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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.09.2019

Aus den FeuilletonsDie Zukunftsfrage

Von Ulrike Timm

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Eine Frau steht bei leicht bewölktem Wetter auf dem "Skywalk" auf dem Dach des "Futurium".  (dpa / Jörg Carstensen)
Auf dem Dach des Futurium befindet sich ein "Skywalk": Das Futurium will Bühne, Labor und Museum in einem sein. (dpa / Jörg Carstensen)

Die Eröffnung des Berliner Futuriums, des Zukunfts-Museums, beschäftigt die Feuilletons. Es gehe um "die Frage, die alle zusammen beantworten sollen: Wie wollen wir in Zukunft leben?", schreibt der "Tagesspiegel".

"Auf diese Zukunft hat Berlin lange warten müssen", stellt die TAZ fest. Schlüsselfertig übergeben wurde das Futurium, jenes architektonisch markante Haus der Zukunft neben dem Bundesforschungsministerium, nämlich bereits 2017. Aber erst jetzt kommt man rein, dafür wird aber gleich zu einem mehrtägigen "Fest der Zukünfte" eingeladen.

Bühne, Labor und Museum

Das Futurium will Bühne, Labor und Museum in einem sein – drunter geht’s nicht. "Man sieht die Schulklassen schon vor sich, die sich von ihren Physiklehrern die Wandtexte vorlesen lassen, dann im ‚Lab‘ selber ein wenig mit dem 3D Printer experimentieren dürfen, und nachher hat hier der Gemeinschaftskundelehrer die Gelegenheit, auch die Themen Datenschutz und Grenzen der Machbarkeit anzusprechen", lesen wir in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, und irgendwie scheint das doch etwas betulich. Klar, naturgemäß und notgedrungen bleibt das Futurium ein Haus von heute, "mit einer Öko-Sonderausstattung aus Solarzellen und Energiespeichern, die inzwischen schon wieder als in die Jahre gekommener Mindeststandard gilt."

Träume von der Utopie

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG schickt mit Claudius Seidl einen extrem utopie- und zukunftssehnsüchtigen Zeitgenossen durch die Schau des Futuriums: "Wenn ich mir für die Zukunft etwas wünschen dürfte, dann wünschte ich mir, dass die Schwerkraft und der Krebs besiegt würden. Ich wünschte mir Städte unter Wasser, Liebe auf rötlich leuchtenden Planeten und Gemüse, das mit mir über Geschmacksfragen diskutierte".

Oha.

Aber selbst wenn die Zukunft im Berliner Futurium vor allem offenbar als wolkige Anhäufung von Problemen erscheint, sollte man über das Ziel, in der breiten Bevölkerung ein Interesse für Zukunftsfragen zu wecken und die junge Generation für die MINT Fächer zu interessieren, sicher nicht nur mosern.  – "Die Frage, die alle zusammen beantworten sollen: ‚wie wollen wir in Zukunft leben?‘", so fasst es der TAGESSPIEGEL zusammen.

100 Jahre Bauhaus

Diese Frage hat man sich schon vor 100 Jahren gestellt, im Bauhaus.

"Schöner, aber auch praktischer sollte es werden, das Leben aller Menschen", beschreibt die SÜDDEUTSCHE noch einmal ein grundlegendes Ziel der Werk-, Kunst-, Design- und Lebensschule.  Jetzt wird in Dessau das neue Bauhaus-Museum eröffnet, Swantje Karich findet Museum wie Ausstellung sehr gelungen und ärgert sich darüber, dass das Bauhaus im Jahr seines Jubiläums "nach Kräften kaputtgeredet wurde", so schreibt sie in der WELT. "Mut und Visionen – davon können wir dringend mehr gebrauchen", lesen wir, und weiter: "Bauhaus war und ist ein Netzwerk. Noch heute beeinflusst die Bewegung junge Designer, die mit leuchtenden Augen ihren Vorbildern folgen und sich immer wieder die Frage stellen: Wie wollen wir leben?"

