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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.03.2020

Aus den FeuilletonsDie Kraft der Musik stärkt die Community

Von Ulrike Timm

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Der Pianist Igor Levit spielt versunken an einem Flügel. (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Ist momentan jeden Abend auf Twitter zu hören - der Pianist Igor Levit. (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)

Da alle Konzerthäuser geschlossen sind, muss die Musik via Internet zum Hörer gelangen. Der Pianist Igor Levit streamt täglich ein Konzert. Die "SZ" bemängelt den Klang, weiß aber auch, dass es darum nicht geht. Das sehen 200.000 Hörer genauso.

Ja! Nutzen wir die Chance und beginnen endlich mal wieder positiv, der TAGESSPIEGEL gibt uns die Chance dazu: "Yes, we can. Es geht. Veränderungen, auch drastische, massive Änderungen menschlichen Verhaltens in ganzen Gesellschaften sind möglich, wenn der politische Wille existiert, Experten zu folgen, und die Vermittlung an die Öffentlichkeit soweit als möglich transparent ist und gelingt."

Klar, Sie wissen, worauf Caroline Fetscher hier anspielt. Ihren Optimismus schöpft die TAGESSPIEGEL–Autorin aus den Erfahrungen, die sie selbst schon gemacht hat, vom sauren Regen über die Giftmüllverklappung bis zu den Südsee-Atomtests war sie ökobewegt immer ziemlich weit vorne mit dabei, und siehe da, Schritt für Schritt, allmählich, tat sich was.

"Bleifreies Benzin war bald die Norm, Atomtests wurden eingestellt, das Ozonloch schrumpfte, als FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) verboten wurden." Stimmt alles, nur bei Corona muss es leider ziemlich fix gehen. Aber, so der TAGESSPIEGEL: "Wir können das. Wir erleben das gerade: Große Veränderungen mit konstruktiven Zielen sind nicht utopisch."

Was passiert mit der Gesellschaft?

Soweit das kleine Optimismusdoping dieser Presseschau. Die SÜDDEUTSCHE geht es nämlich heute anders an. "Die offene Gesellschaft wird erwürgt, um sie zu retten", meint René Schlott und fragt: "Um jeden Preis?"

Die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sieht der Autor kritisch, Zitat: "Der Staat setzt die Menschen einem Experiment mit völlig ungewissem Ausgang aus." Was passiert mit einer Gesellschaft, die sich wochenlang freiwillig selbst einsperrt, die Versammlungs-, Reise-, Gewerbefreiheit zack, zack aussetzt, die – seit neuestem – ihren Kindern nicht nur die Schule, sondern Spielplätze und Sportanlagen gleich mit entzieht?

"Die Dinge sind ins Rutschen gekommen", warnt die SÜDDEUTSCHE, "denn viele der Maßnahmen sind nicht einmal zeitlich begrenzt." Und René Schlott schickt jeder Entrüstung wider seine Skepsis gleich dies voraus: "Die Reaktionen auf diesen Artikel werden zeigen, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist und inwiefern vom Primat der epidemologischen Kurve abweichende Einstellungen noch toleriert werden."

Das Buch zum Virus

Zum Thema Entschleunigung durch Corona nur dies: Das erste Buch zum Virus ist schon fast fertig und soll zum 15. Mai gedruckt werden. Samt Antworten auf Fragen, die uns jetzt umtreiben, zum Beispiel, wie wir uns schützen können.

"Die Eilfertigkeit, mit der hier ein Coronavirus-Buch angekündigt wird, zumal zu einem Termin, an dem es wieder viele neue Erkenntnisse weltweit geben dürfte, passt zu der Strategie vieler Verleger, gerade in ihren Sachbuchabteilungen so schnell wie möglich zu aktuellen Themen Bücher zu veröffentlichen und daraus auch Kapital zu schlagen", meint der TAGESSPIEGEL.

"Nicht immer sind diese Schnellschüsse die besten Veröffentlichungen zum jeweiligen Thema." Nett gesagt. "Es ist ein Entweder - oder. Entweder kein Tropfen oder die ganze Bar". Wir sind gesprungen. Kein Corona. Der Regisseur Abel Ferrera erzählt der WELT in einem ausführlichen Interview aus Zeiten, in denen er alles trank und schnupfte, was der liebe Gott hat wachsen lassen. "Ich hatte aufgehört zu trinken, aber noch zwei Jahre Kokain und Heroin genommen."

Klingt wie durch ein Ofenrohr

Dann doch besser: Musik. Der Pianist Igor Levit streamt via Twitter täglich ein Hauskonzert. Zum Trost. Zum Zusammensein. Wider die Isolation.

"Das Ganze wird in irgendeinem vollgekruschten Probenraum mit dem iPhone aufgenommen", erzählt uns die SZ, "und man selbst hört am Schreibtisch zu, am Rechner, was am Ende streckenweise zu einem Klang führt, als würde einem einer durch ein mehrfach gebogenes Ofenrohr vorspielen. Aber das ist egal." 

Genau. Es geht um die Community, und um die Kraft von Musik. Über 200.000 Leute hören mittlerweile jeden Abend zu. Chapeau. Und wenn die Deutschen Klopapier horten – in Frankreich werden Rotwein und Kondome knapp. Auch irgendwie netter.

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