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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 23.07.2020

Aus den FeuilletonsDie innere Blumenwiese

Von Tobias Wenzel

Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) auf Jakobskreuzkraut (Senecio jacobaea), Emsland, Niedersachsen, Deutschland, Europa *** Dark bumblebee Bombus terrestris on Jacobs ragwort Senecio jacobaea , Emsland, Lower Saxony, Germany, Europe Copyright: imageBROKER/ErhardxNerger ibxenh04930817.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung! (www.imago-images.de)
Dunkle Erdhummeln auf Blumen werden immer seltener, deshalb sollen ab dem 31. Juli wieder einmal Insekten gezählt werden. (www.imago-images.de)

Hummel, Biene, Wespe oder doch Hornisse? Insekten zählen will gelernt sein. Die "Welt" empfiehlt in einem satirischen Beitrag Insektenzählen als Beschäftigung für gelangweilte Jugendliche, die nachts Innenstädte verwüsten.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat dazu aufgerufen, ab dem 31. Juli eine Stunde lang Insekten zu zählen. Nur woran erkennt man ein Insekt? Dazu macht sich der Satiriker Hans Zippert in der WELT so seine Gedanken: "Früher reichte es, eine halbe Stunde über die Autobahn zu brettern, dann hatte man Hunderte von Insekten mit der Windschutzscheibe erlegt, was den Zählvorgang erleichterte", schreibt er. Die Insektenzählaktion gefällt Zippert jedenfalls: "Endlich eine sinnvolle Beschäftigung für die jungen, gelangweilten Menschen, die gerne nachts die Innenstädte verwüsten."

Mit Rap für Regeln sensibilisieren

Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel hatte eine andere pädagogische Maßnahme für die jungen Leute im Sinn: Rap von Farid Bang sollte sie für die Coronaregeln sensibilisieren. Mal abgesehen davon, dass Zeilen dieses Deutschrappers frauenfeindlich, antisemitisch und menschenverachtend sind, Thomas Geisel also kein besonders glückliches Händchen bei der Auswahl des Sängers hatte, sieht Volkan Ağar in der TAGESZEITUNG da folgendes Problem:

"Die Idee, dass Rap als pädagogisches und ordnungspolitisches Instrument dienlich sein könnte." Für Ağar ein Denkfehler. Rap erzähle "echte oder fiktive Geschichten" von Menschen, die "an den Rand der Gesellschaft" gedrängt worden seien. "Rap ist also keine Pädagogik, kein Benimmkurs, keine Volkshochschule." Rapp lässt sich also nicht einfach umwidmen.

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"Es liegt immer etwas Triumphales in der Umwidmung, weil das Eigene gegen das zu Überwindende gesetzt wird", schreibt Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Die Hagia Sophia in Istanbul, ursprünglich eine christliche Kirche, zuletzt lange ein Museum, wird ab diesem Freitag als Moschee genutzt. Dahinter stecke nichts anderes als Erdogans Machtpolitik, urteilt Matzig und fürchtet, der türkische Präsident wolle dieses "Denkmal von Weltrang zerstören".

Von der Kirche zum Kino

Allerdings rät Matzig, auch mal einen Blick auf die Umwidmung von Gotteshäusern, nämlich Kirchen, in Deutschland zu werfen. Genau das habe das "Zeit-Magazin" getan. Aus Kirchen wurden demnach "Museen, Veranstaltungszentren, Bibliotheken, Restaurants, Wohnungen, Galerien, Fitness-Studios, Seniorenheime, Sparkassenfilialen, Zahnarztpraxen und Kinos."

Als die St.-Paulus-Kirche in Altena im Sauerland versteigert worden sei, habe man "die künftige Nutzung als Betrieb von Bordellen oder sonstigen Einrichtungen des Rotlichtmilieus" ebenso ausgeschlossen wie "nichtchristliche Religionen". "Die versehentliche Analogie von Rotlichtmilieu und nichtchristlichen Religionen lässt tief blicken", kommentiert Matzig in der SZ. "Der Westen sollte bei aller Empörung über die aktuellen Vorgänge in Istanbul einmal über das eigene Weltverständnis nachsinnen."

Schluss mit allem

Zum Schluss noch etwas zum Schluss: "Irgendwann muss alles ein Ende haben. Romane und Fischdosenvorräte, Wartezeiten und der längste Bart der Welt (5,33 Meter)", schreibt Paul Jandl in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Nur ist das mit dem Enden und Vollenden so eine Sache: "Wir streben nach Vollendung und sehen dabei schon ganz fertig aus." Und manchmal hat man ein Ende im Sinn und bekommt ein anderes.

"Tennessee Williams zum Beispiel wollte einfach nur, dass Schluss ist mit seinem Schnupfen, aber als er auf seinem Hotelbett in New York lag und die Nasentropfen zur Hand nahm, ist ihm ein Missgeschick passiert", schreibt Jandl. "Der Deckel des Fläschchens fiel ihm in den Rachen und es war bald tragischerweise nicht nur Schluss mit dem Schnupfen, sondern auch mit Tennessee Williams selbst." 

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