Belehrung über das richtige Denken und Abbilden. Von der Doppelnennung über das Binnen-I und den Schrägstrich bis hin zum Unterstrich und dem Genderstern gibt es alles. "Nur eines ist pfui: das generische Maskulinum", so die NZZ-Autorin Claudia Wirz unter dem Titel "Gendern in aller Herrlichkeit".

Schwere Vorwürfe gegen Burg-Direktor Hartmann

Diskriminierungen der härteren Sorte hat es wohl am Wiener Burgtheater gegeben. In der Wochenzeitung DIE ZEIT zitierte Peter Kümmel aus dem offenen Brief, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Burg den ehemaligen Burg-Direktor Matthias Hartmann kritisieren.

"Eine Probe konnte dadurch unterbrochen werden, dass eine fast ausschließlich weibliche Besetzung von Hartmann gefragt wurde, ob sie beim Oralsex das Sperma schlucken würde und ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspräche. Ein dunkelhäutiger Mitarbeiter wurde in seiner Abwesenheit als 'Tanzneger' bezeichnet. Ungewollte Berührungen, wie ein Schlag auf den Hintern oder Umarmungen, wurden zahlreichen Mitarbeitern zuteil. KollegInnen der Technik und der Multimedia-Abteilung wurden von ihm regelmäßig als 'Vidioten', 'Trottel', 'Schwachmaten', 'Scheiß-Technik' bezeichnet."

So die Burg-Belegschaft, zitiert in der ZEIT. Der bezichtigte Matthias Hartmann hat gerade am Düsseldorfer Schauspielhaus das David-Bowie-Stück "Lazarus" inszeniert. Was Jan Kedves, dem Kritiker der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, in bestimmten Szenen zu denken gab.

"Wie eine Nummernrevue fühlt sich das an, vor allem, wenn dann wieder die drei erotischen Teenagerinnen, von denen man nie weiß, was für eine Funktion sie eigentlich haben, in ihren engen Streifen-Bodys und hohen Glitzer-Plateau-Stiefeln tanzen. Ob sie sich während der Proben mit Matthias Hartmann auch Sperma-Sprüche anhören mussten, überlegt man. Und weil man das weder wissen noch ganz ausblenden kann, konzentriert man sich ganz fest darauf, wie elegant und hundertprozentig synchron die drei zum 'Ch-Ch-Ch' aus dem 'Changes'-Refrain die Beine spreizen und fliegen lassen. War das in der New Yorker Inszenierung auch schon so?"

Erkennbar verunsichert: Jan Kedves in der SZ.

Spiegel: Rationalisierung des sexuellen Begehrens nie gelungen

Und der neue SPIEGEL? Der erklärt, dass dieses Gender-, Sex- und Missbrauchs-Ding, das unseren Wochenrückblick dominiert hat, nicht in den Griff zu kriegen ist.

"Zumindest in der westlichen Welt hat der Mensch längst die Flüsse begradigt, die Insekten vernichtet, die Epidemien gebändigt, er beherrscht die Natur, ist der König der Löwen und des restlichen Tierreichs sowieso. Er forscht, um das ewige Leben zu gewinnen, um sich künftig selbst zu erschaffen. Nur sein sexuelles Begehren zu rationalisieren, das ist ihm trotz aller gut und weniger gut gemeinten Mühen von Moralisten und Tugendwächtern, von Freiheitskämpfern und Gleichheitsdenkern nie vollendet gelungen."

Konstatiert der neue SPIEGEL.

Unseren eigenen Kommentar zur Gesamtlage drücken wir durch jenen Seufzer aus, der in der FAZ Überschrift wurde: "Menschenskind."

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