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Kulturpresseschau | Beitrag vom 23.07.2019

Aus den FeuilletonsDer schlechte Witz der Downing Street

Von Klaus Pokatzky

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Boris Johnson reckt nach seiner Wahl zum neuen Tory-Vorsitzenden beide Daumen in die Höhe. (imago images / i Images / Andrew Parsons)
In der "Welt" prophezeit der britische Schriftsteller William Boyd, dass Boris Johnson sich nicht lange als Premierminister halten wird. (imago images / i Images / Andrew Parsons)

Boris Johnson wird der neue britische Premierminister. In der "Welt" prophezeit der Schriftsteller William Boyd, dass Johnson Großbritanniens Ruf als "Witznation" mehren werde. Die "SZ" nennt den "ultraliberalen Tory" einen "Oberklassenproll".

"Ein guter Satz genügt für den Beginn." Das steht in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. In der Kulturpresseschau muss aber noch mehr geliefert werden. "Hat der Autor eine originelle Idee, wird ihn nichts davon abbringen, sie zu verwirklichen", macht der Schriftsteller Alain Claude Sulzer Mut. "Aus einem einzigen Satz werden Hunderte, Tausende." Naja, wir wollen nun nicht gleich übertreiben. "Wenn alles gut geht! Wenn nichts da­zwischenkommt!"

Der Premierminister als kompliziertes Konstrukt

Eben; hier kommt dauernd was dazwischen. "Er ist ein Lügner. Er lügt. Die ganze Zeit." Solche Zitate wie das hier aus der Tageszeitung DIE WELT kommen dazwischen – und damit jetzt dieser Mensch, der nun alle Schlagzeilen für sich hat, als eine Art Gesamtkunstwerk: "Das Übergewicht, die Derangiertheit, das absichtsvoll zerzauste Blondhaar, die retronoble Sprechweise, die Churchill-Obsession, das Schelmenvokabular – teils Schulhofslang, teils akademisch und literarisch –, das alles ist Teil dieses komplizierten Konstrukts". So rechnet der britische Schriftsteller William Boyd mit Boris Johnson ab, den 100.000 Mitglieder der Konservativen Partei nun als neuen britischen Premierminister auserkoren haben. "‘Boris Johnson‘ ist ein schlechter Witz, und in der überstürzten, manischen Verfolgung des Brexit wird er Großbritanniens Ruf als Witznation mehren", sieht William Boyd voraus – aber auch, "dass Boris Johnson nicht lange Premierminister sein wird. Ein paar Monate, vielleicht. Denn ist man erst Premier, ist das Rampenlicht grell und unerbittlich – ein Versteck gibt es nicht."

Was hatte noch der Literat Alain Claude Sulzer in der NEUEN ZÜRCHER zum harten Dasein des Schriftstellers geschrieben: "Man kann seiner Arbeit sehend oder blind nachgehen; man hat einen Plan, oder man tastet sich voran; als Schrift­steller hat man die Wahl. Keine Frage, dass jede Möglichkeit Risiken birgt." Und das passt natürlich auch zu unserem Boris.

"Johnson, so bequem, ja faul, gewinnend und charmant er wirkt, war stets ein obsessiver Leser und Autor", steht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Als Kind soll er seinen Spielkameraden vorgeschlagen haben, sie könnten doch mit ihm ‚lesen spielen‘", klärt uns Johan Schloemann auf. "Das letzte seiner vielen Bücher war eine sehr persönliche Biografie über Winston Churchill, ‚The Churchill Factor‘, 2014 erschienen." Eine sehr lesenswerte Biographie übrigens! "Klassische Bildung kann eloquent und geistreich machen, schützt aber auch nicht vor niederträchtigen Kampagnen und fehlgeleiteter Politik", erinnert Johan Schloemann an die Rolle, die Boris Johnson bei der Brexit-Kampagne gespielt hat: "Der ultraliberale Tory zeigte nun nicht mehr nur seine private Show als Oberklassenproll, die er in den Seilschaften-, Sauf- und Debattierklubs von Oxford eingeübt hatte, sondern handelte zum Schaden der Nation und Europas." Wir leiden mit der europafreundlichen Queen, die diesen Mann nun zu ihrem Premierminister machen soll.

Die virale Ode 

"Gotthilf Fischer, 91, Deutschlands bekanntester Chorleiter, wird für einen Interneterfolg ausgezeichnet." Es gibt also auch noch gute Nachrichten. "Seine Aufnahme der Europahymne ‚Ode an die Freude‘ kommt nach Angaben von Fischers Management auf insgesamt mehr als 17 Millionen YouTube-Streams und Zehntausende Downloads", erfahren wir aus der WELT. "Dafür gibt es eine Goldene Schallplatte. Chorveteran Fischer soll die Auszeichnung am Mittwochabend in Ludwigsburg aus den Händen von EU-Kommissar Günther Oettinger erhalten."

Freude, schöne Fischer-Chöre.

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