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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.02.2020

Aus den FeuilletonsDer Manipulator mit Rollator

Von Hans von Trotha

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Harvey Weinstein verläßt, auf einen Rollator gestützt, die Verhandlung des Missbrauchsprozesses gegen ihn in Manhattan, New York, USA. (imago images / Kristin Callahan)
Nicht erst seit Prozessbeginn inszeniert sich der des sexuellen Missbrauchs angeklagte Filmproduzent Harvey Weinstein als gebrochener Mann. (imago images / Kristin Callahan)

Harvey Weinstein gibt "das Bild eines rundum Impotenten" ab, wenn er sich zerzaust und auf eine Gehilfe gestützt zeigt, schreibt die "FAZ". So sei der ehemalige "König von Hollywood" weiterhin der "Manipulator" der Bilder, die er selbst schafft.

Warum wird Boris Johnson immer dicker, obwohl er auf Fotos ständig radelt? Warum sitzt Harvey Weinsteins Anzug so schlecht? Warum will der Rapper Travis Bott keinen Sex mit meinem Büffet haben? Es geht immer um das Eine: Es geht um die Deutungsmacht über die Wirklichkeit.

Der radelnde Premierminister

In der SÜDDEUTSCHEN zieht die Schriftstellerin A.L. Kennedy ein – sicher nicht ihr letztes – Brexit-Fazit. "Der Mythos des post-apokalyptisch reibungslos weiterlaufenden Handels hat sich letzte Woche endgültig aufgelöst wie ein Wollpullover im Mähdrescher", stellt sie fest. Und: "Inzwischen stellt unser Premierminister Popo der Killerclown unter Beweis, dass er keine Ideen hat. Wieder mal. London leckt immer noch die Wunden, die seine Versuche hinterlassen haben, sich als Bürgermeister zu betätigen und ohne Aufsicht und Lenkung selbst zu denken."

"Popo", hat Kennedy außerdem beobachtet, "lässt sich gern radelnd fotografieren, auch wenn ihm offensichtlich die körperliche Fitness fürs Radfahren fehlt. Kennedy vermutet - Stichwort: Deutungsmacht – "vielleicht hat er erkannt, dass Faschisten auf Fahrrädern weniger faschistisch aussehen".

Weinstein gibt den Impotenten

Ein besonders widerliches Spiel mit der Deutungsmacht verhandelt Verena Lueken in der FAZ. Es geht um den Prozess gegen Harvey Weinstein. "Die Beweisaufnahme ist vorbei, die Inszenierung nicht", heißt es da. "Was dürfen Opfer? Das ist die Frage." Denn, so Lueken: "Bei sexueller Gewalt sind es immer zuerst die Opfer, an denen gezweifelt wird."

Außerdem: "Wenn in den vergangenen Wochen der Mann, der einst der 'König von Hollywood' genannt wurde, auf eine Gehhilfe gestützt, gebeugt mit vorgestrecktem Kopf mit wenig Haar, dick und in einem schlechtsitzenden Anzug ins New Yorker Gerichtsgebäude schlurfte oder aus ihm herauskam, gab er das Bild eines rundum Impotenten ab. Das konnte nicht ungewollt sein. Weinstein war immer und ist weiterhin ein Manipulator auch der Images, die er erzeugt. Deutungsmacht. Darum geht es", so Lueken, "und darum allein. Deutungsmacht darüber, was als Gewalt zwischen zwei Menschen anzusehen ist."

"Dass über solcherlei überhaupt diskutiert wird", empört sich die Autorin völlig zu Recht, "zeigt, wie wenig die Folgen sexueller Gewalt letztlich zur Kenntnis genommen werden und wie viel den Frauen, die sie erdulden, zugemutet wird: Während der Angreifer die Moral einer Kakerlake haben mag und damit möglicherweise ungeschoren davonkommt, sollen die Opfer sich mit damenhafter Konsequenz den Mechanismen der Industrie, in der sie arbeiten, durch Branchenwechsel entziehen?", fragt sie zynisch.

Da klingt die SÜDDEUTSCHE-Überschrift  "In der Filmbranche gibt es noch Jobs" gleich viel weniger verlockend, unter der die Jobsituation in der Hauptstadt geschildert wird, wo alle "was mit Medien" machen wollen. Fazit: "Der Filmbranche in Berlin und Brandenburg fehlen Fachleute."

Der Roboter, der nicht rappen kann

Gleich daneben ist zu lesen, wie es da weitergeht, wo das schon Gegenwart ist, was nach Hollywood kommen wird – Stichwort: Künstliche Intelligenz. Die Überschrift "Kein Sex mit dem Büffet" verlockt natürlich zur Lektüre. Einer KI, lesen wir da, ist es "gelungen, einen Song zu schreiben, der klingt, als sei er vom amerikanischen Rap-Star Travis Scott".

Und mehr noch – Stichwort: Deutungshoheit: "Ein Deepfake, also ein Video, das die Gesichtszüge und den Körper des Originals imitiert" – wär's Boris Johnson, würde es radeln, bei Weinstein ungeschickt einen unschuldigen Rollator herumschubsen, bei Travis Scott tanzt es "um einen Lamborghini herum". "Das", bemerkt Benedikt Scherm, "wirkt beinahe noch überzeugender als der Song selbst, denn was im KI-Video Verzerrungen und Bildruckler sind, nutzt der echte Travis Scott seit Langem als psychedelisches Stilmittel."

Merke: Die Deutungshoheit verlagert sich schon auf die vermeintliche Qualität der technischen Darstellung. Aber Feuilletonisten sind bekanntlich Spielverderber. Achte man, meint Scherm, "nämlich nur ein wenig darauf, was und nicht wie der Bot singt", dann sei "man doch eher ernüchtert. Travis Bott rappt da, dass er keine Bohne möchte, wenn er angerufen wird, und", da kommt es dann: "I don’t really wanna fuck your party food", also dass er "nicht mit dem Büffet schlafen will", also zumindest nicht wirklich.

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