Mittwoch, 11.12.2019
 

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.10.2014

Aus den FeuilletonsDie Einsamkeit der Fleischfresser

Unser Blick in die Kulturseiten der Zeitungen

Von Arno Orzessek

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(picture alliance / dpa / Victoria Bonn-Meuser)
Der Geruch gebratenen Fleisches - so störend wie das Rauchen? (picture alliance / dpa / Victoria Bonn-Meuser)

In ihrer "Welt"-Kolumne berichten "Maxeiner & Miersch" über ein Abendessen anlässlich der Frankfurter Buchmesse. Veganer hätten dort Druck auf Anders-Essende ausgeübt - nur als ziemlich bekannter Autor hätte man sich einen Zwiebelrostbraten zutrauen können.

"Wer Ohren hat, der höre", titelt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ...

Und sofern Sie bibelfest sind, liebe Hörer, hören Sie in dieser Überschrift einige der vielen biblischen Wer-Ohren-hat-Stellen mit. Etwa jene aus Offenbarung 2, wo es heißt:

"Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt."

Die SZ nun sagt ihren Lesern im Prinzip: Hört Hörspiele mit biblischem Hintergrund ... Und Stefan Fischer erklärt, warum man hinhören soll.

Beim Hessischen Rundfunk sei ...

"... ein Radioprojekt entstanden, das einmalig ist in seinem Umfang und in seinen Ambitionen. Es ist das spannendste Unterfangen im gegenwärtigen Hörspiel. Bis 2016 werden 21 Stücke von 21 Schriftstellern gesendet, die auf Erzählungen oder Versen aus Altem oder Neuem Testament beruhen."

Mit dabei sind etwa Brigitte Kronauer, Sibylle Lewitscharoff und Doron Rabinovic. Ihnen allen attestiert SZ-Autor Fischer, dessen Text auch von der HR-Pressestelle stammen könnte,

"viel Geist und Witz, Spieltrieb und Fabulierlust".

Wir geben indessen zu bedenken: 21 Hörspiele auf der Grundlage von 21 Koran-Versen wären heutzutage wohl noch aufregender.

Um bei Witz, Spieltrieb und Fabulierlust zu bleiben ...

Abendessen anlässlich der Buchmesse

In der Tagzeitung DIE WELT kümmern sich "Maxeiner & Miersch" in ihrer gleichnamigen Kolumne um "Einsame Fleischfresser" ...

Und sie berichten, dass bei Abendessen anlässlich der Frankfurter Buchmesse Veganerinnen und Vegetarierinnen, deren Lebenslust in Gemüsepizza gipfelt, massiven ethischen Druck auf Anders-Essende ausgeübt haben.

"Der Geruch gebratenen oder gegrillten Fleisches wird mittlerweile als mindestens so störend empfunden wie das Rauchen. Ein Schnitzel entspricht gefühlt einer Zigarette und ein Rumpsteak einer öffentlich zelebrierten Havanna-Zigarre. Man muss also schon ein sehr bekannter Autor sein, um sich einen Zwiebelrostbraten [ ... ] zuzutrauen. Spielt man in der B-Liga, war's das [mit der Konversation]."

In der Ersten Liga der Theater-Regisseure spielt Christoph Marthaler, der an der Berliner Volksbühne "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" inszeniert hat.

Bei diesem Stück, das Marthaler selbst als "Testsiegerportal" bezeichnet, handelt es sich offenbar um eine liederabendhafte Dating-Satire.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG lässt ihr maliziöses Urteil schon in der schrägen Überschrift "Schlager und geschlagen werden" durchblicken - sodann formuliert Irene Bazinger Klartext:

"Als am Schluss noch 'Am schönsten ist es zu Hause' geschunkelt wird und [die Sängerin] Tora Augestad im Discolicht durch den begeisterten Saal wandelt, fühlt man sich fast wie im Musikantenstadl. Fehlte nicht viel, und es wäre sogar in der Volksbühne mitgeklatscht worden. Der Schlager, obwohl er an diesem Abend manches Scharmützel verlor, hat den Krieg im Amüsierviertel gewonnen. Von Christoph Marthaler freilich hätte man mehr als [ ... ] biederen Musikklamauk erwartet."

So FAZ-Autorin Bazinger, für die Mitklatschen kein kleinerer Frevel zu sein scheint als für jene Buchmessen-Veganerinnen eine frische Schlachtplatte.

Und damit zum Sport.

"Das Fell ist buschiger, die Schnauze spitzer, die Augen sind stechender. Was ist bloss mit 'Fuchsi' los?"

fragt sich die TAGESZEITUNG.

Der Sport-Fuchs und der NPD-Fuchs

Die Rede ist vom Maskottchen der Füchse, dem Berliner Handball-Bundesligisten - 'Fuchsi' wurde neu gestaltet.

"Ein Redesign also [betont TAZ-Autor Michael Brake], aber eines mit politischem Hintergrund: Für die NPD treibt seit einiger Zeit 'Der schlaue Fuchs' als Wahlkämpfer sein Unwesen, der wie ein orangestichiger Evil Twin des alten Fuchsi aussieht. [ ... ] Als Fuchsi geschaffen wurde, waren die Füchse Berlin nur ein ambitionierter Zweitligist, da musste es einfach und billig gehen. Inzwischen gehört der Verein zur erweiterten europäischen Handballspitze, und da kann man sich zwar eine Kostümsonderanfertigung leisten, aber keine politischen Schmuddeleien."

Laut TAZ hat der NPD-Fuchs bereits reagiert und auf Facebook verlautbart:

"'Lange Zeit habe ich sowohl für die Füchse wie auch für die NPD geworben [ ... ]. Nun kann ich mich künftig voll und ganz auf den Kampf für ein besseres Deutschland konzentrieren.'"

Natürlich überlassen wir dem NPD-Fuchs hier nicht die letzten Worte ... Sondern sagen sie selbst. Sie lauten:

Tschüss, bis bald!

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