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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.03.2016

Aus den Feuilletons"Die AfD wirkt ... bei mir wie Brechmittel"

Von Arno Orzessek

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Plakat der AfD im hessischen Kommunalwahlkampf (dpa / picture alliance / Alexander Heinl)
Plakat der AfD im hessischen Kommunalwahlkampf (dpa / picture alliance / Alexander Heinl)

Wie sollen wir mit der AfD umgehen? Die "SZ" erläutert fünf Strategien - um ihre Leser am Ende ratlos zurückzulassen. Die "Welt" versucht sich an einem Vergleich mit den Grünen der Frühzeit. Einzig die Streetartkünstlerin Barbara scheint den richtigen Ton zu treffen.

Um "'Vollpfosten' und 'Abgehängte'" kümmert sich der Feuilleton-Aufmacher in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Da "'Vollpfosten' und 'Abgehängte'" in Anführungsstrichen stehen, weiß man sofort: Es ist nicht die SZ selbst, die jemanden mit den unvorteilhaften Beiwörtern runtermachen will, sondern jemand anderes.

Tatsächlich handelt der Artikel aus der Tastatur Johann Schloemanns "Vom schwierigen Reden über Rechtspopulismus" und belegt die Schwierigkeiten konsequenterweise durch sich selbst.

AfD: Entzauberungs- oder Vergiftungsthese?

Zunächst zeigt sich Schloemann unsicher, ob im Blick auf die AfD die Entzauberungs- oder die Vergiftungsthese zutrifft. Erstere besagt: Im demokratisches Meinungsstreit zerlegt sich die AfD von ganz allein. Zwei­te besagt im Gegenteil: Die Protestpartei verpestet das komplette Land mit Fremdenhass.

Auf die Unsicherheit folgt eine Reihe negativer Gewissheiten. Schloemann erläutert fünf Strategien - darunter soziale Ausgrenzung, Leugnung der von der AfD beklagten Probleme und auch Humor –, mit denen man der Petry-Partei auf gar keinen Fall beikommen kann.

Und dann, schwuppdiwupp, ist der Artikel zu Ende und hinterlässt ein Vakuum im Gehirn – als hätte Schloemann keine fünf klugen Gedanken hineingesteckt, sondern herausgezogen.

Steile These in der FAZ

Derweil posaunt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: "Die AfD macht sich immer uninteressanter"...

Was nach dem jüngsten Wahl-Sonntag eine steile, geradezu kontrafaktische These ist. Da freut man sich auf die schneidige Begründung!

Aber in Wirklichkeit will der FAZ-Autor Michael Hanfeld nur rasch übermitteln, warum Frauke Petry den verabredeten Auftritt im ZDF-Morgenmagazin geschwänzt hat:

Nicht etwa, weil jemand ihre Mails mit den Terminen gehackt hätte, wie sie zunächst vorgab, sondern weil ihr die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali "mehr als politische Aktivistin denn als professionell arbeitende Journalistin" erscheint.

Vergleich von AfD mit den Grünen der Frühzeit

Hanfeld glaubt, dass solche Ehrpusseligkeit der Partei auf Dauer schadet, und konstatiert:

"Die AfD ist jetzt zu vielen Themen gefragt, vermittelt aber den Eindruck, sie habe gar nichts zu sagen, was nicht zu ihrem griffigen Wahlslogan ('Mut zur Wahrheit') passt."

Hmm, stimmt das so? Oder liegt hier eine sechste Strategie vor, wie der AfD nicht beizukommen ist – nämlich durch Unterschätzen, Unter-Wert-Schlagen und Für-ein-bisschen-dumm-Verkaufen?

Nun, auch die Tageszeitung DIE WELT untersucht das Phänomen AfD und vergleicht die Partei unter dem Titel "Rabauken und Spinner" mit den Grünen in deren Frühzeit.

Alan Posener hält zwar fest, dass damals wie heute politischer Grobianismus im Spiel sei – im Kern aber überwögen die Differenzen.

"Die Grünen waren jung, akademisch, bürgerlich geprägt. Ihnen gehörte im Wirtschaftswunderland, das ihre Eltern aufgebaut hatten, die Zukunft. Die wollten sie gestalten, nicht verspielen, schließlich standen Babyboomern alle Türen offen. […] Die Grünen hatten die Energie und den Optimismus der Jugend auf ihrer Seite. Die AfD ist der organisierte Pessimismus. Zu Recht, denn sie vertritt jene, die – vom Alter, von der sozialen Herkunft, von der Bildung her – zu den Verlierern der Globalisierung gehören."

"Den Rechten einfach eine kleben"

Die Verlierer-AfD kommt der WELT durchaus gefährlich vor:

"Sollte die AfD Einfluss gewinnen und der Schwanz auch in der Außen- und Europapolitik mit dem Hund wedeln, wie es in Sachen Flüchtlingspolitik längst der Fall ist, dann ist nicht nur Deutschlands Ruf gefährdet, sondern Deutschland selbst."

Falls Sie, liebe Hörer, in dieser Kulturpresse endlich etwas anderes hören wollen als AfD, AfD, AfD – werden wir Sie jetzt gründlich enttäuschen.

Denn kaum schlagen wir die TAGESZEITUNG auf, fällt unser Blick auf ein Foto. Es zeigt einen Laternenpfahl oder irgendeine andere Säule an einer Straße in Dresden.

An der Säule kleben zwei Plakate. Auf dem oberen steht: "'Die AfD wirkt… und wirkt… und wirkt'" – auf dem unteren: "'…bei mir wie Brechmittel'".

Es handelt um eine Intervention von "Barbara" – so nennt sich eine Person oder Gruppe, die mit Sprüche-Plakaten im öffentlichen Raum agiert.

Näheres lesen Sie bitte selbst nach!

Wir erwähnen nur noch, dass die TAZ-Überschrift die Barbara-Strategie ausformuliert – und mit der kommt man der AfD auf jeden Fall bei.

Sie lautet: "Den Rechten einfach eine kleben."

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