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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.10.2018

Aus den FeuilletonsDie Täter sollten sich schämen − nicht die Opfer

Von Hans von Trotha

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Eine Frau hält sich einen Arm vor das Gesicht, auf dem mit roter Farbe geschrieben steht: MeToo (imago)
Weltweit wird das Thema sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch diskutiert - auch in den deutschen Feuilletons. (imago)

Der Hashtag #MeToo feiert seinen ersten Geburtstag: Mehrere Feuilletons schreiben über Sexismus, Missbrauch und Gleichberechtigung. Die FAZ erklärt, was das Verdienst der Me-Too-Bewegung ist.

Zum Einjährigen des Hashtags #MeToo beklagt Sophie Spelsberg in der taz, "wie wenig gesellschaftlichen Fortschritt die #MeToo-Debatte bisher bewirkt hat". In der FAZ findet dagegen Julia Bär: "#MeToo hat tatsächlich die Welt verändert".

Dass das taz-Feuilleton und das FAZ-Feuilleton in dieser Frage nicht dasselbe meinen, wird keinen wundern. Spannend ist aber zu lesen, wie die unterschiedlichen Einschätzungen auf derselben Argumentationsfigur fußen: der Verkehrung von Täter-Opfer-Verhältnissen.

Alle können zum Opfer werden

Julia Bärs FAZ-Artikel trägt den Titel "Die Täter sollen sich schämen". Denn "Scham", so Bär, "lässt Menschen verstummen. #MeToo", erklärt Bär, "arbeitet mit einer ganz einfachen Botschaft daran, diesen Mechanismus umzukehren: Nicht die Opfer sollten sich schämen, sondern die Täter. Beide Seiten verstehen das jetzt allmählich", meint sie. Das sei "das Verdienst dieser Bewegung."

Und das gelte "nicht nur für die klassische Situation sexuellen Missbrauchs, in der der Mann der Täter ist und die Frau das Opfer. Auch mehrere Männer sind im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit getreten. Darunter war der ehemalige Profi-Footballer und heutige Schauspieler Terry Crews. Als der ihm zuvor unbekannte Hollywood-Agent Adam Venit 2016 bei einer Party Crews statt einer Begrüßung an die Genitalien fasste und zudrückte, war dieser schockiert, fühlte sich entmannt und zum Objekt degradiert. Aber erst durch #MeToo fasste er Mut, doch seine Aussage bewirkte wenig. Auch die Medien maßen dem Fall keine große Aufmerksamkeit bei. Warum nicht?", fragt Bär.

"Ganz einfach", findet sie: "Terry Crews misst 191 Zentimeter, ist schwarz und äußerst muskulös – er sieht nicht aus, wie man sich ein Opfer vorstellt." Das, findet Bär, "ist die nächste große Aufgabe für #MeToo: Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass wirklich jeder zum Opfer werden kann."

Umkehr von Täter zu Opfer

Sophie Spelsberg zitiert in der taz Donald Trumps Worte bei der Vereidigung von Brett Kavanaugh als Richter am Supreme Court: "Im Namen unserer Nation möchte ich mich bei Brett und der Familie Kavanaugh für den schlimmen Schmerz und das Leid entschuldigen, das ihr durchmachen musstet."

"Über den Schmerz und das Leid, das Christin Blasey Ford durchgemacht hat, verlor Donald Trump kein Wort", fügt Spelsberg hinzu. "Die Psychologie-Professorin hatte ihre Vorwürfe gegen Kavanaugh öffentlich gemacht und wurde wie er im Senat angehört. Viele glaubten ihr. Trotzdem ist Kavanaugh jetzt Richter am Obersten Gerichtshof und Blasey Ford gebrandmarkt."

"Gleichzeitig in Österreich", fährt Spelsberg fort. "Sigi Maurer, eine ehemalige grüne Politikerin, war angeklagt wegen übler Nachrede und Kreditschädigung. Ihr Vergehen: Sie hatte herabwürdigende und anzügliche Nachrichten veröffentlicht, die ihr vom Facebook-Konto eines Bierladenbesitzers geschickt worden waren. Der Wirt sagte aus, er wisse nicht, wer die Nachrichten von seinem Computer verschickt habe. Der Richter sagte in der Urteilsbegründung, er sei überzeugt, dass der Kläger lüge. Trotzdem wurde Maurer verurteilt."

Das Schema sei "in beiden Fällen einfach", meint Spelsberg: "Männer kehren das Täter-Opfer-Verhältnis um. Maurer und Blasey Ford sind zwei selbstbewusste Frauen, die ihre Positionen glaubhaft vertreten und dadurch viele von ihrer Version der Geschichte überzeugt haben. Und trotzdem stehen sie am Ende als Verliererinnen da. "Das Schlimmste", so Sophie Spelsbergs Fazit, "was der Bewegung passieren kann, ist, dass alle den Frauen zuhören, verständnisvoll nicken und dann weitermachen wie zuvor."

Sichtbarkeit von Frauen in Literatur und Medien

In der SÜDDEUTSCHEN wendet Marie Schmidt #Metoo quasi praktisch auf die Buchmesse an:

"Heute", schreibt sie, "wird auf der Frankfurter Buchmesse eine Pilotstudie zur 'Sichtbarkeit von Frauen in Medien und Literaturbetrieb' diskutiert, die ergibt, dass zwei Drittel aller in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen besprochenen Bücher von Männern geschrieben wurden. Außerdem werden Kritiken häufiger von Männern geschrieben. Zur Selbstverständlichkeit, mit der Männer und Frauen Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, enthält die aktuelle Studie zur Literaturkritik eine interessante Zahl", findet Marie Schmidt: "Die Kritiken von Männern sind in allen Medien durchschnittlich länger."

"Da", folgert Schmidt, "kein Grund zur Annahme besteht, dass Männer mehr zu sagen haben als Frauen, muss es so sein: sie kommen einfach langsamer zum Punkt."

Der "Blick in die Feuilletons" ist von diesem Wettbewerb übrigens ausgenommen. Er ist in seiner Länge strikt limitiert.

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