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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 12.03.2019

Aus den FeuilletonsDie Zahnbürsten-Revolution

Von Gregor Sander

Zahnpastatube mit Zahnbürste in einem Becher.  (imago)
Auch mal wieder Zeit für ein Relaunch: Zahnbürste samt Pasta. (imago)

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, dass die Zahnbürste seit ihrer Erfindung vor fünftausend Jahren kaum weiterentwickelt wurde. Das ändert sich jetzt dank einer Erfindung aus Österreich. Derweil konstatiert die "FAZ", dass die Kulturkritik sich gehen lässt.

Dietmar Dath sorgt sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG um die Kulturkritik. Unter der Überschrift:

"Kunst im Computer, Kritik im Eimer"

Dath benennt sein Hauptproblem so

"Seit der ästhetische Effekt im Apparat errechnet wird, lässt Kulturkritik sich böse gehen. Am allerschlimmsten steht es bei Künsten, die ein großes Publikum erreichen. Es gibt fast nur noch zwei Sorten öffentlicher Äußerungen über sie: Entweder ärmster Subjektivismus ('hat mich berührt', 'nervt') oder Urteile, für die irgendein platter objektiver Befund ins Feld geführt wird, der sie auch dann nicht decken würde, wenn er wahr wäre: Ist ein Film schlecht, weil er 'wie ein Computerspiel' aussieht?"

Zensur gab es immer

Philipp Meier von der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG wundert sich über die Sorge, die Kunst im Allgemeinen wäre nicht mehr frei. Es gibt, seiner Meinung nach, zwar auch heute Zensur, wie etwa das Übermalen des Eugen Gomringer Gedichts an einer Berliner Hochschule, aber:

"Diese Fälle werden als Zensur dargestellt. Und zwar als eine solche von unten. Nur, was ist dabei so ungewöhnlich? Anders ist allein die Richtung, aus der hier Zensur erfolgt. Früher kam sie von oben, jetzt kommt sie von unten. Dabei bleibt eigentlich alles beim Alten: Kunst war noch nie frei."

Wo sind die Lausmadel?

Katja Lange-Müller sorgt sich um die deutsche Sprache und hat deshalb einen Aufruf des "Vereins Deutsche Sprache" unterzeichnet, der den Titel "Schluss mit dem Gender-Unfug" trägt. Das klingt wie der Titel eines Peter-Alexander-Films, in dem es zwar Lümmel und Lausbuben gibt, aber keine Lümmelinen und Lausmadel.

Die Schriftstellerin fühlt sich durch die Reaktionen auf den Aufruf auch diskriminiert, wie sie dem Berliner TAGESSPIEGEL verraten hat.

"Wir wären, auch dies wurde da und dort vermerkt, samt und sonders ziemlich 'betagt'. Aber selbst wenn das auf die meisten von uns zutreffen mag, Altersdiskriminierung ist es doch! Fazit: Wie wollen wir es einander jemals rechtmachen?!"

Gute Frage, aber wollen es denn wirklich alle allen rechtmachen? Lange-Müller antwortet auf diese Frage mit einer Gegenfrage:

"Wollen wir unsere Sprache und deren grammatikalische Substanz nicht erst einmal richtig verstehen, ehe wir es gestatten oder erdulden, dass allzu aktivistische Streiterinnen und Streiter für die absolute und damit illusorische Gendergerechtigkeit – Politsoziologinnen und Politsoziologen, Firmenchefinnen und Firmenchefs, Amtsschimmelstuten und -hengste – sie (in wessen Sinne eigentlich?) reformieren oder eher deformieren?"

Antinatalismus liegt im Trend

Dabei kann die Sprache kompliziert, das daraus folgende Leben aber ganz einfach sein, wie Dirk Schümer in der Tageszeitung DIE WELT erklärt:

"Antinatalismus – ein kompliziertes Wort für eine unkomplizierte Lebenshaltung: absichtlich ohne eigene Kinder zu leben, sich also bewusst nicht zu vermehren."

Das ist zurzeit auch wieder ein großes Thema und Schümer begründet es so:

"Als phlegmatischerer Zeitgenosse, der gerne schläft, traue ich mir die kraftraubende Lebensleistung, so ein Kind großzuziehen und den gemeinsamen Alltag zu managen, überhaupt nicht zu. Da gibt es patentere Leute."

Vermutlich ist das so, und man kann nur hoffen, dass die jetzt nicht auch noch Feuilletonartikel und Bücher verfassen, um zu begründen, warum sie Kinder in die Welt setzen.

Zähneputzen wie in der Autowaschanlage

Da sorgen wir uns doch lieber mit Gerhard Matzig von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG um die Zahnbürste.

"Seit ihrer Erfindung vor etwa fünftausend Jahren als altägyptisches Kaustöckchen hat sie sich ja nur unwesentlich dem Fortschritt ergeben."

Doch jetzt soll die Zahnbürste revolutioniert werden. Der Clou kommt aus Österreich und kostet 179,90 Euro. Man steckt sie sich im Ganzen in den Mund. Es handelt sich um "ein Mundstück aus Silikon, in dem alle Zähne von kleinen, von Algorithmen befehligten Borsten umgeben sind. Wie in der Autowaschanlage eigentlich. Die Zahncreme wird dosisgenau eingespritzt."

Das Putzen dauert so nur zehn Sekunden. Matzigs Urteil klingt trotzdem eher fortschrittsskeptisch:

"Wieder wertvolle Sekunden gespart – und die Hände auch noch frei. Um was zur Hölle zu tun?"

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