Vielleicht sollten sich das neue Bauhausmuseum und das neue Futurium gleich mal zusammenschließen?

Der "Streit" der ZEIT

Auch die ZEIT war schon im neuen Bauhaus Museum unterwegs, beschäftigte sich in dieser Woche aber vor allem mit einem eigenem Zukunftsprojekt, ein neues Ressort wurde eingeführt, "Streit". Und weil da natürlich sofort die Frage auftaucht, ob wir davon nicht gegenwärtig gesellschaftlich wirklich mehr als genug haben, bemühte man sich bei den ZEIT-"Streit" – Urhebern sofort um Verständnis: der Streit würde im gegenwärtigen Diskurs so sehr von den Rändern her geführt, im Bestreben, einander "absichtsvoll misszuverstehen", dass dabei die ehrliche, sachliche, auch harte Auseinandersetzung eher auf der Strecke bliebe.

Die TAZ ist vom neuen Baby der ZEIT –Kollegen nicht recht überzeugt und fragt frech-fundamental: "Welchen 'Streit' wollen wir?" Horchen wir mal auf’s Echo aus Hamburg, vielleicht braucht der ZEIT-"Streit", ähnlich wie das Futurium und das neue Bauhaus Museum, schlicht ein wenig Zeit, um zu wirken.

Apotheken-Umschau bekommt Relaunch

Derweil kümmert sich noch eine andere publizistische Gazette um ihre Zukunft – die vielgelesene oder doch wenigstens viel mitgenommene Apotheken-Umschau bekommt einen Relaunch verpasst, das meldet der TAGESSPIEGEL. Jünger will man werden, was sonst. Aber was heißt das? "Wir wollen klar machen, dass man das bequem auch mit 35 lesen kann", so der Verlag des kostenlosen Blattes. Das anschauliche Beispiel dazu gibt’s umgehend: "Fußpilz ist völlig altersunabhängig. Wo sonst lesen Sie ausführliche Beispiele über Fußpilz?"

Ok. Dieses Argument zieht. Apotheken Umschau, "weil Fußpilz kein Alter kennt".

Jan Böhmermanns SPD-Niederlage

Bei so viel Zukunftsorientierung wollen wir noch kurz auf einen Mann der Vergangenheit verweisen, der TAGESSPIEGEL beschreibt ihn so: Er "schaute betroffen", saß "im weißen Hemd vor einer blassroten Wand. Er sah aus wie ein Ex-SPD-Parteivorsitzender". Und dann das Zitat: "Da gibt es nichts zu beschönigen, der gestrige Tag war ein schwarzer Tag für die deutsche Sozialdemokratie und mich persönlich."

Jan Böhmermann gestand seine Niederlage als SPD-Parteivorsitzender-Kandidat in spe noch vor der Nominierung ein: "Er habe herausfinden wollen, ob es ein Nicht-SPD-Mitglied ohne Programm, ohne Netzwerk, ohne Mitkandidatin schafft, die Voraussetzungen für eine Kandidatur (als SPD-Parteivorsitzender) zu erfüllen. Es habe knapp nicht gereicht." Allerdings – er will dran bleiben.

Schwimmen als fötale Erfahrung

Wenn Sie, hin und hergerissen zwischen so vielen "Zukünften" und Schon-wieder-Vergangenheiten einfach mal die volle Gegenwart und ganz dem Moment leben wollen – gehen Sie schwimmen. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG widmete einen kompletten Aufmacher dem Floaten in den Fluten: "Jeder Sprung ins Nass", so Autorin Andrea Köhler, "sofern er nicht dem sportlichen Ehrgeiz verpflichtet ist, knüpft – mindestens unbewusst – an die fötale Erfahrung an."

Oha.

Manchmal muss man sich, pardon, auch vor der ausufernden Feuilletonisten etwas schützen und abkühlen. Aber dabei helfen ein paar energische Schwimmzüge womöglich wirklich! Vielleicht haben Sie am Wochenende ja Zeit dafür…

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