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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.09.2020

Aus den FeuilletonsDie Kränkung der Menschheit im Möbelhaus

Von Hans von Trotha

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Ein Mann liest einen Katalog des Einrichtungshauses IKEA. (imago-images / teutopress)
Dämpfer fürs Ego: Die Süddeutsche Zeitung erkennt im IKEA-Katalog die vierte narzisstsche Kränkung der Menschheit. (imago-images / teutopress)

Die Rückschau auf 70 Jahre IKEA-Katalog lehrt uns vor allem eins, schreibt die SZ: dass wir uns im Namen der Individualität Hässlichkeiten in die Wohnung gekarrt haben, nur um festzustellen, dass alle anderen auf dieselbe Art "individuell" sind.

Auch Feuilletons werden von Menschen gemacht. Das fällt immer dann besonders auf, wenn neben dem Aktuellen Raum bleibt für den Rückgriff auf Vergangenes. Da greifen Redakteurinnen und Redakteure naturgemäß besonders gern auf jene Vergangenheit zurück, die bei ihnen selbst den Status von Erinnerungen hat. Das gilt für die Politik wie für die Erinnerungs-, die Alltags- und die Hochkultur.

Das Schwinden alter Normalität

Woran wohl ganz junge Menschen angesichts der aktuellen Meldungen zu einem künftigen Atommüllendlager denken? Wahrscheinlich nicht, wie Caroline Fetscher, an die "Freie Republik Wendland" von 1980.

"Utopie", schreibt sie im TAGESSPIEGEL, "leitet sich ab aus dem Griechischen ou topos, kein Ort. Für das wendländische Hüttendorf besaß Utopie damals doppelte Bedeutung: Hier sollte kein Ort für Atommüll entstehen, und zugleich ein utopischer Ort des Zusammenhalts". Und Fetscher erinnert an vom damals herrschenden Reimdiktat gezeichnete Slogans wie "Gemeinsam werden wir es schaffen, dass es endlich alle raffen" oder, O-Ton Wolf Biermann: "Auf, Chauvis und Emanzen, kommt mit uns paar Bäume pflanzen!"

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In der WELT fühlt sich der Soziologe Rainer Paris, Jahrgang 1948, von der derzeitigen "Zerstörung des Alltags" durch das Virus ebenfalls Jahrzehnte zurückkatapultiert: "In gewisser Weise", assoziiert er, ähnele "die Grundkonstellation der Gegenwart, wie sie auch schon vor Corona bestand, der allgemeinen Situation und Befindlichkeit der ostdeutschen Gesellschaft in den Neunzigerjahren: Eine alte Normalität ist unwiderruflich im Schwinden begriffen, und niemand weiß, welche neue Normalität sich in den nächsten Jahrzehnten herausschälen und wie sie beschaffen sein wird."

Ungnade für Wagner-Neuinszenierung

Aber nicht nur in politischen Debatten steuern persönliche Erinnerungen den historischen Blick, auch im Hardcore-Feuilleton, also im Kulturgedächtnis im engen Sinne, sprich: in der Oper. So ist der Umstand nicht zu unterschätzen, dass sämtliche amtierenden Redaktionen wagnertechnisch mit Götz Friedrichs Ring-Inszenierung an der Deutschen Oper sozialisiert sind (sie lief von 1984 bis 2017), so dass es irgendwie programmiert war, dass es die Neuinszenierung von Stefan Herheim, sagen wir: schwer haben würde.

"Wo ist der Lichtschalter?", titelt die SÜDDEUTSCHE. Michael Stallknecht ätzt coronakonform: "An der Wiener Staatsoper hat man Bravorufe verboten, weil sie gesundheitsgefährliche Spucktröpfchen verbreiten könnten. Vielleicht sollte die Deutsche Oper in Berlin überlegen, auch das Buh zu verbieten, das nicht minder explosiv daherkommen kann."

"Haltet Wagner!", ruft Ulrich Amling im TAGESSPIEGEL und bremst auch in seinem Fazit: "Die Neugier auf Herheims Ring-Deutung hat mit dieser Walküre empfindlich gelitten", während Manuel Brug in der WELT resümiert, da "waren also nur Flüchtlinge und Feinripp, Koffer und Klamotte". Gerald Felber ist in der FAZ noch am Gnädigsten, er hat immerhin einen "ebenso mutigen wie streitbaren Vorstoß an die Grenzen des derzeit theatralisch Machbaren" gesehen.

70 Jahre IKEA-Katalog

Aber auch in der Alltagskultur trägt es die Feuilletons emotional schnell ein paar Jahrzehnte rückwärts. Zum Beispiel, wenn IKEA anlässlich seines 70. Katalogs sämtliche Vorgänger online stellt.

"Vor 70 Jahren", schreibt Bernd Graff in der SÜDDEUTSCHEN, "erfuhr die Menschheit ihre vierte narzisstische Kränkung" nach den Entdeckungen Galileis (wir sind nicht Mittelpunkt des Alls), Darwins (auch nicht die Krone der Schöpfung) und Freuds (sondern bloß Opfer des Es) "erschien 1950 der erste Ikea-Katalog. Diese letzte Kränkung", so Graff, "bestand eben darin, dass, wohin wir auch kamen, alle anderen genauso 'individuell' eingerichtet waren wie wir."

Und: "Diese Erschütterungen muss man jetzt wieder aushalten." Graff erleidet "eine Tour de Force, nicht nur für den eigenen Narzissmus, der sich an lange verdrängte Inbusschlüssel-Traumata erinnern muss. Sondern gerade auch für unsere urmutmaßlich konsistente Geschmackssicherheit über die Jahre. Was hat man nicht alles für 'Midcentury Modern' nordischer Prägung gehalten und an Hässlichkeiten mit ebensolchen Namen in die eigene Höhle gekarrt: Ohrensessel, Nierentische, Tütenlampen, Teppichinseln mit Flokatiflausch in Kniehöhe, und das in entschleunigenden Farben, die leider an das Innere des eigenen Verdauungstraktes erinnern."

Tja, Erinnerungen aus dem Reich des eigenen Narzissmus sind nicht immer schön. Feuilletontauglich werden sie in der Gewissheit, wie viele Leserinnen und Leser sie teilen.

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40 Jahre Freie Republik Wendland - Ausgrabung einer Utopie
(Deutschlandfunk Kultur, Feature, 2.5.2020)

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