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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 20.07.2016

Aus den FeuilletonsDie geschrumpfte Demokratie

Von Tobias Wenzel

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Erdogan verhängt Ausnahmezustand über der Türkei (20.7.2016) (dpa / picture alliance / Stringer)
Erdogan verhängt Ausnahmezustand über der Türkei. (dpa / picture alliance / Stringer)

Einst galt der türkische Präsident Erdogan im Westen als demokratischer Hoffnungsträger. Daran erinnert Jens Jessen in der "Zeit" und mahnt: Wer es heute nicht bereue, damals Erdogan bejubelt zu haben, der habe kein Herz.

"Schwarzer Humor pur", schreibt die in Istanbul und Berlin lebende Krimiautorin Esmahan Aykol in der BERLINER ZEITUNG:

"Ich bekomme jeden Tag ein bis zwei Heiratsanträge von Bekannten, die wissen, dass ich den deutschen Pass habe."

Wer könne, verlasse das Land:

"Die Türkei ist eine Gesellschaft der Angst geworden."

Aykol belegt das mit ihren Beobachtungen in Istanbul. Sie beschreibt, wie zwei Minibusfahrer einen jungen Mann einfach verprügelten. Einer der beiden Fahrer habe dann noch einen Schlagring aus seinem Bus geholt. Die Autorin habe den jungen Mann gerade noch rechtzeitig zum Weglaufen überreden können. Ein Klima der Willkür, Selbstjustiz und islamischen Radikalisierung:

"Seit dem Putschversuch am vergangenen Freitagabend hört man plötzlich Dschihad-Rufe auf den Straßen Istanbuls. Bärtige Männer rufen: Allahu Akbar!"

"Erschütterndes" Beispiel Türkei

Esmahan Aykol befürchtet, der Putschversuch könne ähnliche Folgen haben wie das Attentat auf Hitler 1944. Wegen seiner Beteiligung daran wurde unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler Jens Jessen hingerichtet. Dessen Enkelkind, der gleichnamige Journalist, zieht allerdings nun nicht den Vergleich zwischen Hitler-Attentat und türkischem Putschversuch. Stattdessen blickt er in der ZEIT zurück in die jüngere Geschichte:

"Erinnert sich noch einer an die Jubelrufe, mit denen der Westen seinerzeit den Aufstieg Recep Tayyip Erdoğans feierte?"

Wie nun zu sehen sei, könne sich eine Demokratie auch "auf demokratischem Wege schrumpfen oder barbarisieren". Das Beispiel der Türkei sei "erschütternd": "Wer heute nicht bereut, vor Jahren Erdoğan für sein demokratisches Potenzial umjubelt zu haben, hat überhaupt kein Herz", urteilt Jens Jessen in der ZEIT.

Shit-Storm unter Journalisten

Deren Online-Ausgabe kritisiert Rainer Meyer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Dazu muss man etwas ausholen: Achim Winter hat sich in einem Satirebeitrag für die ZDF-Sendung "Hallo Deutschland" über eine von der Amadeu-Antonio-Stiftung herausgegebene Broschüre gegen "Hatespeech", also Hassrede(n), lustig gemacht und auch über die Stiftungsratsvorsitzende, die früher für die Stasi arbeitete. Die Stiftung beschwerte sich beim ZDF und verlangte – wenn auch vergeblich – die Löschung des Beitrags aus der Mediathek. Dieses Schreiben wiederum gelangte zum "Zeit online"-Redakteur Tilman Steffen. Der kritisierte dann in einem Artikel Achim Winter und das ZDF.

Rainer Meyer von der FAZ suggeriert nun, Steffen habe das Schreiben von der Stiftung erhalten, aber wohl "vergessen", das zu erwähnen. Genauso wie die Tatsache, dass "Zeit online" "offizieller Partner der Amadeu Antonio Stiftung" sei. Außerdem sei eine "Zeit"-Redakteurin Mitglied im Stiftungsrat. Als Privatmann habe Tilman Steffen dann auch noch über sein Twitter-Account "die ZDF-Satire mit der rechten Zeitschrift 'Junge Freiheit'" verglichen und einen Shit-Storm gegen Achim Winter ausgelöst, was wiederum die Stiftung habe jubeln lassen. Rainer Meyer von der FAZ sagt es nicht explizit, aber man liest es unmissverständlich heraus: 'Das ist kein unparteiischer Journalismus.'

Käfer Xi? Nein danke!

"Der Käfer selbst ist heraldisch kaum aktenkundig", schreibt Thomas Thiel in seiner Glosse für die FAZ. Ein in Prag forschender chinesischer Zoologe meinte es gut und widmete dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping die Käferart Rhyzodiastes. Begründung: "Der Käfer fresse sich durch verrottetes Holz wie Xi durch den korrupten chinesischen Staatskörper." Allerdings, ergänzt Thiel, zeichne sich der Genitalbereich des Käfers durch einen "moderat langen Stiel" aus. Der Staatspräsident habe sich " jedenfalls nicht wohl an seinem Platz in der zoologischen Taxonomie" gefühlt. Die Reaktion der chinesischen Machthaber: "Zensur aller Websites, die den Käfer verbreiten."

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