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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.02.2020

Aus den FeuilletonsDie Vergangenheit auf Linie gebracht

Von Gregor Sander

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(von links nach rechts) Museumsdirektor Pawel Machcewicz, Tomasz Arabski, Bürgermeister von Danzig, Pawel Adamowicz, polnischer Kulturminister Bogdan Zdrojewski and Polens Premierminister Donald Tusk (rechts vorne) während der Grundsteinlegung für das Weltkriegsmuseum in Danzig am 1. September 2012. (PAP/Adam Warzawa )
Weil sie mit der Politik in Polen nicht konform gehen, wurden Ex-Museumsdirektor Pawel Machcewicz (l.) und Ex-Premierminister Donald Tusk (r.) laut "FAZ" vom Foto zur Grundsteinlegung des Weltkriegsmuseums 2012 in Danzig gelöscht. (PAP/Adam Warzawa )

Wie kulturelle Einrichtungen derzeit in Polen politisch auf Linie gebracht werden, darüber berichtet die "FAZ". Unliebsame öffentliche Personen würden beispielsweise aus der Vergangenheit gestrichen, indem man sie einfach vom Foto tilgt.

Früher waren selbst die Rücktritte besser. Zumindest wenn man, dem Berliner TAGESSPIEGEL glaubt: "Es war anders, damals, als Willy Brandt noch Verantwortung und Schuld fühlte. Anders auch, als Demokraten und Republikaner gemeinsam Richard Nixon beibrachten, dass es vorbei war. Anders war es, so lange ist das noch nicht her, als Minister ertappt wurden, weil sie bei Doktorarbeiten gemogelt hatten – und die Würde wahrten", schreibt Klaus Brinkbäumer.

Rücktritte aus Kränkung, nicht aus Einsicht

Der Kolumnist des Hauptstadtblattes war früher Chefredakteur des SPIEGEL und ist heute freier Autor. Die aktuellen Rücktritte fasst er so zusammen: "AKK und Kemmerich haben gesehen, dass ihre Macht vergangen und verloren ist. Klinsmann war beleidigt. Die Rücktritte dieser Tage fallen nur zufällig zusammen, denn sie haben viel mit Macht und Kränkung zu tun, weniger mit Einsicht und schon gar nichts mit Moral."

Der Kolumnist der TAZ, Friedrich Küppersbusch, will hingegen im Früher nichts Besseres erkennen: "Adenauer klebte, Brandt verzweifelte, Schmidt stürzte, Schröder erbrach Testosteron und Kohl schubste seinen Feinden Wolfgang Schäuble als rollende Schikane in die Waden. Merkel hingegen hat als Erste im Kanzleramt versucht, den Hof zu bestellen. Das ist ihr hoch anzurechnen. Und soeben gescheitert."

Was, das für die beiden ehemals großen Volksparteien bedeutet, weiß Küppersbusch auch: "So wird dann die CDU selbst zur 'Merkel muss weg'-Partei – und die SPD wird einen Kanzler Spahn oder Merz nicht wählen. Alles andere wäre für sie ein Angriff auf die 5-Prozent-Hürde."

Manipulation der Vergangenheit

Ein sehr spezielles Verhältnis zu "Früher" pflegt die regierende PiS-Partei in Polen, wie Gerhard Gnauck in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG beschreibt. Viele kulturelle Einrichtungen würden derzeit auf Linie gebracht. Besonders beeindruckend ist ein Beispiel aus dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Nachdem der Gründungsdirektor Paweł Machcewicz bereits 2017 unter internationalem Protest entlassen wurde, sieht es jetzt so aus: "Wer heute die Website des Museums aufruft, muss feststellen, dass in der polnischen Version prominente Teilnehmer der Grundsteinlegung, der damalige liberale Ministerpräsident und gebürtige Danziger Donald Tusk und Gründungsdirektor Machcewicz, wegretuschiert wurden."

Das war schon in der kommunistischen Zeit eine beliebte Disziplin. Aber auch hier und heute sind die Möglichkeiten der Manipulation natürlich groß. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG berichtet Michael Moorstedt wie virales Eigenlob erzeugt wird: "Mit der App Botnet geht jedes Posting im Netz durch die Decke", verspricht er.

Ganz viele Herzen vom Roboter

Man postet also irgendetwas und dann passiert Folgendes: "Hunderttausende Gefällt-mir-Angaben sind hier die Norm. Man kann sich in der Kommentarspalte kaum retten vor lauter Herzen, Smileys und motivierenden Worten. Jeder noch so banale Eintrag wird als monumentaler Geistesblitz gefeiert. Die Sache hat nur einen Nachteil: All die Liebesbeweise und aufmunternden Worte stammen von Bots."

Da wünscht man sich vielleicht doch die gute alte Brieffreundschaft zurück. Also suchen wir hier für den Schluss nach einem Thema, das vereint und vielleicht für alle Zeiten gilt, und werden fündig in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG: "Tier geht immer: Egal, wie es verarbeitet, designt oder interpretiert ist, stets vermag es den Menschen anzusprechen und nicht selten den Verkauf eines Produkts anzukurbeln.

Diese tierische Wirkung ist zurzeit in der Ausstellung "Energie animale" zu erleben. Im Züricher Museum für Gestaltung werden unter diesem Titel 600 Kunst- und Designobjekte gezeigt, die im direkten Bezug zu Tieren stehen. Doch Vorsicht auch über diesem Artikel steht: "Wir schmücken uns gern mit fremden Federn."

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