Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Freitag, 26.04.2019
 
Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Kulturpresseschau | Beitrag vom 17.12.2018

Aus den FeuilletonsDer Lauf der Geschichte wiederholt sich

Von Tobias Wenzel

Beitrag hören Podcast abonnieren
In Paris protestieren Anhänger der sogenannten "Gelbwesten".  (AFP/Lucas BARIOULET)
Der Protest in Frankreich erinnert den Historiker David Engels an die Auseinandersetzungen im Römischen Reich (AFP/Lucas BARIOULET)

In der "Welt" wundert sich der Althistoriker David Engels, dass seine Voraussagen zur Europäischen Krise mit den Unruhen in Frankreich eingetroffen sind. Die Auseinandersetzung habe viel von den inneren Kämpfen im Alten Rom vor zweitausend Jahren.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", schreibt Adrian Lobe in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein und erläutert das so: "Nur was sich verbalisieren lässt, existiert auch." Lobe überträgt diesen Gedanken in die moderne Welt der Technik: "Nur was sich in der Beschreibungssprache der Codes ausdrücken lässt, existiert auch. Die Konzerne formatieren die Wirklichkeit."

Der Journalist meint Tech-Konzerne wie Amazon und Google. So könne ein Nutzer eines Googlemail-Accounts, der zu einer Feier eingeladen hat, Absagen durch automatisierte Floskeln, wie "Wir werden dich vermissen" beantworten lassen. Zehn Prozent aller über Gmail verschickten E-Mails würden mittlerweile von Robotern verfasst. Gmail habe eine Milliarde aktive Nutzer. "Man muss sich vor Augen führen, was diese Zahlen eigentlich bedeuten", schreibt Lobe. "Google erlangt dadurch eine Sprach- und Wortgewalt, die es in der Geschichte in dieser Form noch nicht gab."

Perfektionierte Roboter am Telefon

Hinzu kommt Googles Assistent Duplex, der einem mit seiner künstlichen Intelligenz das Telefonieren abnehmen kann. Dabei fügt Duplex Nachdenk-Laute wie "ähm" ein und erscheint dadurch verblüffend menschlich: "Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung weiß dann nicht, dass er eigentlich mit einem Roboter telefoniert." Vielleicht ist diese Kulturpresseschau ja auch von einem Roboter verfasst worden, der sie nun – ähm – äußerst menschlich vorträgt.

Moderner Wahrsager

Wenn sich hinter dem Althistoriker David Engels ein Roboter verbirgt, dann ein selbstbewusster mit Wahrsagerqualitäten: "Als ich vor fünf Jahren die Krise der Europäischen Union mit den letzten Jahrzehnten der Römischen Republik verglich, hatte ich angekündigt, dass Frankreich wie die EU in den nächsten Jahren von gewaltsamen Bürgerunruhen zerrissen werden würde", schreibt Engels in der WELT und ergänzt: "Leider scheint die Geschichte meinen Vorhersagen rechtgegeben zu haben."

Wobei man meint, aus dem Wort "leider" auch ein wenig freudigen Stolz herauszulesen. Die gelben Westen der Gelbwesten hat er zwar nicht vorhergesagt, aber ansonsten wirkt Engels angetan von der Treffsicherheit, die er bei sich selbst ausmacht: "Denn wie sollte man angesichts jener gewaltsamen Auseinandersetzungen, die zurzeit Frankreich an den Rande der Paralyse gebracht haben und langfristig eine ebensolche Zäsur für das Land wie die 68er-Bewegung darstellen könnten, nicht an die inneren Kämpfe der Jahre 60 bis 50 vor Christus denken? Ob es nun die collegia des alten Rom oder die französischen Gewerkschaften sind, Clodius oder die Kombination Mélenchon/Le Pen, die Besetzung des Forums oder die der Champs Élysées", gibt David Engels den Lesern Geschichtsnachhilfe.

Verschwörungstheoretiker ignorieren

Von Geschichte zu Geschichten, vom Belehrer zum Bekehrer. Felix Simon berichtet in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG über "Speaker’s Corner", "eine der bizarrsten kostenlosen Attraktionen" Londons. Jeden Sonntag halten an einer Ecke des Hide Park Menschen, teils auf Trittleitern stehend, Reden. Die Spanne reiche "von radikalen Veganern bis hin zu Leuten, die glauben, Chemtrails seien Realität."

Simon rät Medien dazu, die Verschwörungstheoretiker und Extremisten der weltpolitischen Bühne – er nennt Steve Bannon als Beispiel – genauso zu ignorieren wie die meisten Passanten die Redner der Speaker’s Corner. "Nicht jede Ansicht verdient es schließlich, dass man ihr wertvolle Lebenszeit schenkt", schreibt Felix Simon, führt dann allerdings derart kuriose Beispiele an, dass er entgegen seiner Absicht manchem Leser und ganz sicher dem Roboter, der diese Kulturpresseschau generiert hat, Lust macht, genau diesen Rednern zuzuhören:

"Was für einen Sinn hat es auch, mit jemandem über die Existenz von Echsenmenschen zu diskutieren oder sich einen einstündigen 'Schwerkraft ist eine Religion'-Vortrag anzutun, wenn als Gegenbeweis eigentlich ausreichen würde, dass man dem Redner einen kräftigen Tritt gegen seine Leiter verpasst."

Mehr zum Thema

Forschung zu sympathischem Design - Wenn Roboter zu menschlich werden
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 22.09.2018)

Aus den Feuilletons - "Die möglichen Lösungen liegen vor unseren Füßen"
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 16.12.2018)

Aus den Feuilletons - Vorweihnachtliche Benommenheit
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 15.12.2018)

Fazit

Hamburger Kulturprojekt "African Terminal" am Ende
Menschen draußen im Park am Wasser, man man blickt auf die Landungsbrücken. (imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer)

Das Projekt „African Terminal“ bot Geflüchteten praktische Hilfe an und klärte über die koloniale Geschichte Hamburgs auf. Nun steht das Projekt vor dem Aus und die Enttäuschung der Macherinnen und Macher ist groß.Mehr

weitere Beiträge

Kompressor

Bret Easton Ellis ist zurückJemand, der alle Menschen gleich hasst
Der amerikanische Autor Bret Easton Ellis (imago stock&people)

Mit "American Psycho" schuf er Bleibendes, schockte alle und sorgte für Debatten um die Parallelgesellschaft der Yuppies. Zuletzt sorgte Bret Easton Ellis mit Tweets für Streit. Mit seinem neuen Werk "Weiß" präsentiert er sich nun erneut sehr politisch, meint Kritikerin Jenni Zylka.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur