Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 21.06.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.05.2021

Aus den FeuilletonsDer Hass, der Wissenschaftlerinnen entgegenschlägt

Von Arno Orzessek

Attila Hildmann. (picture alliance/dpa | Carsten Koall)
Attila Hildmann hetzt in seinem Telegram-Channel regelmäßig gegen Pia Lamberty, woraufhin sie Anzeige erstattet hat. (picture alliance/dpa | Carsten Koall)

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty verlässt nur noch mit Maske das Haus, um nicht erkannt zu werden. Seit ihrem Buch über Verschwörungstheorien wird sie bedroht. Ganz vorne mit dabei: Attila Hildmann. Die "SZ" hat Lamberty getroffen.

Offenbar klotzen und nicht kleckern wollten die Verantwortlichen des Prado in Madrid, als sie einer aktuellen Ausstellung den Titel gaben: "Mythologische Leidenschaften: Tizian, Veronese, Allori, Rubens, Ribera, Poussin, Van Dyck, Velázquez."

Glaubt man der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, verspricht das Geklimper mit den ganz großen Malernamen nicht zu viel. Unter dem – ebenfalls wuchtigen – Titel "Liebe, Begehren, Gewalt" legt sich dann auch Paul Ingendaay rhetorisch mächtig ins Zeug:

"Die Ironie bleibt auch dem flüchtigsten Betrachter nicht verborgen: Menschen mit Gesichtsmasken stehen vor großformatigen Gemälden des 16. Jahrhunderts, auf denen nackte Figuren völlig distanzlos miteinander ringen, einander lustvoll bedrängen und überwältigen. Paarszenen, Massenszenen, Gelage. Und davor ein Besucher mit aktuellem PCR-Test. Überall an der Wand leuchtet sinnlich bis opulent gemalte Haut, straffen sich Muskeln und Sehnen, rollen Augen gerade dann himmelwärts, wenn es auf Hüfthöhe besonders irdisch zugeht. Die Blicke wirken manchmal, als wären sie der Frömmigkeit letzter Zufluchtsort, aber was die Körper wollen, ist ziemlich eindeutig."

Wir finden: Das kann so stehen bleiben! Sollten Sie jedoch vermuten, da schwärme ein FAZ-Macho dezent angegeilt über Bilder von Machos, die Machosex zeigen, lesen Sie einfach Paul Ingendaays ganzen Artikel. Sie werden eines Besseren belehrt.

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty wird zur Zielscheibe

Unbelehrbar sind die Menschen, die Pia Lamberty bedrohen. Die Sozialpsychologin hat 2020 gemeinsam mit Katharina Nocun das Buch "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" veröffentlicht, und seither gilt ihr der Hass der Verschwörungstheoretikerszene. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG berichtet Philipp Bovermann von seiner Unterredung mit Lamberty:

"Ihren männlichen Kollegen werde unterstellt, sie seien das pure Böse. Sie hingegen, als Frau, bekomme gesagt, sie sei einfach nur ahnungslos. Vielleicht selbst ein Opfer. Auf jeden Fall hässlich. 'Rote Haare wie die rote Gesinnung', schrieb Attila Hildmann an seine Tausenden Abonnenten auf Telegram. Er fügte auch ihre Mail-Adresse an. 'Könnt ihr ja mal schreiben', um zu fragen, 'wieviel Geld sie von George Soros bekommt', schlug er vor. In Großbuchstaben. Sie zeigte ihn an, über eine der Beratungsstellen für Opfer von Hassrede. Was daraufhin passierte oder vielmehr nicht passierte, erfuhr sie aus den Medien. Inzwischen soll Hildmann in die Türkei geflohen sein, nachdem er beinahe ein Jahr lang zum 'WIDERSTAND!!' und zur Gewalt aufgerufen hatte."

Laut Bovermann verlässt Pia Lamberty ihr Haus nur noch mit Maske, um nicht erkannt zu werden – und mit ihrem Hund. Näheres in der SZ.

Die freiheitliche demokratische Grundordnung ist in Gefahr

Dass in Deutschland die Freiheit auf den Hund kommt – verzeihen Sie uns diese unbeholfene Überleitung –, das behaupten in der Tageszeitung DIE WELT der Professor für Wissenschaftsphilosophie Michael Esfeld und der Philosoph und Ökonom Philip Kovce. Unter anderem beklagen sie sich – was Wunder in diesen Zeiten? – über die Einschränkungen im Zuge der Corona-Maßnahmen und wählen wuchtige Worte:

"Die Corona-Pandemie hat das totalitäre Bereitschaftspotenzial vieler Sonntagsdemokraten in ein postdemokratisches Aktionspotenzial transformiert. Die freiheitliche demokratische Grundordnung steht auf der Kippe."Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Im Übrigen tun Esfeld und Kovce etwas, was längst nicht jeder Kritiker der Corona-Politik tut: Sie skizzieren, wie man's aus ihrer Sicht besser machen könnte:

"Der Staat hätte sich darauf zu beschränken, den Schutz von Risikogruppen zu ermöglichen und den Schutz von Grundrechten zu gewährleisten. Dafür könnte er nicht nur Masken, Impfstoffe und Schnelltests bereitstellen helfen; er könnte auch jedem Bürger, wenn und solange eine 'epidemische Lage von nationaler Tragweite' festgestellt wird, die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten einräumen, freiwillig einen individuellen Lockdown anzutreten."

Wäre das eine Lösung? Oder doch grober Unfug, der ins Verderben führte? Entscheiden Sie selbst! Was die Auseinandersetzung mit solchen Dingen angeht, verweisen wir im Übrigen auf einen Ratschlag, der dem Berliner TAGESSPIEGEL als Überschrift dient: "Immer schön wach bleiben".

Mehr zum Thema

Hetze und Desinformation - Der unterschätzte Hass aus dem Internet
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 30.3.2021)

"Querdenker"-Demonstration - Die neue Masche der Verschwörungstheoretiker
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 3.4.2021)

Corona, Simulation und Wirklichkeit - Der blinde Fleck in der Statistik
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 12.3.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

Freitagnacht JewsGute Gespräche in der jüdischen Bubble
Zwei junge Männer sitzen an einem runden, gedeckten Esstisch aus Holz und unterhalten sich. Hinter ihnen befindet sich als gelbe Leuchtschrift das Wort "Jews".  ( WDR / Christian Pries)

Wie ist es, als Jude in Deutschland zu leben? Darüber redet in "Freitagnacht Jews" der Moderator Daniel Donskoy mit wechselnden Gästen. Kritiker Matthias Dell ist begeistert von dem Prinzip, dass hier jüdische Menschen unter sich ein Gespräch führen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur