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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 12.03.2017

Aus den FeuilletonsDeutschland im Kulturkampf

Von Klaus Pokatzky

Zahlreiche Passanten in der Innenstadt von Münster unterwegs. Die Fußgängerzone Ludgeristraße ist dicht mit Fußgängern gefüllt.  (imago stock&people)
Passanten in einer Fußgängerzone: Kosmopoliten gegen Modernisierungsverlierer? (imago stock&people)

Die "Flüchtlingskrise" habe einen bereits bestehenden "Kulturkampf" verstärkt, erklärt der Soziologe Armin Nassehi im "Tagesspiegel": Seiner Ansicht nach treffen dabei "Modernisierungsverlierer" und eine kosmopolitisch denkende Gruppe der Gesellschaft aufeinander.

"Ich war zwar verzweifelt, als Trump gewonnen hat, aber nicht überrascht." Das lesen wir in der Tageszeitung DIE WELT. Keine Sorge: Der Mann wird hier nur einmal erwähnt. "Die Tendenzen, die ihn zum Sieg gebracht haben, habe ich lange in der amerikanischen Gesellschaft kommen sehen", sagt die amerikanische Künstlerin Adrian Piper im Interview: "Deshalb bin ich ausgewandert. Ich bin sehr froh, in Deutschland zu wohnen. Das feiere ich jeden Tag." Und zwar in Berlin – wo gerade eine Ausstellung von Adrian Piper zu sehen ist. Berlin kann eben eine schöne Zuflucht für Migranten sein – kann.

"Das Ankommen in Deutschland wird den Menschen nicht leicht gemacht", steht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Mein Lieblingsbeispiel ist die Ausländerbehörde im Berliner Wedding, viele Prozeduren dort basieren auf dem Prinzip der Demütigung" erzählt im Interview die Schriftstellerin Olga Grjasnowa. "Es fängt bei der Wartezeit an, nicht selten muss man sich um fünf Uhr morgens anstellen, um überhaupt dranzukommen, gerne auch gegen sechs Uhr abends. Die Beamten sprechen kein Englisch – als wahrscheinlich die einzigen Beamten in ganz Berlin."

Das ist nicht ganz richtig. Auch der Einsatzleiter der Berliner Polizei vorm Hotel Adlon beim letzten Besuch der Queen vor zwei Jahren sprach kein Englisch und musste sich sein Gespräch mit dem Chef der königlichen Personenschützer von deutschen Queen-Fans übersetzen lassen. So ist eben Berlin: Da reicht das Berlinern.

"Dass es auch anders geht, zeigt übrigens die Elterngeldstelle in Neukölln", berichtet Olga Grjasnowa noch im Interview der SÜDDEUTSCHEN: "unglaublich freundliche Beamte, die jedes Problem in wenigen Minuten lösen." Olga Grjasnowa ist in Baku geboren, der Hauptstadt Aserbaidschans, und kam als Kind in den neunziger Jahren nach Deutschland – als zahlreiche Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hier eine neue Heimat fanden. "Sehr viele Motive der Flüchtlingsdebatte gab es schon damals", sagt sie nun – doch auch: "Wir haben es ja längst geschafft. Wir haben doch kein Problem mit der Integration. Die Integration läuft lediglich im rechten Spektrum der Gesellschaft falsch, wo die gesellschaftlichen Werte zugrunde gehen."    

Und warum gehen die Werte da zugrunde? Vielleicht sollten wir mal einen Soziologen hören. "Es geht um zwei unterschiedliche Arten, wie man die Welt versteht", meint Armin Nassehi: "In diesen Kulturkampf ist die Flüchtlingskrise wie ein Verstärker hereingebrochen."

Armin Nassehi ist Soziologie-Professor und beschreibt diesen Kulturkampf so: "Auf der einen Seite stehen diejenigen, die als sogenannte Modernisierungsverlierer erleben, wie das, was noch vor einiger Zeit als Mittelschichtsnormalität galt, zumindest infrage gestellt werden könnte." Das sagt er dem Berliner TAGESSPIEGEL: "Auf der anderen Seite positioniert sich eine sehr kosmopolitische, moralisch allzu selbstbewusste und selbstgerechte, auch oft mit ökonomischer Potenz gedeckte Gruppe, die quasi mit links Begriffe wie Kultur, Volk, Nation dekonstruiert, aber auch veränderten Arbeitswelten offen gegenüber eingestellt ist."

Armin Nassehi wurde 1960 als Sohn einer Deutschen und eines Persers in Tübingen geboren. "Ich stehe Migration sehr positiv gegenüber", erklärt er im Interview: "Migration ist ebenso unvermeidlich wie für uns notwendig – schon aus demografischen Gründen." Das ändert nichts am Dilemma, nämlich am Kulturkampf zwischen den zwei unterschiedlichen Arten, wie man die Welt und auch die Migration sieht – doch ein Dilemma hat für Armin Nassehi auch sein Gutes: "Wenn man es aber als Dilemma formuliert, ist schon etwas gewonnen. Denn damit gibt man zu erkennen, dass nicht nur die eigene Sicht der Welt existiert."

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