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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 04.09.2019

Aus den FeuilletonsDer Tod der Moorhühner

Von Ulrike Timm

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Jagdaufseher Alex Hogg steht am 12.8.2003 mit geschultertem Gewehr und zwei erlegten Moorhühnern in einem Gelände bei Eddleston in Schottland. Rechts sein Jagdhund. An diesem Tag begann in England und Schottland die traditionelle Jagdsaison auf Moorhühner.  (picture alliance/dpa/PA Maurice Mcdonald)
Auch in der analogen Welt bewährt als Aggressionsbewältigung: die Moorhuhn-Jagd. (picture alliance/dpa/PA Maurice Mcdonald)

"Twitter ist eine 360-Grad-Hölle", sagt Adam Green im Interview mit der "Zeit". Die "taz" preist hingegen das Internet, speziell das Herumsurfen am Arbeitsplatz. Und überrascht mit der These: Die virtuellen Moorhühner sind nicht umsonst gestorben.

"Sie vertrödeln Arbeitszeit im Netz? Glückwunsch!" sagt die TAZ. Wissenschaftler haben herausgefunden, was man sich vielleicht auch so denken kann, aber gut: Wer Frust schiebt, sich zu wenig gewürdigt fühlt, hat weniger Gewissensbisse, während der Arbeitszeit herumzusurfen.

"Cyberloafing" aber soll Aggressionen am Arbeitsplatz mindern, denn wer unzufrieden ist, dem geht es besser, je mehr er sich online ablenkt. Die TAZ erinnert ans Moorhuhn - vor 20 Jahren begeisterten sich viele dafür, in 90 Sekunden so viele virtuelle Vögel wie möglich umzulegen.

"Moorhuhn bedroht die deutsche Wirtschaft" titelte man damals, und wenn die These mit dem aggressionsmindernden Netztrödeln im Dienst stimmt, dann gilt der TAZ-Satz: "Die Moorhühner sind nicht umsonst gestorben."

"Twitter ist eine 360-Grad-Hölle", sagt dagegen der Sänger Adam Green im Interview der ZEIT und versucht, seinen Social Media-Konsum auf einem Minimum zu halten, meint aber im gleichen Atemzug: "Als Künstler bin ich leider dennoch auf solche Plattformen angewiesen."

Shakespeare im Bauhaus

Die TV-Serie "Die neue Zeit" gibt’s auf allen Plattformen, sie kommt ins Fernsehen, ist in der Mediathek, also im Netz zu finden und bespielt ausführlich die Feuilletonseiten. Arte entdeckt das Bauhaus, der Sechsteiler erzählt zum 100-jährigen Jubiläum von den Gründerjahren – aus weiblicher Perspektive, so hat man es sich vorgenommen. "Wider die ewige Wolle", titelt der Tagesspiegel und spielt darauf an, dass Bauhaus-Studentinnen sich fast ausschließlich in die Weberei verbannt sahen, wo man eine "Frauenklasse" eingerichtet hatte.

"Im Bauhaus steckt allerfeinster Shakespeare-Stoff", frohlockt die Neue Zürcher Zeitung. "Rivalisierende Kräfte, Duelle, Intrigen; Machtgier und moralische Dilemmata", alles da. Die Serie stellt die bislang wenig ausgeleuchtete Affäre zwischen Bauhaus-Papst Walter Gropius und der rebellischen Studentin Dörte Helm in den Mittelpunkt – die NZZ meint über das fulminant ausgestattete Drama allerdings, dass man am Ende über die reale Künstlerin Dörte Helm immer noch wenig weiß.

Ins gleiche Horn bläst die Frankfurter Allgemeine: "Dörte Helm ist die Kunstfigur, die den Aufbruch verkörpert. Von ihren Bildern sehen wir wenig." Aber "ausgestattet, inszeniert und gespielt ist das alles glänzend", so die FAZ weiter, bloß interessiere sich "Die neue Zeit" eben einmal mehr vor allem für "Affären und Amouren". Wenn Sie sich selbst ein Bild machen wollen – die Serie gibt es abends linear auf Arte und auch im Netz. Aber vielleicht doch nicht im Dienst gucken - oder nur die Komplettgefrusteten? Die Moorhuhnjagd vor 20 Jahren allerdings war denn doch deutlich kürzer!

Die Apotheken-Umschau wird jünger

FAZ und Süddeutsche Zeitung würdigen den Fotografen Peter Lindbergh, seine Modefotos waren stilbildend. "Schwarzweiß, gerne etwa körnig und alles in allem sehr lässig. Viel zu nachlässig, wurde ihm zunächst beschieden, und Kleider könne man so auch nicht verkaufen. Die amerikanische 'Vogue', noch ganz dem farbintensiven Glamour verschrieben, lehnte seine Fotos zuerst ab", lesen wir in der FAZ.

Dann aber machte Peter Lindbergh gerade mit diesem Stil Furore, die "Supermodels" der 90er hätte es ohne seine Aufnahmen wohl kaum gegeben. "Für ihn seien die Frauen immer wichtiger gewesen als die Mode", schreibt die Süddeutsche, "weil Frauen bei ihm die Mode tragen, und nicht andersherum". Die aktuelle Ausgabe der britischen "Vogue" trägt noch ein Cover von Peter Lindbergh – jetzt ist der Modefotograf mit 74 Jahren gestorben.

Einen Relaunch bekommt die Apotheken-Umschau verpasst, das meldet der Tagesspiegel, jünger soll sie werden. Was heißt das? "Wir wollen klar machen, dass man das bequem auch mit 35 lesen kann", so der Verlag des kostenlosen Blatts. Das anschauliche Beispiel dazu gibt’s umgehend: "Fußpilz ist völlig altersunabhängig. Wo sonst lesen Sie ausführliche Beipiele über Fußpilz?"

Okay. Das Argument zieht. Apotheken-Umschau: "Weil Fußpilz kein Alter kennt."

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