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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.02.2019

Aus den FeuilletonsDer Berlinale kann man nicht entkommen

Von Ulrike Timm

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Die Berlinale startet am 7. Februar in Berlin. (imago/STPP)
Die Berlinale startet am 7. Februar in Berlin. (imago/STPP)

Nicht jeder liebt die Berlinale. Besonders hart in ihrem Urteil ist die "Neue Zürcher Zeitung". Sie schreibt: "Die Berlinale ist kein Festival, die Berlinale ist eine Drohung. Furchtbarer Ort. Furchtbare Jahreszeit."

"Man kann ihr nicht entkommen" schreibt die ZEIT. Die Berlinale beginnt.

Katja Nicodemus meint das doppeldeutig – wie ein roter Faden durchziehe das Festival das Thema Heimat, als "Innenwelt, als Sehnsuchtsort, als Schreckgespenst. 'Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause', lautet ein berühmtes Zitat von Novalis, 'Heimat ist dort, wo die Rechnungen ankommen' ein weniger bekanntes von Heiner Müller. Den Raum dazwischen loten die Bilder und Geschichten aus."

"Die Berlinale ist eine Drohung"

Man kann der Berlinale nicht entkommen? In den Zeitungen tatsächlich nicht. Wobei Daniel Haas von der NEUE ZÜRICHER ZEITUNG wohl gerne sehr weit weg wäre:

"Die Berlinale ist kein Festival, die Berlinale ist eine Drohung. Furchtbarer Ort (der Berliner Potsdamer Platz, architektonisch irgendwas zwischen Hannover und Gotham City). Furchtbare Jahreszeit (Berliner Februar: klimatisch in einer zugigen Ecke von Kasachstan) Und dann verbringen die Leute ihre Zeit mit Filmen, die sie sonst nicht einmal gegen Geld anschauen würden, weil das Herkunftsland kaum auszusprechen ist und die Handlung so verstiegen, dass man an Satire denkt, Kostprobe: 'Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie geistern durch die Steiermark.'"

Ok, verstanden.

Hunderttausende Kinofans in Berlin

Trotzdem kommen alljährlich hunderttausende Kinofans, um zu gucken. Und gerade die abstrusesten Konstellationen fördern mitunter Erhellendes zutage. Da wird selbst der Schweizer Kollege plötzlich gnädig:

"Mit Kosslick-Berlinalen konnte man Asien entdecken und Osteuropa, Lateinamerika und die muslimische Welt. Die Berlinale ist eben nicht nur eine Drohung, sie ist auch ein Versprechen."

Aha, das war also vor allem Dramaturgie auf Schwyzerisch.

Allerdings finden fast alle: Eine gewisse Entrümpelung täte dem Festival gut. Allzu viele Filme, Sparten, Zufälliges, Überflüssiges. Nur, wer sagt, was für wen warum überflüssig sein sollte?

Letzte Berlinale für Kosslick

Dieter Kosslick, der nach 18 Jahren als Festivalchef seine letzte Berlinale ins Rennen schickt, sagt sowas nicht – Stärke und Schwäche zugleich. Der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ist er in seiner leutseligen Art mit wehendem Schal und Fröhlichkeit ein "geschickter Bärenknuddler". Vieles habe der Festivalchef ohnehin beim besten Willen nicht beeinflussen können. So hätten sich etwa die im Jahreskalender vorgerückten Oscar-Termine nachteilig auswirken müssen.

Und die FRANKFURTER ALLGEMEINE meint: "Es werden, das lässt sich immerhin nach der Lektüre der Inhaltsangaben sagen, vermutlich fast alle Konflikte zur Darstellung kommen, mit denen die Welt zu tun hat. Nur wenn wir Glück haben, gibt es zwischendurch auch etwas zu lachen."

Nun ist madig machen immer viel leichter als machen, und wie zum Trost oder auch zum Trotz schickt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG eine ganze Seite mit Filmempfehlungen hinterher: "Zehnmal Vorfreude".

Immer weniger wollen in Deutschland ins Kino

An vielen aber geht jedes Kino inzwischen komplett vorbei. Die WELT hält Chef-Filmförderer Peter Dinges die Zahlen unter die Nase: China + 9%, USA +7%, Großbritannien +5%, Polen +5% u.s.w., u.s.w. Deutschland minus 13,9%: "Weltweit steigen die Besucherzahlen – nur bei uns sinken sie."

Ein heißer Sommer und eine maue Fußball-WM reichen als Erklärung nicht aus, selbst dann nicht, wenn man sich klarmacht, dass es immer bestenfalls zwei, drei Filme sind, die zu Publikumsmagneten werden und den Schnitt nach oben ziehen. Und auch wenn die WELT sich über eine ganze Seite mit ihm unterhält, so recht fällt dem obersten Filmförderer dazu nix ein.

Neues "Orang Utan"-Emoji

Dazu passt eines der 230 neuen Emojis: Orang Utan kratzt sich nachdenklich am Kopf.

Trotzdem bemäkelt die SÜDDEUTSCHE die neuen Piktogramme: Wichtige, strittige, ernsthafte Themen bekämen kein Emoji ab. Könnte natürlich daran liegen, dass man Krieg, Not-OP oder Vergewaltigung nicht einfach so mal emojisieren kann. Wäre doch nicht das Schlechteste. Trotzdem, "Otter ja, aber nicht mal Pickel" – das stört die SÜDDEUTSCHE.

Also gut. Wenn Sie es nicht ins Kino schaffen, können Sie ja anderweitig loslegen. Emojis zeichnen zum Beispiel. Und der Orang kratzt sich nachdenklich am Kopf.

Fazit

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