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Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.08.2019

Aus den FeuilletonsDie Feiglingspiele der Staatschefs

Von Hans von Trotha

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Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro und US-Präsident Donald Trump nebeneinander, rechts eine US-Flagge. (imago images / Xinhua)
Sowohl der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro als auch US-Präsident Donald Trump spielten "Feiglingsspiele", heißt es in der "NZZ". (imago images / Xinhua)

Ob Donald Trump oder Brasiliens Präsident Bolsonaro: Sie alle rasen auf eine Klippe zu, schreibt die "NZZ". Eine Anspielung auf den Film "Denn sie wissen nicht, was sie tun": Wer nicht rechtzeitig abspringt, fällt hinunter.

"Man muss sich fragen", fragt sich Joseph Hanimann in der SÜDDEUTSCHEN angesichts des Films "Thalasso" mit Michel Houellebecq und Gérard Depardieu, "was schlimmer ist für die Gesundheit, das Leben oder der Tod. Im Leben", erläutert Hanimann, "raucht oder trinkt man oft zu viel oder schadet sich auch sonst. Andererseits ist Totsein nicht gesund."

Große Fragen der Zeit

Das erscheint fast wie die aufs Allgemeinmenschliche reduzierte Spiegelung der ganz großen Fragen unsrer Zeit – der großen Alternativen. Auf der Suche nach Antworten scheinen die deutschsprachigen Feuilletons zunehmend in der ausländischen Presse fündig zu werden, auch die SÜDDEUTSCHE:

"Warum, so fragt sich Charlie Tyson, ein Harvard-Doktorand im Fach Englisch, ist gerade eine Art Fatalismus-Schick in den Geisteswissenschaften in Mode. Überall, so schreibt er im Chronicle Review, begegne ihm 'diese pessimistische Gewissheit, dass der Kampf um die Geisteswissenschaften, um die Universität, um den Planeten' verloren sei."

"Der modische Fatalist", so Tyson, "weiß ein paar Dinge, die Sie und ich nicht wissen. Etwa, dass die politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die unser Leben prägen, viel zu groß für uns sind, um sie zu ändern."

Es gehe da jetzt nur noch um "Subversion": Von neuen "Werdegängen", neuen "Mehrdeutigkeitspraktiken", neuen "Gesten des Unartikulierbaren" sei fast barock die Rede, mit denen die "Niederlage sexy werden solle".

Die vielen Feiglingsspiele unserer Zeit

Auch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG ist beim Versuch, die Niederlage wenigstens vorübergehend sexy erscheinen zu lassen, in Harvard gelandet. Sie wartet mit der deutschen Übersetzung einer SUNDAY TIMES Kolumne auf. Es kommentiert Niall Ferguson, Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard:

"Hey, Torero!", zitiert er zum Einstieg, "Wir rasen auf die Klippe zu, und der Erste, der rauss­pringt, ist ein Feigling. In Ordnung?" In dem Film 'Denn sie wissen nicht, was sie tun'", fährt Fergusson fort, "spielen Jim (James Dean) und Buzz (Corey Allen) das berühmteste Feiglingsspiel in der Geschichte Hollywoods. Sie steuern ihre Rostlauben mit Voll­gas auf eine Klippe zu. Jim springt im letzten Augenblick hinaus. Buzz stürzt in den Tod."

"Derzeit", so Fergusson, "werden allenthalben Feig­lingsspiele gespielt. Boris Johnsons Trips nach Berlin und Paris in der letzten Woche" seien "ein­deutig Teil eines diplomatischen Feig­lingsspiels" gewesen: "Der britische Premierminis­ter wiederholte seine Bereitschaft, über die Klippe eines Brexits ohne Abkom­men zu springen, wenn die EU nicht bereit ist, den Backstop für Irland fallenzulassen. Bumm! Zwischen Amerika und China läuft", so Fergusson, "ein Feiglingsspiel größeren Ausmasses". Auch Bumm!

Und dann sei da noch das Feig­lingsspiel, das "gerade vom brasilia­nischen Präsidenten Bolsonaro mit dem Planeten selbst gespielt" würde. "Nichts", meint Fergusson, "könnte das Dilemma der modernen grünen Bewegungen in Europa und Nordamerika besser illus­trieren. Alle Anstrengungen, die sie von ihren eigenen Regierungen und Bevöl­kerungen erwarten, werden wirkungs­los, wenn Brasilien und noch viel mehr Indien und China ihre Emissionen von CO2 und anderen Stoffen ungeniert stei­gern. Doch sogar Umweltschützer schrecken vor dem impliziten Kolonialismus zurück: Wenn Brasilien, Indien und China ihr übles Verhalten nicht bessern, müssen sie dazu gezwungen werden", so Niall Fergusson.

Inszenierung der Niederlagen

Führt man sich das vor Augen, kann man Versuche, die Niederlage "sexy" erscheinen zu lassen, schon irgendwie verstehen. Aber man muss genau hinschauen. Wie Slavoj Žižek. Der hat Serien gestreamt, "A Handman's Tale" auf Netflix und "Chernobyl" auf HBO. Beides klare Inszenierungen von Niederlagen.

Žižek stellt in der NZZ fest: "Die beiden Serien bieten Ideolo­gie in ihrer Reinform, im einfachen und brutalen Sinn: die Legitimation der exis­tierenden Ordnung und die Verschleie­rung ihrer Widersprüche. Der exakt gleichen Ideologie", findet Žižek übrigens, gingen "die linken Kritiker von Trump auf den Leim: Für viele Linke wird Trump selbst zum Fetisch."

Mit dem auch Fergusson seinen SUNDAY TIMES Kommentar in der NZZ beendet, und zwar mit dem Hinweis: Trump habe seinen letzten Freitag mit einem Anruf in Brasilien beschlossen, bei Präsident Bolsonaro natürlich. Er sagte ihm: "Wenn die USA bei den Bränden im Regenwald helfen können, so stehen wir bereit!"

Selbst wenn es modisch fatalistisch klingen mag, lieber Charlie Tyson in Harvard, unter Umständen kann heute sogar Hilfe eine Drohung sein.

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