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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.09.2020

Aus den FeuilletonsDer "liebste Schurke" wird 90

Von Klaus Pokatzky

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Der Schauspieler Mario Adorf (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)
Ganz zu fassen sei Mario Adorf in seinen rund 200 Filmen nie gewesen, schreibt der Tagesspiegel und erinnert ans dessen "raumgreifende Präsenz". (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)

Er könnte gar nicht italienischer sein: Die "SZ" gratuliert dem Weltstar Mario Adorf zum 90. Geburtstag. Nicht nur sein voller Körpereinsatz in actionreichen Westernfilmen habe ihn zu einem anerkannten Schauspieler gemacht.

"Die Mutter der Porzellankiste" präsentiert uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. "Die Vorsicht", also die Mutter der Porzellankiste, "paktiert mit der Wahrscheinlichkeit", schreibt Paul Jandl. "Sie rechnet sich aus, was passieren könnte, und schlägt in Sachen Gefahr noch ein paar Prozente drauf."

Also Vorsicht vor der Vorsicht wird uns geraten. "Man kann sie mit Spott bedenken und hat für diesen Spott auch genügend Bilder. Den Autofahrer mit Hut. Die Ängstlichen, die das vom vergessenen Bügeleisen entfachte Feuer sehen, die Dreifachabschliesser."

Aus Erfahrungen lernen

Der Kulturpressebeschauer outet sich gerne als Vierfachabschließer: mindestens! "Leben heisst, Gefahren abzuwägen. Gefahren abzuwägen, heisst: aus Erfahrung gelernt zu haben." Genau: Beim Kulturpressebeschauer ist schon mal eingebrochen worden – vor 45 Jahren.

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"Die Angst in unserer Gesellschaft besiegt man nicht mit Ratio, sondern durch Mut", sagt da ganz mutig der Jurist und Publizist Milosz Matuschek im Interview mit der Tageszeitung DIE WELT. "Es gibt die Unerschrockenen, die Ängstlichen und Schattierungen dazwischen", zählt Paul Jandl auf. "Wenn man sich ins Leben begibt, wird man diesen Schattierungen begegnen."

Wer die Krise überlebt

Dann begeben wir uns jetzt vor die Bretter, die die Welt bedeuten. "Hoffen kann man lernen, und zwar im Möglichkeitsraum Theater", macht uns Daniele Muscionico Mut – die Hoffnung stirbt eben noch nach der mütterlichen Porzellankiste. "Jetzt spielen die Theater wieder, doch allein mit Hoffnung wird auch hier keiner satt, und allein mit Zuversicht wird kein Platz verkauft", schränkt Daniele Muscionico in der NEUEN ZÜRCHER gleich wieder ein und verlangt von den Theaterleuten Durchhalten in diesen schlimmen Corona-Zeiten:

"Wer jetzt aufgibt, hat bereits verloren. Die Krise scheidet Spreu von Weizen, und nur wer gegen die Verunsicherung der vielen offensive Signale sendet, wird sein Publikum über kurz oder lang zurückgewinnen."

Ein deutsch-italienischer Weltstar

Das muss ein Mann gar nicht mehr machen, der für den Berliner TAGESSPIEGEL "ein Phänomen" ist und für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG "unser liebster Schurke". Mario Adorf hat Geburtstag. "Er spielte in actionreichen Western ebenso mit wie im Neuen Deutschen Film oder in turbulenten Komödien", so der TAGESSPIEGEL.

"1930 in Zürich als unehelicher Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines Italieners geboren und aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in der Eifel", schreibt Markus Ehrenberg. "Ganz zu fassen war Adorf in seinen rund 200 Filmen nie. Immer mit dieser kaminknisternden, warmen Stimme, der raumgreifenden Präsenz, dem ewigen Schnauzbart." Als Feind von Winnetou oder als Mussolini, in der "Blechtrommel" oder im "Großen Bellheim":

"Seine Gewalttätigkeit vermochte ohne Gewalt auszukommen", heißt es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. "Dass er sie oft mit einem Hauch von Verletztheit zu umgeben wusste, ließ ihn nur umso gefährlicher wirken. Adorf kann beides spielen: das Menschliche im verwundeten Tier und das Tierische im verwundeten Menschen", lobt Hubert Spiegel. "Er wollte nicht nur böse sein, sondern als der Schauspieler erkannt werden, der sich seine Rollen intellektuell hart erarbeitete und gleichzeitig mit ganzem Körpereinsatz spielte", lesen wir in der SÜDDEUTSCHEN.

Und nun, so Willi Winkler, "wird der Weltstar Mario Adorf, der deutscher und italienischer gar nicht sein könnte, bereits unglaubliche neunzig. Wir gratulieren".

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