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Kulturpresseschau | Beitrag vom 20.10.2018

Aus den FeuilletonsDie bayerische Toleranz

Von Klaus Pokatzky

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Ministerpräsident Markus Söder nach der Bayernwahl (imago stock&people)
Ministerpräsident Markus Söder nach der Bayernwahl (imago stock&people)

Die Bayernwahl hallt noch nach in den Feuilletons dieser Woche. Während sich der "Tagesspiegel" genervt von der Berichterstattung gibt, erzählt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" von Wechselwählerinnen.

"Worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?", fragt der Berliner TAGESSPIEGEL jeden Sonntag. Es antwortet diesmal der Fernsehmoderator Martin Adam, dem die Berichterstattung nach der Bayernwahl ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. "Ein bisschen Drama rausnehmen", empfiehlt er: "Kein Skandal, kein Weltuntergang", war für ihn der letzte Sonntag, "obwohl doch medial von der ‚Schicksalswahl‘ die Rede war, vom ‚Fanal‘".

Dem Wähler zuhören

Vielleicht sollten wir wirklich mal etwas weniger dem zuhören, was alles so aus der Politikblase heraustönt – und mehr Aufmerksamkeit dem schenken, was die Wähler so sagen: "weil sie spüren oder ahnen, dass Parteien viel offenere Systeme sind, als das den Parteileuten möglicherweise selbst bewusst ist", wie die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG feststellt. "Von jener sehr katholischen Dame" erzählt da Claudius Seidl, "die sich seit drei Jahren um Flüchtlinge kümmert; die eigentlich immer die christliche Partei gewählt hat und die aber, als der Ministerpräsident von "Asyltouristen" sprach, beschloss, überhaupt nicht wählen zu gehen; am vergangenen Sonntag hat sie dann doch gewählt, die Grünen, weil sie die sympathisch fand und anständig, irgendwie."

In die gleiche Kerbe haute die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. "Könnte es sein, dass viele Wähler der großen Parteien auch des Große-Töne-Spuckens wegen so überdrüssig sind wie des anschließenden Opportunismus halber?", fragte Jürgen Kaube – und nannte als Beispiel: "Heute Kreuze aufzuhängen und morgen unchristlich über Flüchtlinge reden."

Reden wir dann mal mit einem Bayern. "Sie werden sehen, welche Panik in München wieder ausbrechen wird, wenn der erste Schnee fällt – da kriechen sie mit 25 km/h durch die Straßen", erklärte uns der bayerische Kabarettist Wolfgang Krebs den Unterschied zwischen grüner Großstadt und dem schwarzen Land: "Da reagieren Landmenschen gelassener, die ziehen Winterreifen auf und brettern weiterhin mit 100 durch die Gegend", erzählte er im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG – und gab auch Auskunft, was er in vollbesetzten niederbayerischen Wirtshaussälen über Flüchtlinge erzählt: "Ich versuche, den Leuten die Angst zu nehmen. Mit Satire geht das, darauf lassen sie sich ein. Wenn man ihnen klarmacht, dass jeder Autofahrer, der am Steuer SMS tippt, gefährlicher ist als ein Flüchtling aus Afghanistan, überzeugt sie das."

Die Geräusche beim Musizieren

Und damit, zur Erholung, etwas Musikalisches. "Warum machen Cellisten so seltsame Geräusche, vor allem die männlichen?", fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG. "Alle Musiker produzieren Nebengeräusche beim Musikmachen, nicht nur die Cellisten", antwortet Eleonore Büning. "Es fällt bei dem einen mehr auf als bei dem anderen. Aber jeder, der einen Ton produziert, bildet diesen zunächst rein geistigen Prozess auch in seiner Körpersprache ab, in irgendeiner Form. Klarinettisten und Oboisten pendeln und wiegen sich, Fagottisten schneiden fürchterliche Gesichter, Saxophonisten verbiegen und verzerren sich, Pianisten singen oder summen."

Ein Loblied auf die Musiker

Doch wo die Musik verlockt, ist die Politik nicht weit. "Im Gegensatz zu jenen Politikern, die sich berufen fühlen, im Namen des Volkes zu sprechen, wissen die grossen Musiker, dass das Volk keine undifferenzierte, willenlose und leicht zu steuernde Masse ist." So erklärte uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG die wirklich bedeutenden Unterschiede – in einem Loblied auf die Musiker: "Sie schauen auf das Volk als Reservoir und Hüter jener Schätze, die erst durch Klärung und Verwandlung, durch Schliff und Arbeit, durch Neuprägung und Weiterführung zum Leuchten gebracht werden können", schrieb uns Iso Camartin ins Stammbuch.

"Nachdem vergangene Woche ein für den 6. November im Bauhaus Dessau geplantes ZDF-Konzert der linken ostdeutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet vom Bauhaus abgesagt worden war", lesen wir im TAGESSPIEGEL vom Sonntag, "aus Furcht vor rechtsradikalen Übergriffen und nicht zuletzt auf Druck von CDU und AfD, spitzt sich der Streit um diesen abgelehnten Auftritt weiter zu." Musik und Politik eben. "Es wäre Aufgabe der Behörden in Sachsen-Anhalt gewesen, das Konzert zu ermöglichen und die Sicherheit zu gewährleisten – auch wenn die Band nicht jedem gefällt", zitiert der TAGESSPIEGEL Kulturstaatsministerin Monika Grütters von der CDU, die es als "fatales Zeichen" sieht, "wenn der Druck der rechten Szene kulturelle Angebote unterbindet".

Der Punk aus der Mittelschicht

DER SPIEGEL hatte einen größeren Bericht über die vorpommersche Band offenbar schon lange vorbereitet. "Der Punk kommt kurioserweise selten von unten, sondern aus der bürgerlichen Mittelschicht. So auch hier", schrieb Arno Frank in seinem über vier Magazinseiten reichenden Artikel. "Die Eltern der Bandmitglieder zumindest sind keine Verlierer der Abwicklung, der Abwertung und Abwanderung von allem, was das Leben in der DDR bis zur Wende geprägt hatte. Und die Söhne sind Krankenpfleger oder studieren Kunstgeschichte, Politik, Islamwissenschaften. Die haben alle etwas im Kopf und wissen genau, was sie tun." Jetzt suchen sie "zusammen mit dem ZDF einen neuen Auftrittsort", heißt es im TAGESSPIEGEL.

Vielleicht empfehlen sich die bayerischen Berge, da ist man offenbar tolerant. "Erstmals in der Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele wird 2020 ein Moslem eine Hauptrolle übernehmen", steht ebenfalls im TAGESSPIEGEL: "Cengiz Görür teilt sich den Part des Judas mit Martin Schuster".

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk Kultur, Wortwechsel, 19.10.2018)

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