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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.07.2018

Aus den FeuilletonsDer Pakt der Pippi Langstrumpf

Von Arno Orzessek

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Pippi Langstrumpf hat den Mund voll Spaghetti und schneidet sie mit einer Schere ab. (imago)
Immer gegen die Welt der Erwachsenen-Regeln: Pippi Langstrumpf. (imago)

Am langen und heißen Sommer kommen auch die deutschen Zeitungen nicht vorbei. Außerdem klären die Feuilletons auf, was Pippi Langstrumpf mit dem schwedischen Wahlkampf zu tun hat. Und ein Reporter testet den "Sprachdoktor".

"Ganz oben ist es angenehm kühl", betitelt die Tageszeitung DIE WELT einen sommerlichen Beitrag der Kunstfigur Don Alphonso. Deren selbstverliebt-unkorrekte Artikel bis vor wenigen Monaten im Online-Angebot der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu finden waren.

Einsam am See

In der WELT berichtet Don Alphonso vom Glück, in seinem "Stuttgarter Feinstaubmonster", einem Cabrio mit "3,5 Liter V6"-Motor, an den nachtkühlen Tegernsee und nach Italien gereist zu sein. Hier wie dort voller Mitleid der grünen Klimawandel-Apokalyptiker um Robert Habeck gedenkend.

Falls Ihnen, liebe Hörer, jetzt der Gedanke kommt: Tegernsee? Klasse Idee bei dieser Hitze! Nichts wie hin!, dann sei Ihnen gesagt: Don Alphonso verzichtet gern auf Ihr Kommen!

Und er hält es aus praktischen Gründen auch für sinnlos. Denn merke: "Viele der guten Plätze sind bereits von jenen besiedelt, die schon seit Jahren und Jahrzehnten hier und damit länger da sind. Zudem sitzen diese vielen – ich weiß es, ich gehöre dazu – gern in einer gewissen Einsamkeit am Abend am See und schauen zu, wie der Mond aufgeht."

"Das Rot des Sonnenuntergangs, das langsam dem Tuxedoblau der Gebirgsnacht weicht, das leichte Frösteln, wenn ein kühler Wind den See streichelt, das alles wird gern mit 20 Metern Abstand zum Nächsten genossen, sollte man ihn weiterhin als solchen lieben wollen." So der reizende Don Alphonso in der WELT.

Pippi Langstrumpf als tragische Gestalt

Auch in Schweden ist der amtierende Sommer lang und heiß. Sogar "länger und heißer, als je ein Sommer war, jedenfalls soweit sich die Menschen erinnern können", erzählt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Thomas Steinfeld, der es merkwürdig findet, dass Schwedens Politiker im laufenden Wahlkampf "von links bis rechts ein flammendes Bekenntnis zu Pippi Langstrumpf" ablegen.

Laut Steinfeld bedeutet das "nicht nur Gutes". "Denn eigentlich ist auch Pippi Langstrumpf eine tragische Gestalt. Die unendliche Freiheit, die sie genießt, hat einen Preis von der Qualität eines Teufelspakts oder eines Fluchs, auch wenn dieser Preis als lustige Zauberpille mit dem Namen 'Krummelus' daherkommt."

"Dieses Medikament verhindert das Erwachsenwerden. Pippi Langstrumpf kann nur deshalb 'stark, frei und selbständig' sein, weil sie eingeschlossen ist in einen ewigen heißen Sommer, festgehalten in einem Augenblick ihrer Geschichte, ohne Zukunft und, streng genommen, auch ohne Vergangenheit."

Inwieweit die Heranschmeiße der schwedischen Politiker an Pippi etwas Zynisches hat, weil Pippi ja immerzu gegen die Welt protestiert, so wie sie von Erwachsenen eingerichtet wurde. Das lesen Sie bitte selbst nach. Uns überzeugen Thomas Steinfelds Ausführungen nicht restlos. Oder, um so direkt zu sein wie Pippi: Irgendwie eiert sein Gedankengang.

Sprachdoktor hilf!

Wer nun wissen möchte, ob ein Gedankengang überhaupt eiern kann, der kann bei Dr. Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache nachfragen. Für Mitglieder wäre das kostenlos, alle anderen zahlen 1,86 Euro pro Minute.

Wir wissen das so genau, weil Peter Lückemeier in der FAZ über die Sprechstunden von "Sprachdoktor" Kuntzsch berichtet.

"Frage am Telefon: Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen 'Zahl' und 'Anzahl'? Die Antwort kann auch Kuntzsch nicht aus dem Ärmel schütteln, bleibt sie dank des umfangreichen Datenmaterials in Print und im Computer aber nicht lange schuldig: Die 'Anzahl' ist ein Teil der Gesamtmenge. Beispiel: Die Zahl der Zugezogenen liegt bei 500, darunter ist eine erhebliche Anzahl von Studenten."

Die Salzburger "Penthesilia" - ein "großer Wurf"

Tja, ob Dr. Lutz Kuntzsch den Satz "Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel" wohl für gutes Deutsch halten würde? In der FAZ steht er immerhin in einem Titel. Bevor jetzt jemand 1,86 investiert: Heinrich von Kleist ließ in seiner "Penthesilea" so reden.

Und der FAZ-Autor Simon Strauss feiert die Aufführung des Dramas bei den Salzburger Festspielen als "großen Wurf". Das war’s. Wenn Sie das nächste Mal in den Spiegel blicken, wünschen wir Ihnen, dass Sie das sehen, was die TAGESZEITUNG in einer Überschrift beschreibt: "Erstaunlich wenig Doppelkinn."

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