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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 28.08.2019

Aus den FeuilletonsDer Triumph der Angst

Von Arno Orzessek

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Wahlplakate von Octavian Ursu (CDU) und Sebastian Wippel (AfD), aufgenommen in Goerlitz, 12.06.2019. Ursu (CDU) trat gegen Wippel (AfD) in einer Stichwahl um das Amt des Oberbuergermeisters an. (imago / photothek / Florian Gärtner)
Die Politik habe aus der Angst eine selbstbewusste Haltung werden lassen, die die offene Gesellschaft mit Intoleranz bedroht, schreibt Jens Jessen in der "Zeit". (imago / photothek / Florian Gärtner)

Was früher als Schwäche galt, sei heute ein Zeichen von Stärke - die Angst, meint Jens Jessen in der "Zeit". Er erklärt, "warum die Rücksichtnahme auf die Emotionen des Wahlvolkes so fatal ist".

Ein Bekenntnis vorab: Feuilletonüberschriften, die den Titel des Fassbinder-Films "Angst essen Seele auf" von 1974 variieren, hängen uns zum Hals heraus. Es gab schon zu viele davon. Und nun gibt es eine weitere! "Angst essen Politik auf", titelt die Wochenzeitung DIE ZEIT. Puh! Und dann gehört auch noch die Unterzeile zur epidemischen Gattung der Warum-Unterzeilen: "Warum die Rücksichtnahme auf die Emotionen des Wahlvolks so fatal ist." Andererseits: Wie der ZEIT-Autor Jens Jessen zu dieser Einschätzung kommt, will man dann schon wissen. Hören wir ihm also zu!

Aus Angst wird Intoleranz

"Ängstlichkeit – die grundsätzliche Neigung, Angst zu empfinden – galt einst als Schwäche. Heute bedeutet Ängstlichkeit Stärke, und sie ist keine schwer zu unterdrückende Neigung, sondern die aggressive Bereitschaft, Angst zu zeigen, wenn dies einen gesellschaftlichen Vorteil verspricht. Das hat die Politik schon angerichtet, indem sie der Angst ihr Ohr lieh: Sie ist eine selbst gewählte und selbstbewusste Haltung geworden, deswegen kommt sie auch nicht mehr schüchtern daher, sondern mit Triumphgeheul. Gegenstand des Triumphs ist der Platzgewinn, den Intoleranz und Gruppenegoismus auf Kosten der offenen Gesellschaft erobern und rücksichtslos erweitern werden, wenn wir den Angstgesängen, die in Wahrheit Hassgesänge sind, weiter Gehör schenken."

So, und nun leisten wir Abbitte: Was Jens Jessen da schreibt, überzeugt uns, obwohl es etwas undeutlich ist – und könnte unter keinem passenderen Titel stehen als eben "Angst essen Politik auf".

In einem weiteren Warum-Artikel erklärt die ZEIT, "Warum die große Liebe der Deutschen zu ihrem Wald derart abklang, dass sein Sterben jetzt kaum jemanden mehr erregt". Dabei steuert Ingeborg Harms auf eine nette Schlusspointe zu – und zwar diese: "Seit 2005 die Bewirtschaftung des Waldes aus den Staatsforstverwaltungen ausgegliedert wurde, ist er zum reinen Industriezweig geworden, in dessen Logik Rücklagen und Reserven Umsatzminderung bedeuten. (…) Während wir uns von digitalen Techniken im großen Stil in virtuelle Welten entführen ließen, verfiel das öffentliche Gut dem Profit. (…) Zuerst sollten wir die Volkshochschulkurse für Elektrosägen abschaffen. Wer einen Baum wirklich ans Messer liefern will, darf schon seine Muskeln spielen lassen."

Ernsthaft engagiert gegen Elektrosägen-Volkshochschulkurse: die ZEIT-Autorin Ingeborg Harms. Eine rhetorische Kettensäge – das ist, mit Verlaub, Philipp Ruch, der Gründer der "Zentrums für politische Schönheit". Wie man auch der Rezension seiner Polemik "Schluss mit der Geduld" in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG entnehmen kann.

Lichterketten sind nicht Teil der politischen Schönheit

"'Demonstrationen, Mahnwachen, Lichterketten, Online-Petitionen, Twitter-Hashtags oder Eiskübel-Videos müssen wir lernen zu fürchten‘, schreibt Ruch (so die SZ): ‚Sie sind die Pest. Sie sind nicht ernst gemeint.‘ Stattdessen will Philipp Ruch nun offenbar – obwohl er viel von Demokratie redet – von der künstlerischen, emotionalen Übertreibung direkt zur Tat schreiten: ‚Verweigern wir Steuerzahlungen. Besetzen wir Nachrichtensender. Machen wir Stress!‘ Denn: ‚Wir stehen in einer Zeit der Schlacht.‘"

Bürgerkriegsförderliche Zitate von Phillip Ruch in einem SZ-Artikel von Johann Schloemann. Aber nun. Unter dem Titel "Die Reichen des Bösen" behauptet die Tageszeitung DIE WELT mit Blick auf die geplante Nicht-Abschaffung des Solidaritätszuschlags für Sehr-gut-Verdiener: "Reichtum gilt wieder als Schande – nicht nur bei der SPD." Lesen Sie Matthias Heines kurze Geschichte des Reichenhasses seit Jesus Christus bitte selbst.

Wir erwähnen hier nur das lustige Foto, dessen Unterschrift lautet: "Wenn das die SPD wüsste… Ein vergoldetes Steak in einer Schlachterei in Berlin Wilmersdorf." Was das Foto zeigt, steht Ihnen jetzt sicher vor Augen. Ansonsten bleibt noch zu erwähnen, dass in der ZEIT ein nichtlexikalisches Wort Überschrift wurde, das aus 32 Konsonanten, darunter allein 30 r, besteht. Es lautet:

"Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrl."

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