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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.06.2019

Aus den FeuilletonsDie Entschuldigung der Woche

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Das Bild zeigt einen Mann, der einen Blumenstrauß und ein Pappschild in den Händen hat. Auf dem Schild steht "sorry". (imago images / Photocase)
Auch bei uns wird soviel getwittert, gepostet und gebloggt, dass die Zahl der Entgleisungen auch diejenige der Entschuldigungen hochtreibt. (imago images / Photocase)

Der "Tagesspiegel" berichtet über einen neuen Trend aus den USA: die öffentliche Entschuldigung im Radio. "Apologies of the week" heißt eine Rubrik, in der sich schon ein Bürgermeister öffentlich grämte, weil er das Wort "fucking" verwendet hatte.

Es gibt Themen, die werden im Feuilleton gespielt wie ein Tennis-Match. Zwischen den Aufschlägen liegen Wochen, man denkt schon, die Sache habe sich erledigt, und dann kommt wieder so ein Schmetterball wie der von Arnold Bartetzky in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Es geht - im Stil von Ernst Jandl gesagt - um lechts und rinks in der Baukunst. Es geht um die Frage, ob die Rekonstruktion alter Gebäude irgendwie völkisch, braun und "nazi" sei.

Der Architekturhistoriker Stephan Trüby hat letztes Jahr in der nämlichen FAZ den Wiederaufbau eines Frankfurter Innenstadtviertels im mittelalterlichen Stil als ein Projekt von Rechten und Rechtsradikalen geschmäht und kürzlich in der Zeitschrift "Arch+" nachgelegt.

Ist die Rekonstruktion alter Gebäude per se völkisch?

Der FAZ-Autor Arnold Bartetzky findet jedoch die Zusammenstellung der Beispiele dort "perfide" und erklärt:

"Eine besondere Reizfigur des konstruierten feindlichen Lagers ist der Architekt Hans Kollhoff. Trübys Mitarbeiterin Verena Hartbaum rückt den von ihm entworfenen Walter-Benjamin-Platz in Berlin in die Nähe des Faschismus. Vor allem aber unterstellt sie dem Architekten, dass er sich mit der Verwendung eines kapitalismuskritischen Zitats des Dichters Ezra Pound als eingemeißelte Inschrift im Granitpflaster auch dessen Antisemitismus angeeignet und diesen als versteckte Botschaft – wörtlich als ‚antisemitische Flaschenpost‘ – auf den Platz geschmuggelt habe."

Wie die FAZ schreibt, haben Trüby und seine Mitarbeiter Kollhoff nicht mal kontaktiert, um Auskunft zu erhalten, wie Kollhoff das inkriminierte Pound-Zitat verstanden wissen will. Hingegen:

"Auch Akteure, die sich nicht dem Konservatismus zurechnen lassen, werden in dem Heft zur Zielscheibe diffamierender Angriffe. So wirft Trüby dem jeder Rechtslastigkeit gänzlich unverdächtigen Berliner Stadtsoziologen Harald Bodenschatz vor, dass er ‚das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtraumbildung‘ betreibe und dabei ‚keine Berührungsängste mit der patriotischen Rechten‘ zeige."

Entschuldigungsnotwendigkeit

Wenn das mal keine Hassrede mit Entschuldigungsnotwendigkeitspotenzial ist! Über diesen Trend berichtet Caroline Fetscher im TAGESSPIEGEL. Der Trend kommt natürlich aus den USA. Dort gibt es in einer Radiosendung sogar die Rubrik "Apologies of the week":

"Eine Universität entschuldigte sich bei Studentinnen für sexistische Bemerkungen eines Pianisten bei einem Campus-Konzert. Ein Thinktank entschuldigte sich bei einem Klimaforscher für das Diffamieren von dessen Arbeit. Der Bürgermeister von Tucson, Arizona, grämte sich öffentlich, weil er das Wort 'fucking' verwendet hatte."

Die Theorie der Entschuldigung

Und so weiter und so weiter. Auch bei uns wird soviel getwittert, gepostet und gebloggt, dass die Zahl der Entgleisungen auch diejenige der Entschuldigungen hochtreibt. Dabei entwickelt Caroline Fetscher in gestelzter Sprache eine einfache Theorie:

"Beim Entschuldigen geht es um die Einsicht ins eigene Fehlverhalten und das Hoffen auf die Fähigkeit des Gegenübers, Güte zu haben, zu vergeben. Wer sich zornig gezwungen sieht, zu Kreuze zu kriechen, oder wer auf den Vorteil spekuliert, den das clevere Beschwichtigen durch ein ‚sorry‘ bringen soll, ent-schuldigt sich nicht. Er nötigt vielmehr den Adressaten, sich mit dem vorgetäuschten Affekt zu befassen, auf das falsche Spiel einzugehen oder erneute Eskalation zu riskieren."

Soll wohl heißen: Eine Entschuldigung, bei der man sich auch noch für dumm verkauft fühlt, macht einen erst recht wütend.

Slavoj Žižeks einzige Hoffnung: Radikalisierung

Aber was soll man davon halten, wenn ausgerechnet DIE WELT zum Klassenkampf aufrufen lässt? Okay, es ist immerhin Slavoj Žižek, dessen Text die Zeitung druckt, aber wie immer bei Žižek geht es hart zur Sache und – anscheinend liegt nichts näher – um die politischen Mehrheitsverhältnisse in den USA:

"Der Sieg Donald Trumps hat einen Prozess der Radikalisierung innerhalb der demokratischen Partei angestoßen, und darin liegt unsere einzige Hoffnung", schreibt der linke Philosoph. Radikalisierung, Bürgerkrieg und Klassenkampf sind seine Begriffe. Das ist Žižeks Zielvorstellung.

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